Viel Blut um nichts
Von Christoph PetersenDie sogenannte Black List steht auf meiner persönlichen Schwarzen Liste für Kritiken-Einstiege: Seit 2005 wird die Liste jeden Dezember veröffentlicht – und enthält die laut Branchen-Insider*innen besten bislang noch nicht verfilmten Drehbücher, die in den Hollywoodstudios aktuell herumgereicht werden. Dank späterer Kinohits wie „Juno“, „Hangover“ oder „Slumdog Millionär“ brach gerade in der Anfangszeit eine regelrechte Goldgräberstimmung um die Skripte aus. Aber in den letzten Jahren ist es – auch angesichts der schwierigen Lage des Independent-Marktes – immer stiller um die Black List geworden. Und weil in den vergangenen zwei Dekaden schon mehr als 1.200 Titel Einzug in die alljährliche Aufstellung erhalten haben, tendiert die Aussagekraft inzwischen so sehr gegen Null, dass ich einen Listenplatz in Filmbesprechungen für kaum noch erwähnenswert erachte.
Aber für den Horror-Schocker „Him - Der Größte aller Zeiten“ mache ich dennoch eine Ausnahme. Denn wenn nach knapp eineinhalb Stunden der Abspann rollt, fragt man sich als erstes, wie denn wohl das ursprünglich noch unter dem Titel „Goat“ (die Abkürzung von „Greatest Of All Time“) verfasste Originalskript von Skip Bronkie und Zack Akers ausgesehen haben mag? Denn bei der finalen Überarbeitung von Regisseur Justin Tipping muss da noch mal eine ganze Menge rausgeflogen sein. Das Ergebnis fühlt sich nämlich an, als wäre „Him“ eine bloße Aneinanderreihung der Best-of-Szenen eines eigentlich (viel) längeren Films, aus dem Charaktermomente und Plotentwicklungen – zugunsten einer radikalen ästhetischen Form – konsequent herausgeschnitten wurden.
Universal Pictures
Seit er denken kann, eifert Cameron „Cam“ Cade (Tyriq Withers) seinem großen Idol – dem achtfachen (!) Superbowl-Gewinner – Isaiah White (Marlon Wayans) nach. Aber dann wird der angehende Profi-Quarterback kurz vor seinem großen Durchbruch von einem anonymen Angreifer niedergeschlagen – und seine Kopfverletzung führt dazu, dass die meisten Vereine jetzt das Risiko scheuen, beim anstehenden Draft Day auf ihn zu setzen. Aber es gibt noch eine letzte Chance: Ausgerechnet der selbst kurz vor seinem Karriereende stehende White lädt Cam zu einem einwöchigen Footballlager in sein tief in der Wüste gelegenes Trainingszentrum ein – und wenn der Rookie den unumstrittenen Goat überzeugen kann, dann werden auch die Clubbesitzer nicht um ihn herumkommen…
Filme, die sich um ur-amerikanische Sportarten wie Baseball oder Football drehen, hatten beim deutschen Publikum traditionell einen schweren Stand. Selbst Genre-Klassiker wie „Feld der Träume“ oder „Gegen jede Regel“ genießen hierzulande längst nicht so einen Ruf wie in ihrer US-amerikanischen Heimat. Aber zumindest in Sachen Football scheint sich der Wind in den letzten Jahren zunehmend zu drehen: Immer öfter werden NFL-Partien nicht zu den Spartenprogrammen abgeschoben, sondern im Hauptprogramm der frei empfangbaren Sender ausgestrahlt. Der hiesige Verleih Universal Pictures Germany hat also definitiv die richtige Entscheidung getroffen, „Him – Der größte aller Zeiten“ ausgerechnet in der Woche nach dem NFL-Gastspiel zwischen den Indianapolis Colts und den Atlanta Falcon vor mehr als 70.000 Fans im Berliner Olympiastadion in die Kinos zu bringen.
Das Problem ist nur: Wenn jetzt – selbst grundsätzlich Horror-affine – Football-Fans unvorbereitet in „Him“ gehen, werden sich die meisten von ihnen im Anschluss nur denken: Was zum Teufel war das denn?
Universal Pictures
Dabei geht es weniger darum, dass man dem Plot nicht folgen kann: Die nicht sonderlich schwer zu deutende Symbolik um heidnische Rituale und Faust’sche Opfer ist schließlich in so gut wie jeder Einstellung präsent. Vielmehr fehlen die Entwicklungen. Marlon Wayans gibt seinen Achtfach-Champion schließlich von Anfang an als überdrehten Mephisto – und gleich die erste Trainingseinheit ist auch direkt diejenige, die am nachhaltigsten verstört: Cam bleiben immer nur zwei Sekunden, um nach dem Umdrehen einen Pass zu werfen – und wenn er das nicht schafft, bekommt ein anderer Spieler aus nächster Nähe und mit voller Power einen Football in die Fresse, bis seine ausgeschlagenen Zähne in der ganzen Halle verteilt herumliegen!
Justin Tipping inszeniert den Weg zum Profigeschäft als surreale Vorhölle in einem Look irgendwo zwischen hochglänzendem Turnschuh-Werbespot und betont provokantem Rap-Musikvideo. Aber dabei gibt es nicht nur kaum eine Entwicklung, sondern auch kaum Abwechslung oder gar eine konsequente Steigerung: Die sieben Kapitel (jedes für einen Tag der Trainingswoche) ähneln sich viel zu sehr – und so lässt die zu Beginn durchaus aufgebaute Spannung in der zweiten Hälfte, sobald man langsam durchschaut, dass da nicht mehr viel kommen wird, immer mehr nach, bis sie schließlich ganz verpufft. Zumindest dreht Justin Tipping im Finale völlig frei – das kann den Film zwar auch nicht mehr retten, beschert aber zumindest den Gore-Fans im Publikum noch mal einen halbwegs versöhnlichen Abschluss.
Fazit: Visuell ein hochglänzender (Gore)-Genuss, aber inhaltlich steckt trotz der omnipräsenten Symbolik zu wenig dahinter. Letztendlich präsentiert „Him – Der größte aller Zeiten“ ein solides Konzept für ein fünfminütiges Musikvideo, nur eben ausgedehnt auf Spielfilmlänge.