"E.T." für eine neue Generation
Von Janick NoltingBislang hat man A24 eher selten mit Kinder- und Familienfilmen in Verbindung gebracht. Mit Titeln wie „Der Leuchtturm“ oder „Everything Everywhere All At Once“ stand das Indie-Studio bislang vor allem für außergewöhnliches Independent- und Genrekino für Erwachsene. Doch mit steigender Popularität scheint A24 auch seine Zielgruppen erweitern und verjüngen zu wollen. „Die Legende von Ochi“ ist einer der ersten Versuche, einen familienfreundlichen Film für das hauseigene Portfolio auf die Beine zu stellen – und das Unterfangen ist herausragend geglückt. Autor und Regisseur Isaiah Saxon legt mit seinem Kinodebüt ein atmosphärisch einnehmendes, bildgewaltiges Fantasy-Abenteuer vor, an dem man sich kaum sattsehen kann.
„Die Legende von Ochi“ spielt auf der Insel Carpathia, wo Yuri (Deutschlands Shootingstar Helena Zengel, „Systemsprenger“) mit ihrem Vater (Willem Dafoe) lebt. Yuri und den anderen Kindern und Jugendlichen schärft man dauernd ein, dass die sogenannten Ochis, kleine, pelzige Wesen, die in der Natur ihr Unwesen treiben, gefährlich sind. Als das Mädchen aber ein verletztes Ochi-Baby im Wald findet, beginnt sie, die Schauergeschichten zu hinterfragen und gegen die Regeln ihrer Gemeinschaft aufzubegehren. Die Teenagerin büxt aus und begibt sich auf eine Reise, um den Ochi wieder zu seiner Familie zurückzubringen…
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Schon eine kurze Inhaltszusammenfassung verrät, dass die Prämisse von „Die Legende von Ochi“ deutliche Parallelen zu „E.T. – Der Außerirdische“ aufweist. Dass Isaiah Saxons Fantasyfilm nun einen ähnlichen Kultstatus erlangen wird wie Steven Spielbergs Klassiker, ist natürlich eher nicht zu erwarten. Vielleicht mangelt es ihm dafür auch ein wenig an thematischer Originalität. An kreativer Detailfreude und Liebe zu den Zaubertricks, die man im Kino so anstellen kann, nehmen sich die beiden Filme allerdings wenig. „Die Legende von Ochi“ begeistert vor allem deshalb, weil er zwar durchweg familientauglich bleibt, aber dennoch nicht das Garstige und Bedrohliche scheut. Dazu kommen die ästhetische Verschrobenheit und Eigenwilligkeit, für die viele A24-Werke bekannt sind.
Die Heldinnenreise von Yuri und ihrem flauschigen Freund liebt das Befremdliche und Anachronistische. Das heißt: Immer wieder werden Elemente kombiniert, die zeitlich überhaupt nicht zusammenzupassen scheinen. Schon in den ersten Eindrücken von der rauen Wildnis der Insel lauert ein Bruch. Wie man eingangs erfährt, gehen die meisten Menschen hier der Landwirtschaft nach. Gerade beobachtet die Kamera einen Pferdewagen auf einem Feld, da rast im Vordergrund plötzlich ein Auto vorbei. Die Moderne hat in diese Welt Einzug gehalten und wirbelt alle Zeiten durcheinander.
Nachts gehen die Männer im Wald auf Ochi-Jagd. Ihr Anführer: Willem Dafoe („Poor Things“) als Patriarch, der nicht etwa mit dem Gewehr zu Felde zieht, wie es die anderen tun, sondern mit Speer oder Axt und altertümlich anmutenden Rüstungsteilen. Diese schrägen, aus der Gegenwart fallenden Eindrücke haben Methode. Solche Anachronismen laden dazu ein, sich zu fragen, wie das überhaupt sein kann: Warum hängen die Menschen nach allem Fortschritt noch immer so in alten Gewaltspiralen, Abgrenzungen und Denkweisen fest?
