Vier minus drei
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,5
hervorragend
Vier minus drei

Trauernde Clowns

Von Christoph Petersen

Vier minus drei“, da bleibt halt noch einer übrig, möchte man naiv antworten, wenn man den trügerisch harmlosen Titel der autobiografischen Erzählung von Barbara Pachl-Eberhart zum ersten Mal hört. Aber es steckt nicht nur mehr dahinter, sondern sogar Unvorstellbares: „Vier minus drei“ steht für eine Familie, die Eltern und zwei Kinder, von denen innerhalb eines Moments nur noch die Mutter übrig ist. Ein unbeschrankter Bahnübergang und plötzlich ist da nur noch schier unendliches Leid – und die Frage, wie das überhaupt gehen soll mit dem Weiterleben.

Die Wiener Autorin Pachl-Eberhart hat ihre Erfahrungen – zur Selbsttherapie wie auch als Hilfestellung – aufgeschrieben, 2010 avancierte ihr Erlebnisbericht zum Bestseller. 15 Jahre später hat der Salzburger Regisseur Adrian Goiginger („Der Fuchs“) ihre Geschichte verfilmt – und mit „Vier minus drei“ ein wahnsinnig ehrliches, grandios gespieltes, schmerzhaft-berührendes, dabei aber konsequent auf Kalendersprüche und Binsenweisheiten aller Art verzichtendes Stück Kino geschaffen. Sicherlich kostet es Überwindung, sich einer solchen Trauererfahrung auszusetzen, doch es lohnt sich – und zwar sowas von.

Als Barbara (Valerie Pachner) den Clown Heli (Robert Stadlober) auf der Straße auftreten sieht, spricht sie ihn hinterher ganz spontan an. Alamode Film
Als Barbara (Valerie Pachner) den Clown Heli (Robert Stadlober) auf der Straße auftreten sieht, spricht sie ihn hinterher ganz spontan an.

„Vier minus drei“ verwebt zwei Stränge miteinander: Nachdem sie bei der Aufnahmeprüfung an der Schauspielschule gescheitert ist, entdeckt Barbara (Valerie Pachner) auf dem Marktplatz den Straßenclown Heli (Robert Stadlober) – und fängt spontan eine Ausbildung als seine Co-Clownin an. Aus der beruflichen Partnerschaft wird schnell mehr, zweimal erhält die kleine Familie Zuwachs. Doch es ist nicht alles nur Sonnenschein, finanziell drückt durchaus der Schuh (selbst wenn Clowns bekanntlich Größe 95 tragen). Heli beharrt auf seinen ehernen künstlerischen Ambitionen, während Barbara als Krankenhausclown zwar kein gewaltiges, aber doch zumindest regelmäßiges Einkommen beisteuert.

Parallel erfährt Barbara im Radio von einem schrecklichen Crash an einem Bahnübergang. Kurz darauf erhält sie einen Anruf von ihrer besten Freundin, sie solle auf keinen Fall zur Unfallstelle fahren. Die traurige Gewissheit folgt prompt: Heli ist noch vor Ort gestorben, die Kinder liegen im Koma, werden aber beide nicht mehr aufwachen. Auch wenn sie die Beerdigung gegen den Willen ihrer strenggläubigen Schwiegermutter als Clownsparty ausrichtet, steht Barbara anschließend vor dem Nichts. Selbst als Krankenhausclown will sie niemand mehr einsetzen, denn wie soll sie Kindern Freude bringen, wenn doch alle wissen, dass sie selbst ihre ganze Familie verloren hat?

Valerie Pachner ist eine Offenbarung

Ihren endgültigen Kino-Durchbruch feierte die Österreicherin Valerie Pachner 2019 mit dem Berlinale-Wettbewerbsbeitrag „Der Boden unter den Füßen“ – aber eben dieser wird ihrer Figur nun weggerissen. Dabei verzichten der Film und die Hauptdarstellerin gleichermaßen darauf, mit platten Mitteln auf die Tränendrüse zu drücken. Ganz im Gegenteil erlauben sie vor wie nach dem tödlichen Unfall jede Menge Ambivalenzen, die dem tragischen Geschehen eine ganz besondere Authentizität verleihen – und dem Publikum erst recht ungebremste Schläge in die Magengrube verpassen: So werden vor dem Unfall auch Streitereien nicht einfach ausgespart …

… und anschließend versinkt Barbara dermaßen tief in einer durch ein Kindergartenbild ausgelösten Wunsch-Wahn-Vorstellung, dass sie sogar mit fremden Männern auf Parkplätzen schläft, um ihre vermeintlich auf einem Regenbogen auf sie wartende Tochter erneut zur Welt zu bringen. Ebenso wäre es ein Leichtes gewesen, die auf eine möglichst klassische Beerdigung bestehende Schwiegermutter als Antagonistin hinzustellen und den plötzlichen Clowns-Auftritt als kathartischen Triumph über ihr Spießertum zu feiern. Aber mit solchen doch eher simplen Reflexen hat „Vier minus drei“ zum Glück gar nichts am Hut.

Als Heidi Appenzeller tröstet sie nicht nur Kinder im Krankenhaus. Wenn sie mit ihrer Verzweiflung gar nicht mehr weiter weiß, flüchtet sich Barbara auch selbst in ihr Clowns-Alter-Ego. Alamode Film
Als Heidi Appenzeller tröstet sie nicht nur Kinder im Krankenhaus. Wenn sie mit ihrer Verzweiflung gar nicht mehr weiter weiß, flüchtet sich Barbara auch selbst in ihr Clowns-Alter-Ego.

Wie schon das Buch geht auch der Film nicht nur dorthin, wo es wehtut (das tut es hier ja eh fast überall), sondern auch dorthin, wo es unschön, vielleicht sogar ein wenig verstörend wird (so etwa, wenn sich Barbara bei einem Date mit einem von Hanno Koffler gespielten TV-Bergdoktor in ihre schweizerdeutsche Clowns-Kunstfigur Heidi Appenzeller flüchtet). Trauer ist mitunter eine dreckige Angelegenheit – und Regisseur Goiginger hat da, wie auch schon in seinem Alkoholikerinnen-Drama „Die beste aller Welten“, erfreulicherweise nicht nur die nötige Reife, sondern auch keinerlei falsche Scheu.

Das soll jetzt jedoch auf keinen Fall heißen, dass es eine Tortur wäre, sich den Film anzusehen. Ganz im Gegenteil: Natürlich fällt es oft so schon schwer genug, sich aus dem Sofa zu raffen, um ins Kino zu gehen – und dann auch noch ein Drama mit einem solch schweren Thema. Aber gerade aufgrund seiner schonungslosen Ehrlichkeit entfalten auch die optimistischeren Momente eine ganz andere Wirkung. Ja, auch dem Publikum wird hier für zwei Stunden der Boden unter den Füßen weggezogen – dafür erlangt man jedoch am Ende ein Stück weit den Glauben an die Menschlichkeit zurück. Ganz großes Kino.

Fazit: Es wird sicherlich nicht wenige geben, die die zwei Stunden von „Vier minus drei“ mehr oder weniger durchheulen – aber das ist es absolut wert.

Wir haben „Vier minus drei“ im Rahmen der Berlinale 2026 gesehen, wo der Film in der Sektion Panorama seine Weltpremiere gefeiert hat.

Möchtest Du weitere Kritiken ansehen?
Das könnte dich auch interessieren