Bugonia
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Bugonia

Ein großer, böser Spaß

Von Christoph Petersen

Anfang der 2000er schien es eine Phase zu geben, in der alles Neue und Aufregende im Genrekino nur noch aus Südkorea stammte. Speziell 2003 kam wirklich alles zusammen: „Memories Of Murder“ von Bong Joon Ho, „Oldboy“ von Park Chan-Wook, „A Tale Of Two Sisters“ von Kim Jee-Woon – und nicht zuletzt „Save The Green Planet!“ von Joon-Hwan Jang, in dem ein Bienen züchtender Verschwörungstheoretiker einen Wirtschaftsboss als Geisel nimmt, weil er ihn für einen Außerirdischen vom Planeten Andromeda hält. Der Humor der längst zum Kultklassiker gereiften Sci-Fi-Komödie ist dermaßen durchgeknallt und dunkelschwarz, dass man sich kaum vorstellen konnte, dass ein Hollywood-Remake da hinsichtlich seines puren Wahnsinns auch nur ansatzweise mithalten kann …

… es sei denn natürlich, der „Greek Weird Wave“-Begründer Yorgos Lanthimos („Dogtooth“) übernimmt die Regie! Gemeinsam mit seinen „Kinds Of Kindness“-Stars Jesse Plemons („Game Night“) und Emma Stone („La La Land“) stürzt er sich in „Bugonia“ ohne Netz und doppelten Boden in den abgefuckten Entführungsplan, bei dem die zweifache Oscargewinnerin nicht nur das Abrasieren ihrer Haare (damit sie nicht mehr mit ihrem Alien-Mutterschiff kommunizieren kann) sowie ein tägliches Einschmieren mit einer Antihistaminika-Creme (das schwächt ihre spezielle Andromeda-DNA) über sich ergehen lassen muss. Auch Stromstöße weit über das eigentlich für Menschen erträgliche Maß sowie das Zertrümmern ihrer Kniescheibe sind Mittel, um sie dazu zu zwingen, Kontakt zu ihrem (vermeintlichen) Alien-Anführer aufzunehmen.

Die Pharma-CEO Michelle (Emma Stone) gerät ins Visier der Alien-Verschwörungstheoretiker. Universal Pictures Germany
Die Pharma-CEO Michelle (Emma Stone) gerät ins Visier der Alien-Verschwörungstheoretiker.

Im südkoreanischen Original war das Entführungsopfer noch ein klischeehafter CEO alter Schule, ein knallharter Knochen, der es gewohnt ist, dass alle nach seiner Pfeife tanzen, und seine Untergebenen wie Dreck behandelt. Im Remake hingegen wurde jetzt nicht einfach nur das Geschlecht gewechselt: Michelle (Emma Stone) hat als CEO eines pharmazeutischen Chemie-Konzerns mit Sicherheit alle nur vorstellbaren Kommunikations-Trainings absolviert. Offenbar aufgrund eines nicht näher ausgeführten Unfalls will sie ihre Angestellten aktuell dazu bringen, wirklich schon um 17.30 Uhr Feierabend zu machen und mehr Zeit mit ihren Familien zu verbringen. Ganz eigenverantwortlich, aber natürlich nur, wenn wirklich nichts mehr zu tun ist und die Quoten auch so erfüllt werden.

Die Kritik an der modernen Wirtschaftswelt, die schon im Original mitschwang, wird im Remake vom Subtext zum Text – und auch sonst setzt Yorgos Lanthimos andere Schwerpunkte: Als der Paketpacker Teddy (Jesse Plemons) und sein offenbar geistig nicht voll entwickelter Cousin Dan (Aidan Delbis) ihr Opfer – mit Jennifer-Aniston-Masken vermummt – kidnappen, erweist sich die Firmenlenkerin zwar auch im Nahkampf als erstaunlich wehrhaft. Aber im Anschluss verzichtet „Bugonia“ weitestgehend auf den actionbetonten Slapstick von „Save The Green Planet!“, sondern setzt mehr auf die psychologischen Wortgefechte zwischen den Stars: Michelle setzt alle möglichen kommunikativen Taktiken ein, um den in ihren Augen in einer Online-Echokammer gefangenen Teddy doch noch zur Vernunft zu bringen.

Weniger Wahnsinn, mehr Cleverness

Im Skript des „The Menu“-Autoren Will Tracy wird also deutlich mehr geredet als im Original. Der ganze Nebenhandlungsstrang um die Ermittlungen der Polizei wurde sogar fast vollständig entfernt, um bei etwa derselben Laufzeit noch mehr Raum für das zentrale Duell zu haben. Das hätte trotz der gewohnten inszenatorischen Mätzchen von Yorgos Lanthimos, der hier meist von unten mit leichtem Fischaugeneffekt filmen lässt, auch leicht zu einem etwas trockenen Kammer- oder präziser Keller-Spiel werden können. Aber das verhindern nicht nur die plötzlich eingestreuten, oft überraschend krassen Boshaftigkeiten, sondern vor allem auch die beiden Stars:

Jesse Plemons gibt nicht einfach einen schrägen Loser von der Stange, sondern verleiht seinem Part eine echte Tragik, bei der man immer wieder in Versuchung gerät, ihm vielleicht doch die Daumen zu drücken. Unterstützt wird er dabei von „Clueless“-Kultstar Alicia Silverstone in einer kleinen, aber eindrücklichen Nebenrolle als seine Opioid-abhängige Mutter, die er in einer Badewanne mit – zumindest in seiner Erinnerung – überdimensionierten Akupunktur-Nadeln zu behandeln scheint.

Teddy (Jesse Plemons) hat auch aufgrund des fortschreitenden Bienensterbens erkannt, dass da eine Alien-Verschwörung auf der Erde in Gang sein muss. Universal Pictures Germany
Teddy (Jesse Plemons) hat auch aufgrund des fortschreitenden Bienensterbens erkannt, dass da eine Alien-Verschwörung auf der Erde in Gang sein muss.

Als MVP erweist sich allerdings einmal mehr Emma Stone, die nach ihrem oscarprämierten Part in Lanthimos‘ „Poor Things“ erneut wirklich alles für ihren Lieblingsregisseur gibt: Mit abgeschorenen Haaren und vollgeschmiert mit Antihistaminika-Creme, die fast schon wie das weiße Make-up eines Stummfilmstars anmutet, sieht sie dem glatzköpfigen Originaldarsteller Yun-Shik Baek plötzlich gar nicht mal so unähnlich. Selbst in einem unbekannten Keller an Händen und Füßen gefesselt, mit herausgesprungener Kniescheibe und geschwächt durch die Stromfolter, hat man nie das Gefühl, dass ihre Entführer ihr auch nur ansatzweise das Wasser reichen könnten…

Fazit: Das anarchische Original war vor allem durchgeknallt und völlig over the top, im Remake versucht Yorgos Lanthimos hingegen viel stärker, zugleich auch noch etwas über den (in seinen Augen wohl gar nicht guten) Zustand unserer Welt zu sagen – vom Klimawandel bis zum Verschwörungswahn. Das ist oft nicht sonderlich subtil, aber zugleich stürzen sich vor allem Jesse Plemons und Emma Stone trotzdem derart rückhaltlos in ihre Rollen, dass ihr Psycho-Duell einem dennoch wahnsinnig viel Freude – der besonders abgefuckten Sorte – bereitet. Und die finalen 15 Minuten sind ohnehin dunkelschwarzes Comedy-Gold!

Wir haben „Bugonia“ beim Venedig Filmfest 2025 gesehen, wo er als Teil des offiziellen Wettbewerbs seine Weltpremiere gefeiert hat.

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