Nach dem Löffelchen voll Zucker kommt jetzt die Medizin
Von Christoph PetersenDie erste Einstellung ist direkt eine der stärksten des gesamten Films: Sie zeigt den Bau der ikonischen Gelben Backsteinstraße („Yellow Brick Road“), die sich einmal quer durch Oz zieht. Allerdings haben diese Arbeiten so gar nichts Märchenhaftes an sich. Statt an die fröhlich pfeifenden Minenarbeiter-Zwerge in „Schneewittchen“ denkt man sofort an den menschenvernichtenden Bau der amerikanischen Eisenbahn – indigene Sklavenarbeit inklusive. Nachdem die Handlung von „Der Zauberer von Oz“ in „Wicked“ noch in sicherer Entfernung im Hintergrund mitschwang, kriegt die Story der hinters Licht geführten Hexenjägerin Dorothy in „Wicked: Teil 2“ sehr viel offensiver ihr Fett weg. Aber die Anspielungen auf Lyman Frank Baums Kinderbuch-Klassiker sowie dessen legendäre Verfilmung aus dem Jahr 1939 sind längst nicht das Einzige, was in „Wicked: Teil 2“ düsterer ausfällt.
Nachdem die bereits seit 2010 geplante Verfilmung des globalen Musical-Megahits mehr als ein Jahrzehnt lang nicht so recht vom Fleck kam, bestand der neu hinzugestoßene Regisseur Jon M. Chu („Crazy Rich“) von Anfang an darauf, das Broadway-Spektakel in zwei Teilen verfilmen zu dürfen. Diese zentrale Entscheidung bescherte ihm nicht nur mehr Zeit, um die Geschichte ohne Stauchungen oder Kürzungen zu erzählen, sie hatte auch noch den Nebeneffekt, dass man ein nicht mit der Broadway-Vorlage vertrautes Publikum zunächst einmal mit dem maximal-euphorischen (Magische-Highschool-)Musical „Wicked“ anlocken konnte, bevor es in der zweiten Hälfte nun thematisch so richtig ans Eingemachte geht. Ganz nach dem Motto eines anderen legendären Kinomusicals: „Ein Löffelchen voll Zucker versüßt dir die Medizin.“
Universal Pictures
Nachdem Glinda (Ariana Grande) im „Defying Gravity“-Finale von „Wicked“ nicht gemeinsam mit Elphaba (Cynthia Erivo) davongeflogen ist, finden sich die einst besten Freundinnen auf entgegengesetzten Seiten des Konflikts wieder: Während die als „Böse Hexe des Westens“ gebrandmarkte Elphaba allein im Wald haust und immer wieder Anschläge auf die Armee und die Infrastruktur des Zauberers (Jeff Goldblum) verübt, wird Glinda zur pinkfarbenen Propagandamaschine der manipulativen Madame Morrible (Michelle Yeoh).
Zwar startet Glinda, die langsam versteht, dass sie womöglich auf der falschen Seite steht, noch einen letzten Versöhnungsversuch. Aber auch der ist aufgrund der Verschlagenheit des Zauberers von vornherein zum Scheitern verurteilt: Stattdessen wird ein ganz besonderes Quartett – bestehend aus einem jungen Mädchen aus Kansas, einer Vogelscheuche, einem Blechmann und einem feigen Löwen – auf die Böse Hexe des Westens angesetzt…
Nichts ist hier auch nur annähernd so schlimm wie die Szene in „Solo: A Star Wars Story“, in der wir die „wahre“ Geschichte hinter Han Solos Nachnamen erfahren. Aber in dieser geballten Form wirken die „Zauberer von Oz“-Enthüllungen dennoch stellenweise wie ein pflichtbewusstes Abarbeiten: Nicht nur die mehr oder weniger überraschenden Origin Storys des Löwen, des Blechmanns und der Vogelscheuche werden nachgereicht. Neben anderen Fragen, die wir uns beim Lesen bzw. Schauen des Originals ehrlicherweise nie gestellt haben, werden auch noch der Ursprung des Wirbelsturms sowie die Herkunft der rotglitzernden Lackschuhe (von denen ein Paar bei einer Requisiten-Auktion einst für 660.000 Dollar versteigert wurde) aufgeklärt.
Aber davon abgesehen hat Jon M. Chu sehr wohl verstanden, warum der erste Teil am globalen Box Office mehr als eine Dreiviertelmilliarde Dollar in die Kinokassen gespült hat: Nach den euphorischen Reaktionen inklusive zehn Oscarnominierungen, die „Wicked“ sowie seine Meme-Maschine-Pressetour eingefahren haben, liegt der Fokus in „Wicked: Teil 2“ noch stärker auf der Beziehung von Glinda und Elphaba. Die beiden haben nicht nur mehr gemeinsame Szenen als in der Bühnenversion, es wurden auch viele eher platte (Hexen-)Jokes gestrichen, um stattdessen noch mehr tiefergehende Charaktermomente zu kreieren – und in dieser Hinsicht ist „Wicked: Teil 2“ vor allem dank der auch weiterhin unfassbar starken Chemie zwischen Ariana Grande („Don’t Look Up“) und Cynthia Erivo („Harriet“) ein voller Erfolg.
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Die noch nicht in Käfige gesperrten Tiere emigrieren durch unterirdische Tunnel in der Gelben Backsteinstraße, die Munchkins dürfen ohne spezielle Erlaubnis ihre Heimat nicht mehr verlassen – und überall ploppen Plakate auf, deren Ästhetik augenblicklich an die Propaganda des Dritten Reichs erinnert. Aber trotz der (unter-)drückenden Stimmung ist auch „Wicked: Teil 2“ über weite Strecken verdammt unterhaltsam geraten: Wenn Glinda ihr Fluggerät betritt, um das sie per Fußdruck eine rosafarbene Blase entstehen lassen kann, ist das nicht nur ein visuell ansprechender Running Gag, sondern darf sehr wohl auch als bissiger Kommentar auf ihr Gefangensein in einer „Bubble“ verstanden werden.
Sowieso wird Ariana Grande nach ihrer vor allem humorvollen Rolle im ersten Teil diesmal sehr viel stärker gefordert: Schließlich ist es diesmal Glinda, die all jene Entwicklungen nachholen (und Schlüsse ziehen) muss, die Elphaba bereits in „Wicked“ auf oft schmerzhafte Weise hinter sich gebracht hat. Wobei das nur noch deutlicher macht, wie schamlos Filmproduktionen mitunter schummeln, um ihre Chancen bei den Oscars zu erhöhen: Es war schon fragwürdig, als Ariana Grande im ersten Film als „Nebendarstellerin“ in die Awards Saison gestartet ist – aber bei „Wicked: Teil 2“, in dem es eben vor allem um das Reifen ihrer Figur geht, erscheint diese Zuschreibung endgültig nur noch lächerlich.
Fazit: Es war immer klar, dass „Wicked: Teil 2“ angesichts seiner viel düstereren, ernsthafteren Stimmung niemals die euphorischen Höhen des Vorgängers erreichen würde. Aber als anti-faschistisches Musical-Erlebnis begeistert auch die zweite Hälfte mit fantastischen Schauwerten sowie einem erneut herausragend harmonierenden Hauptdarstellerinnen-Duo. Nur die nachgelieferten Erklärungen für alles und jeden in „Der Zauberer von Oz“ bleiben sicherlich Geschmackssache.