Dust Bunny
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
Dust Bunny

Mads Mikkelsen auf Monsterjagd

Von Janick Nolting

In „Dust Bunny“ manifestiert sich ein Ungeheuer. Gleich am Anfang zieht der Film mit einer längeren Kamerafahrt in den Bann, die den Weg einiger Staubflusen verfolgt, die durch die Luft wirbeln. Sie schweben durch ein Kinderzimmer, ehe sie auf dem Boden eine kleine, hasenähnliche Gestalt formen. Das berühmte Monster unter dem Bett, also eine DER Kindheitsängste überhaupt, sieht hier zunächst noch harmlos aus, aber es entpuppt sich schon bald als außerordentlich gefährlich. „Dust Bunny“ enthüllt nach und nach in ganzer Pracht, welche haarige, gefräßige Kreatur dort eigentlich ihr Unwesen treibt.

Bryan Fuller legt damit seinen ersten abendfüllenden Spielfilm vor. In der Vergangenheit wurde der Amerikaner vor allem mit seiner Arbeit an diversen Serien berühmt, für die er in unterschiedlichen Positionen verantwortlich war. Allen voran natürlich sein blutiges Thriller-Format „Hannibal“. Fans dieser Serie haben hier Grund zur Freude, denn „Dust Bunny“ markiert zugleich auch eine „Hannibal“-Reunion. Bryan Fuller hat nämlich erneut mit seinem Lieblings-Kannibalen Mads Mikkelsen („Therapie für Wikinger“) in einer der Hauptrollen zusammengearbeitet.

Für seine kleine Nachbarin schult Mads Mikkelsen von Auftragskiller auf Monsterjäger um… DCM Filmdistriubtion
Für seine kleine Nachbarin schult Mads Mikkelsen von Auftragskiller auf Monsterjäger um…

Die kleine Aurora (Sophie Sloan) hat ein Problem: Das Monster in ihrem Kinderzimmer lässt sich einfach nicht bändigen und fordert seine Opfer. Aurora ist davon überzeugt, dass die hungrige Kreatur nachts ihre Pflegeeltern verschlungen hat – mal wieder! In ihrer Verzweiflung und als letzte Rettung wendet sich das Mädchen an einen mysteriösen, wortkargen Nachbarn (Mads Mikkelsen), der nachts anscheinend als Auftragskiller unterwegs ist und nun das Monster für sie erlegen soll…

Ein wahnwitziger Genre-Mix

„Dust Bunny“ ist einer dieser Filme, die sofort in ein riesiges Netz aus Querverweisen und Anleihen eingeordnet werden. Gleich nach der Premiere in der Midnight-Madness-Sektion auf dem Festival in Toronto wurde er mit „Léon – Der Profi“, „Die fabelhafte Welt der Amélie“, „John Wick“, Wes Anderson, Roald Dahl, Henry Selick und noch einigen mehr verglichen. Jeder dieser Bezüge leuchtet ein, wenn man „Dust Bunny“ sieht. Tatsächlich erscheint der Film wie ein wild zusammengewürfeltes Best-of unterschiedlichster Motive und Stilmittel der genannten Vorreiter und Referenzen. Das wäre an sich erst einmal nicht schlimm. Schließlich fußt Genre-Kino per se auf vertrauten Formeln und Erzählmustern, die immer wieder neu aufgegriffen und adaptiert oder aber bewusst durchkreuzt werden.

Der nächste Schritt – und hier wird es in „Dust Bunny“ holprig – wäre aber, aus dem Klassischen und Bekannten eine eigene, interessante DNA zu entwickeln. Ganz gleich, welche Vorbilder für die Produktion tatsächlich herangezogen (oder dem Film lediglich von Kritiker*innen im Nachhinein übergestülpt) wurden. Bryan Fullers Drehbuch und Regiearbeit schwächeln jedoch vor allem deshalb, weil sie bis zum Ende so extrem unentschlossen bleiben. „Dust Bunny“ sitzt tonal und erzählerisch zwischen allen Stühlen: Für ein erwachsenes, Genrefilm-affines Publikum birgt er hauptsächlich nostalgische Rückbesinnungen und Erinnerungen an den eigenen Kindheitsgrusel. Für jüngere Zuschauer*innen, die der Film offenbar hauptsächlich ansprechen will, dürfte er hingegen fast schon zu düster und gewalttätig inszeniert sein. Gerade wenn man den actionreichen letzten Akt betrachtet, in dem dann auch schon mal eine Zahnbürste brutal zweckentfremdet wird.