Wie man es aus vielen Kinder- und Familienfilmen kennt, ist das sehr didaktisch aufgezogen und auf eine Moral zugespitzt. Allerlei Rührseligkeit soll dabei helfen. Gerade zum Ende hin müssen die Augen vor der Kamera feucht werden, um die großen Emotionen herauszukitzeln. Und dann sehen die Ochis auch noch so niedlich aus! Eigentlich hätte der Film solche Kniffe gar nicht nötig gehabt. Man ist schon vorher gerührt von dieser Odyssee durch Wälder, Wasser und Gestein, auch ohne derlei dick aufgetragene Tränendrüsen-Effekte. Nicht, weil „Die Legende von Ochi“ noch einmal die Bedeutung von Familie beschwören will, eine seiner oberflächlicheren Pointen, sondern weil er sich lange mit so kleinen, zarten Gesten an einer Grenzaufhebung versucht.
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Isaiah Saxons Film positioniert sich gegen Militarismus und eine Gesellschaft, die die Welt allein in Gut und Böse einteilen will. Wenn Willem Dafoe mit seiner kleinen Armee von Kindersoldat*innen aufbricht, sind das groteske, aber auch verstörende Bilder. Schon in jungen Jahren hat man den Nachwuchs zum Waffendienst und nach strikten Feindbildern erzogen. In den Aufrüstungsdebatten und geopolitischen Konflikten der Gegenwart wirken diese Bilder umso finsterer und unbequemer in ihren Spiegelungen.
Eingebettet ist diese Kritik in eine Befragung der menschlichen Rolle in der Natur. Eigentlich steht der Mensch erst am Beginn, zu begreifen, in welchem Netzwerk er existiert und welche Kommunikationen zwischen Lebewesen und der Umwelt dort vorherrschen. Um die Möglichkeit einer gemeinsamen Sprache geht es immer wieder. Laute und Musik sollen ein Verständnis füreinander schaffen. Auch wenn dieser Prozess mit Anstrengung, zum Teil auch mit Schmerz verbunden ist. Eine symbolträchtige Bisswunde lässt „Die Legende von Ochi“ sogar kurzzeitig in den Body Horror kippen. Der ganze Körper wird schließlich zur Schnittstelle und zum Medium, um sich dem angeblichen Feind anzunähern. Plötzlich erkennt man, dass man sich gar nicht so sehr unterscheidet, wie man es sich oft einredet.
Saxons Kunststück besteht darin, dass er für solche Ideen auch die ästhetischen Entsprechungen findet. Sein Film sucht vor allem die Nähe zu den Berührungen. Das tastende Erkunden der Welt ist hier in enorm sinnliche Bilder übersetzt. Und wo, wenn nicht auf der großen Leinwand, lassen sich all die verborgenen Texturen und Details von Haut, Fell, Holz, Moos und Gestein so gut betrachten? Man möchte am liebsten selbst in die Bilder greifen und all die Oberflächen berühren, die ihre ganz eigene Kino-Sprache sprechen. „Die Legende von Ochi“ könnte ebenso gut als Stummfilm funktionieren. Man könnte die verbliebenen Dialoge komplett streichen und würde die Botschaften dennoch verstehen.
Zu verdanken ist das auch der ganzen Tricktechnik, die virtuos digitale und praktische Effekte vereint. Wuchtige Bilder von nebeligen Wäldern und Gebirgen treffen hier auf gemalte, künstlich gestaltete Elemente und Hintergründe. Mitunter erinnern all diese mythisch und mystisch aufgeladenen Naturräume „The Green Knight” (ebenfalls von A24). Um die Ochis zum Leben zu erwecken, hat man derweil vor allem auf Puppenspiel gesetzt – und es ist verblüffend, wie real diese Wesen erscheinen, wenn sie mit menschlichen Gegenparts interagieren.
Fazit: Mögen die erzählerischen Übergänge zwischen den Stationen und die Charaktere auch etwas holprig konstruiert sein: Es ist unglaublich, was hier mit einem Budget von nur etwa zehn Millionen Dollar für eine Schönheit auf die Leinwand gebracht wurde. Isaiah Saxon erzählt in seinem Debüt eine zeitlose Abenteuergeschichte über das Verhältnis des Menschen zur Natur und über Gewalt gegenüber dem Fremden. „Die Legende von Ochi“ ist dabei vor allem tricktechnisch eine Augenweide und einer der stärksten Familienfilme der letzten Jahre.