Freaky Tales
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,0
lau
Freaky Tales

Tarantino light

Von Oliver Kube

Nach seinen frühen Kritik-Lieblingen „Half Nelson“ mit Ryan Gosling und „Dirty Trip“ mit Ryan Reynolds wurde das Regieteam Anna Boden und Ryan Fleck von den Marvel Studios erstmals für einen ihrer Blockbuster verpflichtet: „Captain Marvel“ war ein Riesenhit und spielte 2019 weltweit mehr als 1,1 Milliarden Dollar ein. Da war es nicht abwegig zu erwarten, dass ihr nächster Kinofilm erneut ein Großprojekt mit Mega-Budget werden würde – an diesbezüglichen Angeboten hat es wahrscheinlich nicht gemangelt. Trotzdem entschloss sich das Duo, zunächst mit den TV-Serien „Mrs. America“ und „Masters Of The Air“ nachzulegen, bevor sie nun wieder auf die große Leinwand und zugleich zu ihren Independent-Wurzeln zurückkehrt:

Ihr in den 1980ern angesiedelter, mit einem großen Ensemble-Cast besetzter Episodenfilm „Freaky Tales“ mixt absurd brutale Action mit schwarzem Humor, wobei düstere Thriller-Elemente auf eine Teenager-Lovestory, ein fiktives Musikerinnen-Biopic sowie eine Spur übernatürlichen Hokuspokus treffen. Reale Personen und historische Ereignisse dienen – allesamt stark fiktionalisiert – als Hintergrund für vier lose miteinander verbundene Storys. Das klingt wild und ist es auch – aber Wildheit allein macht eben noch keinen guten Film.

„Freaky Tales“, „The Last Of Us“, „Eddington“, „Fantastic Four“ – Pedro Pascal ist gerade besonders schwer angesagt in Hollywood! Universal Pictures
„Freaky Tales“, „The Last Of Us“, „Eddington“, „Fantastic Four“ – Pedro Pascal ist gerade besonders schwer angesagt in Hollywood!

1987 kreuzen sich eine Reihe von Schicksalen im kalifornischen Oakland: Die jugendlichen Punkrock-Fans Lucid (Jack Champion) und Tina (Ji-Young Yoo) müssen mit ansehen, wie ihr Lieblingsclub mehrfach von einer Horde Neonazis verwüstet wird – zumindest bis das Pärchen beschließt, mit Unterstützung der restlichen Stammgäste zurückzuschlagen. Parallel dazu wollen sich die Eisdielenverkäuferinnen Entice (Normani) und Barbie (Dominique Thorne) als Hip-Hop-Duo etablieren. Als die jungen Frauen im Rahmen eines Rap-Battle die Chance erhalten, gegen den lokalen Genre-Star Too $hort (Demario „Symba“ Driver) anzutreten, müssen sie all ihren Mut zusammennehmen und gegen ihr Lampenfieber ankämpfen.

Clint (Pedro Pascal) wiederum arbeitet als Schuldeneintreiber und Vollstrecker für einen Cop (Ben Mendelsohn), der ein Doppelleben als Gangsterboss führt. Als der Sohn eines seiner früheren Opfer versehentlich Clints schwangere Frau Grace (Natalia Dominguez) erschießt, glaubt der nun, nichts mehr zu verlieren zu haben, und lehnt sich gegen seinen Chef auf. Während er in einem Match die beste Leistung seiner Karriere zeigt, wird schließlich noch in das Haus von Basketball-Profi Eric „Sleepy“ Floyd (Jay Ellis) eingebrochen. Dabei töten die Kriminellen die Freundin (Alexis Zollicoffer) des Stars. Am Boden zerstört, zieht der Martial-Arts- und Esoterik-Fan Sleepy los, um als Ein-Mann-Armee die Täter und ihren Auftraggeber zur Rechenschaft zu ziehen…

Die Vorbilder sind nicht schwer zu identifizieren

„Freaky Tales“ basiert auf den für den Film gnadenlos überhöhten Jugenderinnerungen des in Oakland aufgewachsenen Ryan Fleck. Die Verbindungen zwischen den Storys sind allerdings arg dünn und wirken meist frustrierend konstruiert: In jeder der vier Geschichten tauchen jeweils nur kurz Charaktere aus den anderen Episoden auf, bekommen dort aber so gut wie nichts Sinnvolles zu tun. Hier werden mal ein paar Blicke, dort einige belanglose Worte gewechselt. Übergreifend soll alles zudem von einer mysteriösen Energie zusammengehalten werden, die dank unvermittelt einschlagender Blitze all jenen Kraft und Selbstvertrauen verleiht, die bereit sind, sich dem grünen Leuchten auszusetzen. Der Ursprung und die Hintergründe des „Psytopics“ genannten Phänomens werden nie erklärt. Offenbar hat es in der Welt des Films aber zur Entstehung einer Art religiösen Bewegung geführt, die uns mittels eines Cringe-Werbespots vorgestellt wird, der das Ganze arg nach Scientology riechen lässt.

