Spätestens Sharon Stone sorgt für den nötigen Brutalo-Pepp!
Von Sidney ScheringVor vier Jahren kam ein Niemand (sprich: Familienvater vom Typ Buchhalter), legte sich nichtsahnend mit der russischen Mafia an und eroberte so die Herzen zahlreicher Actionfans: „Better Call Saul“-Charakterkopf Bob Odenkirk bewies mit „Nobody“ nicht nur, dass ein erstaunlich überzeugender Actionheld in ihm steckt, sondern obendrein, dass er das Zeug dazu hat, selbst der „John Wick“-Saga Konkurrenz zu machen. Interne Konkurrenz, um genau zu sein, schließlich stammt „Nobody“ ebenfalls aus der auch für den „John Wick“-Kosmos verantwortlichen Stuntschmiede 87North Productions!
Noch dazu verantwortete „John Wick“-Autor Derek Kolstad das Drehbuch, während sich „John Wick“-Co-Regisseur David Leitch als Produzent beteiligte. Bei der heiß erwarteten „Nobody“-Fortsetzung sind (fast) alle erneut mit von der Partie, nur auf dem Regiestuhl kam es zu einem Wechsel: „Hardcore“-Regisseur Ilya Naishuller macht Platz für Timo Tjahjanto, den Mann hinter dem ultrabrutalen Netflix-Reißer „The Night Comes For Us“. In „Nobody 2“ hält sich Tjahjanto zunächst (arg!) spürbar zurück. Aber sobald er dann erst mal freidreht, macht auch die Fortsetzung richtig fies Spaß!
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Der verschuldete Auftragskiller Hutch Mansell (Bob Odenkirk) wird von seinem Arbeitsalltag zermürbt: Er hat kaum noch Zeit für seine Familie – und das ständige Kaltmachen von bösen Buben hängt ihm langsam zum Hals raus. Also plant er einen Familienurlaub im beschaulichen, etwas abgetakelten Touristenstädtchen Plummerville, an das er wohlige Erinnerungen hat: Genau dort verbrachten sein Bruder (RZA), sein Vater (Christopher Lloyd) und er einst ihre einzigen gemeinsamen Ferien!
Während sich Hutchs Kinder (Gage Munroe und Paisley Cadorath) nur mitschleppen lassen, ist seine Frau Becca (Connie Nielsen) sogar einigermaßen optimistisch. Trotzdem mahnt sie, dass ihr Gatte seine streitlustige Seite doch bitte daheim lassen solle. Kaum in der Touristenfalle mit dubiosem Wasserpark, altmodischer Spielhalle und lärmenden Jahrmarktbuden angekommen, schikanieren die Familie des korrupten Wasserparkbesitzers (John Ortiz), ein zwielichtiger Sheriff (Colin Hanks) sowie dessen Handlangerbande die Kinder von Hutch. Das lässt der liebende Vater nicht auf sich sitzen! Allerdings ahnt er dabei nicht, dass er damit in ein Wespennest sticht und den Zorn der Gangster-Bossin Lendina (Sharon Stone) auf sich zieht...
„Nobody 2“ beginnt wie eine 08/15-Action-Fortsetzung, nämlich als Neuaufguss des Vorgängers unter leicht veränderten Bedingungen: Wieder ist Hutch in seinem monotonen Alltag gefangen; wieder drängt ihn sein Gerechtigkeitsempfinden dazu, Fieslinge aufzumischen; wieder haut er dabei zum Erstaunen seiner Gegner hart zu; wieder ruft er damit eine noch ruchlosere Person auf den Plan. Zugleich verändert die Verlagerung der Action in eine schäbige Touri-Hölle die ganze Stimmung: Verlangte das Ambiente des Vorgängers am ehesten noch nach einem Glas Scotch, steht diesmal Cocktail-mit-Schirmchen-Billigferien-Atmosphäre im Zentrum – launig-ironische Hitsong-Beschallung inklusive!
Aus der Kluft zwischen Hutchs romantisierten Erinnerungen an Plummerville und der ranzigen Realität holt Tjahjanto leider längst nicht so viele Gags heraus, wie möglich gewesen wären. Jedoch nutzt er den Schauplatz für eine quirlig-erfrischende Wiederholung einer der stärksten Szenen aus Teil eins: Wieder muss Hutch einsam einen Haufen Handlanger in einem außerdem von untätigen Normalos bevölkerten Bus fertig machen – nur ist es dieses Mal ein „Duck Boat“, das Hutch seinem Sohn ehrfürchtig als militärischen Wasser-Bus anpreist (bevor er sich zu Hutchs Enttäuschung dann doch als Touri-Attraktion mit Quietscheentchen-Motiv herausstellt).
