Wie das Leben manchmal spielt
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Wie das Leben manchmal spielt

Feelgood-Klassenkampf-Komödie voll französischem Charme

Von Gaby Sikorski

Das humorvolle Spiel mit Gegensätzen zwischen unterschiedlichen Gesellschaftsschichten hat in Frankreich eine lange Tradition. Das gilt fürs Theater – mindestens seit Molière – ebenso wie für den Film. So gehört auch Jean Renoirs ikonische Komödie „Die Spielregel“ von 1939 in diese Reihe. Zu den Highlights der letzten Jahrzehnte zählen sicherlich „Das Leben ist ein langer, ruhiger Fluss“ (1988), natürlich „Ziemlich beste Freunde“ (2011) und vielleicht sogar „Die brillante Mademoiselle Neïla“ (2017), der unter dem Titel „Contra“ von Sönke Wortmann als deutsche Version neu aufgelegt wurde. Das Strickmuster ist dabei immer dasselbe: Sehr unterschiedliche Menschen aus verschiedenen sozialen Klassen begegnen sich möglichst unerwartet und nähern sich langsam an, bis sie schließlich erkennen, dass (Achtung, wichtige Erkenntnis der Französischen Revolution, die aber gern mal vergessen wird!) tatsächlich alle Menschen gleich sind und dass es wichtig ist, miteinander in Kontakt zu bleiben.

Auch „Wie das Leben manchmal spielt“ gehört in diese bisher namenlose Kategorie. Als Bezeichnung für das Genre bietet sich „Feelgood-Klassenkampf-Komödie“ an, was trotz Anglizismus ziemlich französisch ist, zumindest was den Umgang mit Klassenunterschieden betrifft, der in Frankreich mal putzig oder schelmisch, mal bissig bis böse daherkommt. Typisch ist eine unwahrscheinliche Ausgangssituation bei gleichzeitiger Authentizität der Hauptpersonen. Hier ist es Marie-Line (Louane Emera), eine junge Frau aus einer Arbeiterfamilie, die sich selbst und ihren depressiven Vater (Philippe Rebbot) irgendwie durchzubringen versucht. Auf der anderen Seite steht die Oberschicht, vertreten durch den alten Strafrichter Gilles (Michel Blanc), der kurz vor der Pensionierung steht und allein in einer mit Antiquitäten vollgestopften Villa lebt.

Strafrichter Gilles (Michel Blanc) hat seinen Führerschein verloren – und engagiert notgedrungen die gerade erst von ihm verurteilte Marine-Line (Louane Emera) als Chauffeurin. 24 Bilder / Lighthouse
Strafrichter Gilles (Michel Blanc) hat seinen Führerschein verloren – und engagiert notgedrungen die gerade erst von ihm verurteilte Marine-Line (Louane Emera) als Chauffeurin.

Wie die beiden zusammenkommen, ist extrem fantasievoll ausgedacht, was durchaus als freundliche Umschreibung für „an den Haaren herbeigezogen“ zu verstehen ist: Marie-Line landet bei Gilles vor Gericht, weil sie im Affekt ihren Freund Alexandre (Victor Belmondo) angegriffen hat und dabei von mehreren Polizisten beobachtet wurde, gegen die sie sich bei der Festnahme zur Wehr setzte. Dabei wurde einer der Polizisten verletzt. Gilles verhängt eine Bewährungsstrafe und ein Kontaktverbot mit Alexandre, außerdem muss Marie-Line 1.500 Euro an den verletzten Polizisten zahlen – eine unvorstellbare Summe für sie, denn sie hat gerade ihren Job als Kellnerin in einer Bar verloren.

Pikanterweise ist Gilles in diese Geschichte verwickelt, denn er ist Stammgast in der Bar, wo Marie-Line auch Alexandre kennengelernt hat. Und weil das alles noch nicht kompliziert genug ist, stellt sich heraus, dass Gilles gerade seinen Führerschein verloren hat – der alte Richter ist nämlich nicht nur ein desillusionierter Halb-Zyniker, sondern auch ein Trinker, der Whisky wie Wasser säuft. Und als ihn die verzweifelte Marie-Line auf der Straße anspricht, weil sie nicht weiß, wie sie das Benzin für ihr Auto und die Handykosten, geschweige denn die fällige Strafe bezahlen soll, wird sie prompt von Gilles als Chauffeurin engagiert. Für 1.500 Euro soll sie ihn einen Monat lang durch die Gegend kutschieren.

Michel Blanc begeistert in einer seiner letzten Rollen

Marie-Line willigt ein, was keine große Überraschung ist. Und so kommen sie zusammen: die liebenswerte Arbeitslose ohne richtigen Plan und der verbitterte alte Mann, der das Lachen verlernt hat. Beide denken über sich und ihr Leben nach und nähern sich Millimeter um Millimeter an. Während Gilles für Marie-Line zum väterlichen Berater wird, der ihr klarmacht, dass auch sie eine Perspektive hat, bringt sie ihm ein bisschen Lebensfreude bei.