Zweifellos haben Boden und Fleck versucht, sich an Quentin Tarantino zu orientieren. Das wird speziell beim dritten Segment deutlich, das sich wie eine Light-Version von „Pulp Fiction“ anfühlt und in dem „The Last Of Us“-Star Pedro Pascal noch das Beste aus seiner eher banalen Figur macht. Im Verlauf des vierten Parts wird sich obendrein auch noch mehrfach ungelenk bei „Kill Bill“ und sogar „Once Upon A Time... In Hollywood“ bedient. So bekommen wir in „Freaky Tales“ nicht nur mehrere lange Dialogszenen in einem Diner und haufenweise Anspielungen auf ältere Filme sowie andere Popkultur-Elemente serviert. Es gibt auch noch eine Racheaktion mit einem Katana, unerklärlich leuchtende Kisten (der MacGuffin-Koffer aus „Pulp Fiction“ lässt grüßen), eine längere Animationsszene sowie immer wieder Ausbrüche extremer Gewalt.

Die jugendlichen Punkrocker nehmen es in „Freaky Tales“ mit einer Gruppe von Rechtsradikalen auf! Universal Pictures
Die jugendlichen Punkrocker nehmen es in „Freaky Tales“ mit einer Gruppe von Rechtsradikalen auf!

Das kommt einem alles doch arg bekannt vor. Allerdings sind die offensichtlichen Vorbilder allesamt deutlich origineller und fesselnder. Zwischenzeitlich machen sich sogar immer mal wieder Leerlauf und Langeweile breit. Dass der Film in seiner Gesamtheit keinen konstanten Ton findet und in Bezug auf das Tempo arg schlingert, kommt noch erschwerend hinzu und ermüdet auf Dauer stark. Die mit Abstand besten drei Minuten von „Freaky Tales“ bestreitet Pedro Pascal dann im Duett mit einem der größten Stars, die Hollywood seit Dekaden zu bieten hat. Der A-Lister, dessen Namen wir euch hier nicht verraten wollen, weil seine Präsenz in einer so kleinen Produktion wirklich eine Riesenüberraschung ist, spielt eine kleine Nebenrolle als herablassender, sich als selbsternannter Geschmackspapst gebärdender Videothekenbesitzer.

Okay, der Part erinnert ein wenig an Jack Blacks Plattenladenverkäufer in „High Fidelity“, aber das ist völlig okay. Denn hier sind die Dialoge ausnahmsweise mal schön knackig und das Timing beim Zusammenspiel der beiden Akteure ist perfekt. Davon hätte man gerne noch deutlich mehr gesehen – vielleicht sogar einen abendfüllenden Film, so großartig ist dieser kurze Auftritt. Stattdessen bekommen wir davor und danach aber fahrig geschriebene Szenen, unterentwickelte Charaktere sowie eine wenig durchdacht wirkende Rahmenstory, die letztlich ohnehin ins Nichts führt. Dazu kommen ein wie üblich charismatischer, in einer eindimensionalen Rolle letztlich aber verschenkter Ben Mendelsohn sowie Jay Ellis, der zwar sein Potenzial als Actionstar offenbart, jedoch nur wenig genutzt wird. Gerade von einem Duo, das mit „Half Nelson“ und „It‘s Kind Of A Funny Story“ bereits gezeigt hat, dass es auch mit kleinem Budget (deutlich!) besser arbeiten kann, ist „Freaky Tales“ eine satte Enttäuschung.

Fazit: Der dreiminütige Gastauftritt eines Superstars ist Weltklasse! Der Rest von „Freaky Tales“ entpuppt sich hingegen als ein fahriger, unausgegorener, streckenweise langweiliger und generell nicht besonders gut geschriebener Tarantino-Abklatsch. Selbst die charmante Retro-Optik und ein paar bekannte Gesichter können da nicht mehr viel herausreißen.

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