Neben Mads Mikkelsen und Sigourney Weaver mischt sich auch David Dastmalchian in das blutige Treiben zwischen Monstern und Killern ein. DCM Filmdistriubtion
Neben Mads Mikkelsen und Sigourney Weaver mischt sich auch David Dastmalchian in das blutige Treiben zwischen Monstern und Killern ein.

Wenn man sich nicht mit Fragen des Jugendschutzes und nach einer Zielgruppe aufhalten will, bietet der Film inhaltlich aber auch nicht sonderlich viel an. „Dust Bunny“ überzeugt vor allem in der Dynamik zwischen der kleinen Aurora und ihrem neuen Schutzbeauftragen, der plötzlich in die Rolle des Ersatzvaters gedrängt wird. Hier liegen die Parallelen zu „Léon – Der Profi“ immer wieder auf der Hand.

Problem ist nur: Fuller konstruiert daraus hauptsächlich eine Geschichte über die Aussöhnung mit den eigenen Ängsten und dem Schrecken, der in einer kindlichen Persönlichkeit heranreifen kann. Das ist empathisch gemeint, wird aber allzu süßlich und eindimensional ausbuchstabiert. Der Film verengt sich insbesondere mit seinem Schluss auf eine metaphorische Floskel.

Gipfeltreffen von Mads Mikkelsen und Sigourney Weaver

Was bleibt, sind also die kleinen Konfrontationen zwischendurch. Und zumindest für solche Momente kann man Bryan Fuller durchaus dankbar sein: „Dust Bunny“ beschert dem Publikum ein Gipfeltreffen von Mads Mikkelsen und der einstigen „Alien“-Ikone Sigourney Weaver. Beide bekommen sogar in ihrer ersten Begegnung über ein Spiel mit den Perspektiven einen Heiligenschein über den Köpfen verpasst.

Wenn sich beide in der Halbwelt der Gangster und Killer begegnen und schließlich in das Monster-Trauma von Aurora verwickelt werden, wissen die beiden Hollywood-Stars sowohl die kleinen Diskussionen und verbalen Giftpfeile als auch die grobschlächtigen bis trashigen Action-Einlagen mit gewohnter Klasse zu verkörpern. Sigourney Weaver, wie sie mit umfunktionierten High Heels aus allen Rohren ballert, sieht man schließlich auch nicht alle Tage!

Abgefahrene Fantasy-Bilder

Überhaupt sind die grotesken visuellen Einfälle die große Stärke dieses Fantasy-Grusel-Action-Hybriden, mit der er gerade so über sein halbgares Drehbuch hinwegtrösten kann. Schuhe als Schusswaffen sind nur ein Beispiel dafür. Gewächse auf Tapeten erwachen da als Sinnestäuschungen zum Leben. Räume werden über bunte Lichter in fantastische Parallelwelten verwandelt und Aurora rudert auf einer künstlichen Tierfigur wie auf einem Boot durch den Gang. Bloß nicht den Boden berühren, sonst kommt das Monster!

Vielleicht spiegelt das Kino mit solchen Eindrücken bereits unbewusst neue Sehgewohnheiten einer KI-Kultur, die aus disparaten Elementen auf einmal eigenartige, grelle Fusionen formt. Der flirrende, fließende Eindruck mancher Bilder und Szenen nähert sich bisweilen einem halluzinierenden, psychedelischen Charakter, der schon wieder seinen ganz eigenen, abgefahrenen ästhetischen Reiz besitzt.

Fazit: Das Spielfilmdebüt von „Hannibal“-Schöpfer Bryan Fuller besticht mit kunterbunten visuellen Effekten und einem amüsanten Spiel von Mads Mikkelsen und Sigourney Weaver. Am Ende bleibt diese Genre-Mixtur über ein Monster im Kinderzimmer aber tonal zu unentschlossen und erzählerisch zu blass, um nachhaltig Eindruck zu schinden.

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