Horror oder Drama, das ist hier die Frage
Von Björn BecherIn einer Szene von „Mother's Baby“ besucht Hauptfigur Julia (Marie Leuenberger) ein Babygeschäft. Sie sollte glücklich sein, sich in die strahlenden Mütter und Väter einreihen und etwas Schönes für ihr Kind kaufen. Doch sie fühlt sich an dem Ort fremd … und ergreift bereits nach kurzer Zeit die Flucht. Die Szene steht sinnbildlich dafür, dass ihr auch das Kind, welches sie selbst Welt gebracht hat, fremd ist. Aber ist diese Bindungsstörung wirklich nur ein Symptom einer postpartalen Depression, wie ihre Umwelt ihr weismachen will? Oder ist es vielleicht gar nicht „ihr“ Kind, schließlich gibt es ja durchaus einige Anzeichen, dass mit Arzt und Klinik etwas nicht stimmt?
Regisseurin und Drehbuchautorin Johanna Moder („Waren einmal Revoluzzer“) erzählt nicht geradlinig das (Depressions-)Drama, das sich in den ersten Minuten vielleicht andeutet. Stattdessen kippt ihr Film immer mehr in Richtung eines Paranoia-Thrillers oder gar Horrorfilms, bei dem sich irgendwann ernsthaft die Frage stellt, ob Julia mit ihren absurd anmutenden Verdächtigungen vielleicht doch die einzige Person ist, die klar sieht. Dass Moder aber selbst dann noch immer fest mit einem Bein im eher konventionell erzählten Drama stehenbleibt, bremst „Mother's Baby“ jedoch aus. Die großartige Marie Leuenberger („Verbrannte Erde“) macht das in der Hauptrolle allerdings zu einem guten Stück wieder wett.
FreibeuterFilm
Was eigentlich längst unmöglich schien, wird nun doch noch Realität: Dank der privaten, teuren und mit neuester Technologie arbeitenden Kinderwunschklinik von Dr. Vilfort (Claes Bang) erwarten die 40-jährige Dirigentin Julia und ihr Mann Georg (Hans Löw) ein Kind. Doch bei der Geburt kommt es zu Komplikationen: Julia darf ihr Baby nicht sofort in den Arm nehmen, stattdessen wird es umgehend zur Notversorgung in eine andere Klinik gebracht. Erst am nächsten Tag ist die frische Familie endlich vereint. Das Neugeborene sei trotz des Verdachts auf Sauerstoffunterversorgung kerngesund. Doch Julia fremdelt zunehmend mit dem Baby...
Auch Wochen nach der Geburt kann sie sich nicht für einen Namen für den Jungen entscheiden, der wie etwas Fremdes auf sie wirkt. Und warum ist das Baby eigentlich die ganze Zeit so ruhig und scheint nie wirklich Hunger zu empfinden? Warum empfiehlt ihr die zu Dr. Vilforts Team gehörende Hebamme Gerlinde (Julia Franz Richter), lieber Ersatzmilch zu verwenden statt selbst zu stillen? Sind nicht gerade Hebammen immer dafür, dass Mütter möglichst lange stillen? Immer weiter sucht Julia nach Widersprüchen und immer häufiger wird sie fündig. Aber steigert sie sich da nur in etwas herein? Schließlich sagen ihr alle immer wieder, dass das „alles ganz normal“ und mit ihrem Baby „alles in Ordnung“ sei.
Wenn man Netflix-„Dracula“ Claes Bang als überfreundlichen Fruchtbarkeitswunderwirker besetzt, gibt man damit eine klare Richtung vor. Schließlich ist der dänische Schauspieler für charismatische, aber moralisch mindestens ambivalente und oft bedrohlich wirkende Figuren („Verschwörung“, „The Northman“) bekannt. Hier reiht sich sein Dr. Vilfort nahtlos ein. Der seit seiner Hauptrolle in Ruben Östlands Kunst-Satire „The Square“ international für Furore sorgende Bang setzt immer wieder einen Gesichtsausdruck auf, der Beruhigung ausstrahlt, aber für Unbehagen sorgt. So ist man früh geneigt, Julia zu glauben und auch zu vermuten, dass hier etwas Abgründiges vor sich geht.
Trotzdem bleibt in „Mother's Baby“ lange Zeit eine Ungewissheit bestehen. Womöglich bildet sich Julia viel doch nur ein, womöglich folgen wir ihrem subjektiven Blick, aus dem der Arzt, seine Hebamme, die sterile Klinik und der eine wichtige Rolle einnehmende mexikanische Schwanzlurch Axolotl so unheimlich erscheinen. Grundsätzlich ist es eine vielversprechende Idee, mit dieser Haltlosigkeit nicht nur der Protagonistin, sondern auch des Publikums zu spielen. Allerdings ist das Drama wenig überzeugend erzählt. Das bleibt alles sehr oberflächlich und plakativ. Immer wieder wird uns der fehlende Bezug zum Kind durch das Unvermögen, ihm einen Namen geben zu können, unterstrichen. Und dass Julia mehrfach von ‚es‘ spricht, wenn sie ihren Sohn meint, verstärkt die emotionale Distanz zusätzlich – ohne uns allerdings wirklich in ihre Gefühlswelt hineinzuziehen.
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„Mother’s Baby“ überzeugt immer dann, wenn es spannend wird – und das ist schon überraschend früh das erste Mal der Fall: Selten werden Geburtsszenen so unbeschönigt gezeigt wie hier. Es ist ein kleiner Mini-Thriller in sich, ob die Sache gut ausgeht. Fesselnd ist es auch, wenn Julia nach und nach anfängt zu erahnen, was für Abscheulichkeiten womöglich im Keller der Klinik vor sich gehen. Der letzte Schritt wird allerdings nicht gegangen, um vollends in Richtung Horror-Thriller mit Sci-Fi-Einschlag zu kippen. Mit diesem Klammern ans Arthouse wird das Geschehen unnötig entschleunigt.
Die größte Stärke ist aber auch die eher faderen Momente hindurch Hauptdarstellerin Marie Leuenberger, die zuletzt auch schon als Fluchtwagenfahrerin in „Verbrannte Erde“ begeistert hat: Mit ihrem eindrucksvollen Minenspiel macht sie die Isolation einer von ihrer Umwelt allein gelassenen Frau spürbar. Auch wenn die Inszenierung diese Isolation mit Bildern oft noch hätte etwas deutlicher unterstreichen dürfen, spüren wir sie dank der famosen Performance im Zentrum trotzdem am eigenen Leib.
Fazit: „Mother’s Baby“ beginnt als Drama über postpartale Depression und mündet in einem Paranoia-Thriller über ein unheimliches Klinikgeheimnis. Doch der Film bleibt zwischen diesen beiden Genres gefangen, ohne sich ganz für eines zu entscheiden. Dank einer großartigen Marie Leuenberger und einigen fesselnden Momenten entwickelt sich dennoch Spannung. Mit einer konsequenteren Genre- und Grenz-Überschreitung hätte „Mother’s Baby“ allerdings ein echtes Highlight sein können.
Wir haben „Mother's Baby“ im Rahmen der Berlinale 2025 gesehen, wo der Film seine Weltpremiere als Teil des offiziellen Wettbewerbs gefeiert hat.