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    Bullet Train
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Bullet Train

    Dieser Zug ist pünktlich aber tödlich

    Von Björn Becher
    Mit ihrer Stunt-Agentur 87Eleven haben sich die „John Wick“-Regisseure David Leitch und Chad Stahelski in den vergangenen Jahren den Ruf als die Hollywood-Experten für Nahkampf-Choreographien schlechthin erworben. Längst arbeiten die Stunt-Profis nicht mehr nur anderen Regisseur*innen zu, sondern setzen getrennt voneinander eigene Filme um: Während Stahelski nach dem gemeinsamen Debüt alleine die düster-ernste Rache-Action-Reihe mit Keanu Reeves weiterführte …

    … spielt in Leitchs Solo-Werken wie „Deadpool 2“ oder „Hobbs & Shaw“ oft auch ein schwarzer, auf Coolness getrimmter und auch Meta-Verweise beinhaltender Humor sowie ein massiver Action-Bombast eine größere Rolle. Im Vergleich zu diesen exzessiven Franchise-Blockbustern ist „Bullet Train“ nun allein schon aufgrund des beschränkten Handlungsortes wieder ein Schritt zurück zu den Wurzeln: Die mitreißend intensive, oft extrem brutale Action liefert nicht nur blutige Schauwerte, sondern hilft auch bei der (Figuren-)Erzählung. Ganz kann Leitch zwar nicht aus seiner Haut und übertreibt es mitunter durchaus mit der aufgesetzten Coolness seiner Cameo-Nummernrevue. Trotzdem ist „Bullet Train“ ein Must-See für Actionfans – und zwar unbedingt auf einer Kinoleinwand.

    Dieser Kofferklau scheint ein Zuckerschlecken: Es fängt alles so gut an für Ladybug.


    Der von seinem Job als Profikiller genervte Ladybug (Brad Pitt) soll kurzfristig für einen Kollegen für einen vermeintlichen Routineauftrag einspringen: Aus einem von Tokio nach Kyoto fahrenden Schnellzug (einem sogenannten Bullet Train) soll er einen Koffer mitgehen lassen. Aber natürlich stellt sich dabei schnell heraus, dass dieser Job alles andere als Routine ist. Schließlich sind noch allerlei andere finstere Gestalten an Bord des Zuges, die aus den unterschiedlichsten Motiven heraus bereit sind zu töten. So wurde etwa einem Vater (Andrew Koji) gesteckt, dass die Person, die seinen kleinen Sohn von einem Hochhaus in die Tiefe geschmissen hat, mit im Zug sitzen soll.

    Dahinter steckt eine Psychopathin namens Der Prinz (Joey King), die ihn damit aber manipuliert und in den Zug lockt. Denn der Vater ist Teil eines elaborierten Plans, um den Verbrecherboss Weißer Tod (Michael Shannon) auszuschalten. Der hat wiederum die als „die Zwillinge“ bekannten Lemon (Brian Tyree Henry) und Tangerine (Aaron Taylor-Johnson) angeheuert. Die sind so ebenfalls an Bord, um den Sohn (Logan Lerman) ihres Auftraggebers sowie den bereits genannten Koffer zu beschützen. So richtig bricht die Hölle los, als der mexikanische Gangster Wolf (Bad Bunny) beim ersten Halt zusteigt und Ladybug erblickt. Denn der Psychopath aus Mittelamerika meint, den Mörder seiner Geliebten zu erblicken. Hinter der Tat steckt aber eine unbekannte weitere Person namens Die Wespe, die auch an Bord ist...

    Pünktlichkeit als Spannungsmotor


    Wer die Deutsche Bahn (gerade zu Zeiten des 9-Euro-Tickets) erlebt, mag es kaum glauben, aber japanische Züge sind fast immer pünktlich – und zwar auf die Sekunde! Dass der Halt an jeder Stelle exakt getimt ist, wird dem Publikum zu Beginn des Films als Fakt mitgegeben, weil er für die Erzählung immens wichtig ist. Denn so wird jeder Stopp zum tickenden Spannungs-Countdown, bei dem das Zerrinnen der Sekunden für Nervenkitzel sorgt: Kommt Ladybug dieses Mal rechtzeitig vor Ablauf der einen Minute Haltezeit von Bord? Oder steigen stattdessen womöglich andere (neue und alte) Bedrohungen in den Zug ein?

    Sowieso nutzt Leitch geschickt seinen Schauplatz und die Suspense-Möglichkeiten, die so ein zugleich enger und doch auch ziemlich langer Zug mit sich bringen: Da passieren Dinge in der ersten Klasse zwischen dem Prinz und dem Vater, von denen Ladybug und die Zwillinge in der zweiten Klasse noch nichts ahnen können, während wir als Publikum längst vorhersehen, dass die gegensätzlichen Pläne bald zu weiteren heftigen Konfrontationen führen werden. Neben der daraus resultierenden dramatischen Spannung, die eine durch den Zug schleichende Giftschlange noch weiter erhöht, ist es vor allem der begrenzte Raum in den schmalen Abteilen, mit dem sehr gekonnt gearbeitet wird.

