Ein Klassiker in neuem Gewand
Von Lutz GranertZugegeben: William Shakespeare kann er noch nicht ganz das Wasser reichen. Aber mit Stücken wie „Nora oder: Ein Puppenheim“, „Gespenster“, „Ein Volksfeind“ oder „Die Wildente“ belegt Henrik Ibsen als meistgespielter Dramatiker auf den Theaterbühnen weltweit den zweiten Platz. Kein Wunder, schließlich sind gesellschaftlicher Erwartungsdruck und die Selbstbestimmung von Frauen zeitlose Themen, die der Norweger wohl am deutlichsten in seinem Stück „Hedda Gabler“ herausarbeitete, das 1891 in München uraufgeführt und inzwischen auch über ein Dutzend Mal verfilmt wurde.
Trotzdem bietet die schlicht „Hedda“ betitelte Neuinterpretation von Filmemacherin Nia DaCosta („The Marvels“), die bereits 2018 ihrer Weggefährtin und Freundin Tessa Thompson („Creed III: Rocky's Legacy“) die Titelrolle auf den Leib schrieb, durch einige progressive Modernisierungen des klassischen Stücks einen gewissen Mehrwert. So verlagert sie die Handlung aus dem Norwegen des ausgehenden 19. Jahrhunderts ins Großbritannien der 1950er Jahre und macht aus der früheren Liebschaft der Titelfigur kurzerhand eine Frau. Mit ihrem zuweilen etwas dialoglastig geratenen Drama gelingt DaCosta auch durch eine üppige Ausstattung ein treffendes Sittengemälde, in dem besonders die starken Schauspielerinnen – neben Tessa Thompson vor allem Nina Hoss („Zikaden“) – zu Hochform auflaufen.
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Die durchtriebene Hedda (Tessa Thompson) und ihr liebloser Ehemann George Tesman (Tom Bateman) leben in einem großen Landgut über ihre Verhältnisse. Um sich finanziell zu konsolidieren, richtet Hedda eine Party für die gesellschaftliche Elite aus, damit George auch im Gespräch mit seinem Vorgesetzten, Professor Greenwood (Finbar Lynch), einer angestrebten Professorenstelle näher kommt.
Die gediegene Feier läuft nach Plan, bis die trockene Alkoholikerin Eileen Lovborg (Nina Hoss) mit ihrer unbedarften Begleiterin Thea (Imogen Poots) auftaucht. Die einnehmende Philologin, mit der Hedda einst eine leidenschaftliche Affäre unterhielt, scheint mit ihrem neuen, mutmaßlich brillanten Manuskript im Gepäck eine ernstzunehmende Konkurrentin für Georges akademische Karrierepläne darzustellen. Doch schnell entwickelt Hedda einen Plan, wie sie Lovborg unschädlich machen kann – und das, obwohl gleichzeitig alte Gefühle hochkochen...
In einem Interview betonte Nia DaCosta, dass sie bei der Inneneinrichtung des großen Herrenhauses bewusst Alt und Neu aufeinanderprallen ließ: Steifes antikes Mobiliar wurde von Ausstatterin Cara Brauer mit Art-déco-Elementen oder kubististischen Gemälden an der Wand kontrastiert. Dieser Widerstreit setzt sich auch bei den Figurenkonstellationen fort, durch die der Film genüsslich mit der ebenso strengen wie verlogenen Sexualmoral der 50er Jahre abrechnet – und die auch über Heddas vergangene lesbische Affäre hinaus für Zündstoff sorgen.
So vergnügt sich Tabitha (Mirren Mack), die blutjunge Ehefrau des greisen Greenwood, bei einem Schäferstündchen im Garten, während die ausnahmslos männlichen Kollegen der beschwipsten Lovborg im Salon regelrecht an ihren Lippen hängen, solange sie kokett über anrüchige sexuelle Obsessionen wie einen Fußgeruch-Fetisch in ihrem neuen Manuskript berichtet. Auch wenn „Hedda“ mit dem Setting eines abgelegenen Herrenhauses im Vergleich zu „Saltburn“ (ebenfalls bei Prime Video zu sehen) weniger gewagt ausfällt: Sowohl die manipulative, sofort die Schwächen der anderen Gäste analysierende und eiskalt ausnutzende Hedda als auch die karrierebewusste, aber zunehmend die Contenance verlierende Lovborg sind zwei starke und moderne Frauenfiguren, die von Tessa Thompson und Nina Hoss einnehmend verkörpert werden.
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Obwohl die vielen Dialogpassagen das bisweilen kammerspielartig angelegte Szenario etwas zäh geraten lassen, bemüht sich DaCosta bei ihrer Inszenierung um Verve. Auf dem von Oscar-Preisträgerin Hildur Guðnadóttir („Joker“) komponierten Soundtrack treiben virtuose Trommel-Passagen unermüdlich die zunehmend rauschhafte Züge annehmende Party voran, was zusammen mit den goldgelben Look der Bilder von Kameramann Sean Bobbitt (der bereits „The Marvels“ bebilderte) an das orgiastische Party-Szenario in „Babylon – Rausch der Ekstase“ erinnert.
Allerdings: So gut die Neuinterpretation von Henrik Ibsens Vorlage insgesamt geglückt ist – zwei von DaCostas Änderungen verfangen absolut nicht. Die vorangestellte Befragung durch die Polizei in einem Todesfall soll vermutlich Krimi-Vibes suggerieren, die aber nie eingelöst werden und so gänzlich verpuffen – und das neue Ende sorgt für Schulterzucken, indem es ein entscheidendes, pointiertes Element des Dramas ausläst.
Fazit: Durch die Verlagerung in die 1950er Jahre und eine lesbische Liebschaft ringt „Hedda“ Henrik Ibsens klassischem Drama tatsächlich neue Aspekte ab. Auftakt und Ende sind jedoch gründlich missraten.