Michel Blanc („Es sind die kleinen Dinge“), ein Star des französischen Kinos, spielt den alten Richter mit großartiger Zurückhaltung. Gilles hat offensichtlich nicht nur den Spaß am Leben verloren, sondern auch seine Energie und sein Temperament. Aus dieser Nuance entwickelt Michel Blanc, der im Dezember 2024 überraschend verstarb, seine Rolle: als einen Charakter, der praktisch nur vom Glauben an die Gesetze am Leben gehalten wird. Er betrachtet die Welt mit Skepsis, aber als Strafrichter ist er auch Realist. Allerdings hat er keine Familie und praktisch kein Privatleben. Wenn sich Marie mit dem Satz „Ich bin gesprächig und hab immer gute Laune“ selbst zu bewerben versucht, lautet seine Antwort: „Bitte keine gute Laune.“ Sobald er aber endlich lächelt, hat das etwas bezaubernd Schüchternes.

Die Geschichte geht ans Herz – und wird immer glaubwürdiger

Ganz anders dagegen Louane Emera als Marie-Line – ein echter Wonneproppen, naiv und lebenslustig. Sie schlägt sich irgendwie durch, ohne eine Vorstellung davon, was sie aus ihrem Leben machen könnte. Besonderes Kennzeichen: die Vorliebe für Pink, von den langen Haaren bis zum Röckchen. Emera, die in Frankreich als Louane ein bekannter Popstar ist, spielte mit 18 ihre erste Filmrolle als musikalische Tochter in „Verstehen Sie die Béliers?“ – und zeigt hier eine wirklich reife Leistung. Neben dem graumausigen Gilles wirkt sie wie ein bunter Paradiesvogel. Die Oberteile immer ein wenig zu eng und zu tief ausgeschnitten, die Röcke ein bisschen zu kurz – Marie-Line ist so etwas wie die Karikatur einer französischen Vorstadt-Tussi. Doch Louane Emera macht daraus einen Look. Sie bekennt Farbe und spielt das Mädchen aus der Unterschicht nicht als Dummchen, obwohl die Figur nicht gerade gebildet ist. Stattdessen erscheint Marie-Line als liebenswerte Persönlichkeit mit geradezu umwerfendem Charme, eine Art Rohdiamant, deren Potenziale erst durch den Kontakt zu Gilles allmählich zum Vorschein kommen.

Auch wenn die Geschichte manchmal märchenhaft wirkt: Sie funktioniert, wird dabei immer glaubwürdiger – und geht mitten ins Herz. Das liegt vor allem an den beiden Stars in den Hauptrollen und an den prächtigen, oft witzigen Dialogen, aber auch am Setting: Die Komödie spielt in Le Havre, also im Norden Frankreichs – keine sonnige Schönwettergegend, sondern geprägt von Regen, Wind und Meer. Regisseur Jean-Pierre Améris, der in Deutschland durch seine Komödie „Die anonymen Romantiker“ bekannt wurde, hat „Wie das Leben manchmal spielt“ ganz bewusst in diesem eher herben Umfeld verortet, denn es bildet einerseits einen Kontrast zum leichtfüßig-liebenswürdigen Tonfall des Films und verstärkt andererseits die Wirkung von Marie-Lines Hintergrundgeschichte.

Da war noch alles gut: Marie-Line und ihr filmbesessener Freund Alexandre (Victor Belmondo). 24 Bilder / Lighthouse
Da war noch alles gut: Marie-Line und ihr filmbesessener Freund Alexandre (Victor Belmondo).

Ihr Vater, ein ehemaliger Hafenarbeiter, verlor ein Bein bei einem Arbeitsunfall. Seitdem ist er so depressiv, dass er nicht einmal vor die Tür gehen kann. Améris zeigt das, ohne es zu bewerten, während er beiläufig noch weitere Aspekte wie Drogenhandel und Arbeitslosigkeit streift. Damit gelingt ihm ein grob gezeichnetes, aber deutliches Bild der Zustände in dieser Region. Auch der Filmfan Alexandre, Marie-Lines Freund und Lover, der von einer Karriere als Filmemacher in Paris träumt und als Kartenabreißer im Kino jobbt, passt in dieses Bild. Immerhin hat er einen Traum – doch dass Marie-Line keine Ahnung von Filmen hat und nicht mal François Truffaut kennt, macht ihm schwer zu schaffen. Victor Belmondo („Hör auf zu lügen“), ein Enkel des großen Jean-Paul, spielt ihn elegant und mit melancholischem Blick.

Améris würzt seinen Film zusätzlich mit hübschen Einfällen: Der Anfang besteht aus mehreren kurzen Vor- und Rückblenden, beginnend mit Marie-Lines und Alexandres Kennenlernen. Und Marie-Lines Auto, in dem Gilles herumgefahren wird, ist wie erwartet eine bemitleidenswert hässliche, vormals komplett pink lackierte Schrottkarre, wird aber im genau richtigen Augenblick zum ersten Mal gezeigt. Tempo und Timing stimmen hier, aber vor allem stimmt in dieser Feelgood-Klassenkampf-Komödie die Chemie zwischen den beiden Hauptfiguren.

Fazit: Eine Feelgood-Komödie nach bewährtem Rezept – keine haute cuisine, aber auch keine einfache Hausmannskost, sondern gut gemachte und exzellent gespielte Unterhaltung.

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