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Das Skript folgt zudem einem altbekannten Sequel-Mantra. Dieses Mal wird es nämlich noch persönlicher, schließlich wird Hutchs Rachedurst auch deshalb geweckt, weil seine Kinder in einer Spielhölle schikaniert werden. Anhand von Hutchs alles lostretendem Selbstjustiz-Ausraster lässt sich zudem aufzeigen, weshalb „Nobody 2“ ein zwar guter, aber dem Vorläufer nicht vollauf ebenbürtiger Actioner geworden ist: Hier wird ein Widersacher lärmend in den Flipperautomaten gezimmert, dort greift jemand den an einem Spielgerät befestigten Hammer, bekommt aber dessen begrenzte Reichweite stattdessen am eigenen Leib zu spüren. Allerdings scheint der „Headshot“-Regisseur Timo Tjahjanto Startschwierigkeiten zu haben, seinen dreckig-blutigen Brachialstil an die Stimmung eines oftmals augenzwinkernden Action-Vergnügens mit Feriensetting anzupassen.
Vor allem die Arcade-Kloppe ist stark auf eine sich wiederholende „Vorbereitung, Durchführung, Pointe“-Dramaturgie gebürstet, die allerdings dezent holpert: Ein Requisit oder ein Hindernis wird prominent gezeigt, es kommt zu einer dynamischen Rangelei, und alles suggeriert, dass eine zynische Pointe oder eine groteske Gewaltspitze folgt – und dann geht es wieder von vorne los. Doch die vielen Mini-Crescendi sind in „Nobody 2“ eingangs oft zu zahm und beiläufig, um nach all dem Vorlauf vollauf zu überzeugen. Es fehlt das sprichwörtliche Salz in der Suppe.
Zunächst tröstet primär Colin Hanks als genüsslich-arroganter Schmierlappen von Sheriff über diesen Wermutstropfen hinweg. Aber dann betritt Sharon Stone die Bühne und pusht „Nobody 2“ zu neuen, barschen Höhen: Mit gegelten Haaren, getönter Brille, rasiermesserscharfen, extralangen Fingernägeln sowie einem manischen Grinsen gibt die „Basic Instinct“-Legende eine grandios überzeichnete, machthungrige und blutdurstige Schurkin ab.
Und die erweist sich nicht nur dank der spielfreudigen Stone als ein gewaltiger Schuss an Energie, von dem „Nobody 2“ enorm profitiert: Lendina lebt in einer ohnehin schon kaltblütigen Casino-Szene eine regelrecht soziopathische Haltung zu Gewalt vor – mit der selbst ihre eigene Privatarmee nur mühsam mitzuhalten vermag. Kaum wird diese Truppe nach Plummerville geschickt, ist Tjahjanto endlich voll in seinem Element und würzt den Rest des Films mit derberem Humor, schmerzhaft-ausgefeilten Kämpfen sowie einem fiesen Wettrüsten an bizarren Gewaltspitzen.
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Fortan werden Jahrmarktbuden zum Schauplatz einer FSK-16-Antwort auf „Kevin – Allein zu Haus“ – und selbst der den Film bis dahin eher ausbremsende Christopher Lloyd sorgt plötzlich für massig Bleihagel, bei dem dieses Mal „Wonder Woman“-Amazone Connie Nielsen denkwürdig austeilen darf. Obendrein erhalten wir die unvergesslich inszenierte Antwort auf die Frage, wie der Kampf Machete versus Katana wohl ausgehen würde. Mit dieser Absurdität, diesem Erzähltempo und dieser Gewalt-Spielfreude auf konzentriertem Raum (der Film dauert nicht mal 90 Minuten) empfiehlt sich „Nobody 2“ als die kompaktere Alternative zum offiziellen „John Wick“-Ableger „Ballerina“. Und wer weiß: Wenn man in „Nobody 3“ noch konstanter auf die Regie-Stärken setzt, befindet sich Hutch vielleicht wieder durchgängig auf Augenhöhe mit Keanu Reeves' John Wick?
Fazit: Sharon Stone gibt eine großartige Schurkin ab, Bob Odenkirk bleibt ein sympathischer Actionheld, das Touristenfallen-Setting sorgt für amüsante Abwechslung – und sobald Brachialregisseur Timo Tjahjanto nach der anfänglichen Zurückhaltung doch noch die Hemmungen fallen lässt, wird „Nobody 2“ zu einem köstlich-abgedrehten Action-Cocktail.