    Doch nicht nur die Zwillinge haben etwas dagegen, dass der Koffer den Zug verlässt.


    Hier kommen dann auch die speziellen Stärken der 87Eleven-Crew besonders zum Tragen: Die Fights gehen auch in Anbetracht der Enge des Zuges meist direkt in den Nahkampf über, wobei von der Toilettentür bis zur Wasserflasche alles eingesetzt, was irgendwie für die Beteiligten greifbar ist. Die stark inszenierte, in den richtigen Momenten auch schonungslos-brutale Action hat dabei über weite Strecken eine mitreißende und wunderbar intensive Körperlichkeit. Gen Ende gibt dann zwar doch noch einige größere (und nicht ganz gelungene) CGI-Effekte, aber das verzeiht man „Bullet Train“ angesichts der zuvor so effektiv-intimen Fights gerne.

    Leitch zelebriert dabei ausgiebig, wie abgefahren und cool seine überdrehten Kontrahent*innen sind: Da erinnert sich Tangerine etwa daran zurück, wie viele Menschen er und Lemon gerade vor dem Besteigen des Zuges umgelegt haben, um den von ihnen beschützten Gangsterboss-Filius aus den Händen seiner Entführer zu befreien. Der Killer zählt innerhalb der Rückblende laut und in die Kamera die Morde mit, während die brutale Sequenz von Leitch zusätzlich auch noch durch den Schlager „I'm Forever Blowing Bubbles“ von Engelbert Humperdinck unterlegt wird. Das ist schließlich die offizielle Fan-Hymne des Fußballclubs West Ham United, deren Anhänger Tangerine laut seiner Handyhülle ist. Das Gemetzel ist für ihn quasi ein Spektakel wie eine Fußballparty.

    Die Kinderserie "Thomas, die Lokomotive" wird richtig wichtig


    Dass die Figuren immer wieder selbstironisch und selbstreferenziell agieren, schlägt mitunter auch um - und dann wird es nervig bis anstrengend. Zum Glück haben viele der Killer-Spleens aber auch einen für Story und Erzählung wichtigen Hintergrund: Wenn Lemon etwa jedes Geschehen und jede Person mit der von ihm heiß geliebten Serie „Thomas, die kleine Lokomotive“ in Verbindung bringt, ist davon irgendwann nicht nur sein Bruder tierisch genervt. Aber dann gibt es eine späte Wendung, bei welcher der die Zuordnung von Figuren und Kinderserien-Zügen plötzlich doch auch ziemlich wichtig wird…

    Das Drehbuch der Verfilmung eines Romans von Mystery-Autor Kôtarô Isaka ist übrigens eine überraschende Stärke von „Bullet Train“. Ja, es hat Schwächen. Die irgendwann in einem Halbsatz gelieferte Erklärung, warum inzwischen keine regulären Passagiere, sondern nur noch all die Killer an Bord sind, muss man etwa einfach so hinnehmen. Und dass der Running Gag um einen den fahrscheinlosen Ladybug verfolgenden Schaffner (Masi Oka) irgendwann ohne Auflösung fallengelassen wird, ist auch schade. Aber abseits solcher Kleinigkeiten ist es einfach ein Vergnügen, wie sich nach und nach aufklärt, warum all diese Gangster nicht ganz zufällig gemeinsam an Bord des Zuges sind und sich quasi dazu gezwungen sehen, aufeinander loszugehen (selbst wenn ausgerechnet der dramatische Höhepunkt der Enthüllung plötzlich für einen weiteren 5-Sekunden-Gag-Cameo unterbrochen wird).

    Auch der Prinz hat nicht nur einen guten Buchgeschmack, sondern ganz eigene Pläne für den Koffer.


    Dass alle an Bord eine Spur zu sehr auf eine selbstreferenzielle Tarantino-Coolness getrimmt sind, machen neben dem fesselnden Skript vor allem die zahlreichen Stars wett. Brad Pitt agiert unter der Regie seines langjährigen Stunt-Doubles David Leitch, der ab „Fight Club“ viele Jahre für ihn die Knochen hinhielt, mit einer ansteckend-verschmitzten Freude. Als ganz und gar nicht heimliche Szenendiebin erweist sich daneben „The Princess“-Star Joey King, deren sekundenbruchteilschneller Wechsel zwischen unschuldig, verängstigtem Schulmädchen und psychopathischer Strippenzieherin auch beim x-ten Mal noch beeindruckt…

    Fazit: „Bullet Train“ ist eine ungemein spaßige Highspeed-Action-Fahrt mit einem glänzend aufgelegten Brad Pitt, der man neben einigen überflüssigen CGI-Einschüben aber vorwerfen kann, dass sie ihre eigene Coolness etwas zu sehr abfeiert.

     

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