Jennifer Coolidge stiehlt selbst Bill Murray die Show!
Von Gaby SikorskiBabyboomer denken bei Riff Raff wohl zuerst an den Namen einer der Hauptfiguren aus dem Kultmusical „The Rocky Horror Picture Show“, während die GenZ damit wohl vor allem den gleichnamigen US-Rapper assoziiert. Trotzdem handelt es sich bei dem Begriff keineswegs um einen mehr oder weniger üblichen Vornamen, sondern um eine englische Slang-Bezeichnung für „Gesindel“. Oder um es mit dem Cambridge Dictionary etwas vornehmer und freundlicher auszudrücken: „Leute mit einem schlechten Ruf oder aus einer unteren sozialen Schicht.“
Das Wort selbst ist vermutlich altfranzösischer Herkunft und gehört zur Gruppe der suggestiven, halbreimenden Alliterationen, bei denen der Klang mindestens genauso wichtig ist wie der Inhalt – und daher eignet es sich auch prima als Filmtitel, zuletzt etwa für eine Arbeitersatire von Ken Loach (1991). Davor gab es auch schon eine romantische Krimi-Komödie mit Spencer Tracy und Jean Harlow sowie für eine Noir-Komödie von 1947, die mit dem Slogan „Baby, hier geht’s um Liebe und Tod“ ins Kino kam.
Beinahe 80 Jahre später geht es nun wieder um Liebe und Tod in „Riff Raff – Verbrechen ist Familiensache“. Im Mittelpunkt steht zunächst eine kleine Familie, die einfach nur friedlich Silvester feiern möchte. Dazu hat sich der Pensionär Vincent (Ed Harris) samt Frau Sandy (Gabrielle Union) und halbwüchsigem Sohn DJ (Miles J. Harvey) in sein luxuriöse Ferienhaus mitten im Wald zurückgezogen. Doch die Idylle wird jäh gestört, als überraschend Rocco (Lewis Pullman), sein Sohn aus erster Ehe, vor der Tür steht. Im Schlepptau hat er seine hochschwangere Freundin Marina (Emanuela Postacchini) sowie seine vollkommen zugedröhnte Mutter Ruth (Jennifer Coolidge), Vincents Ex-Frau. Schnell wird klar: Das Trio ist auf der Flucht und braucht Hilfe.
Vincent hat sich seinen Wohlstand einst als Gangster erarbeitet, und sein Sohn verkehrt noch immer in diesen Kreisen. Unglücklicherweise hat Rocco aber, um Marina zu schützen, den Sohn des Gangsterbosses Lefty (Bill Murray) getötet, der sich nun rächen will. Gemeinsam mit seinem treuen Begleiter Lonnie (Pete Davidson), der für ihn – sehr gerne! – das Töten übernimmt, hat er sich an Roccos Fersen geheftet. Vincent ist der Einzige, der den drei Verfolgten jetzt noch helfen kann. Doch damit bringt er sich selbst in tödliche Gefahr. Denn es ist so gut wie sicher, dass Lefty und Lonnie gelingen wird, das einsame Ferienhaus in den Wäldern aufzuspüren. Und dann wären wohl auch Vincent, Sandy und DJ dran…
Splendid Film
Dito Montiel, ein hierzulande eher unbekannter US-Indie-Regisseur mit einer schillernden Vergangenheit als Hardcore-Punker, Model und Autor, inszeniert seine Familien-Thriller-Komödie mit leichter Hand und ausgeprägtem Talent für authentische Dialoge, zu denen neben zahlreichen Kraftausdrücken auch einige hübsche Oneliner gehören. Was hier auch in zahlreichen Rückblenden sowie aus der Ich-Perspektive des jungen DJ so spannend wie meist unvorhersehbar erzählt wird, erinnert zeitweilig sogar an die großen Gangster-Komödien der 1990er wie „Die üblichen Verdächtigen“, „Get Shorty“ oder „Pulp Fiction“. Das gilt vor allem für den rabiaten Humor sowie die verzwickte Handlung mit vielen Verweisen und Details. Allerdings bleibt hier alles eine Nummer kleiner – und damit sozusagen in der Familie.
Der zum Wohlstandsbürger aufgestiegene Vincent, seine liebenswerte Ehefrau und der Teenager DJ sehen sich drei Menschen aus einer anderen Welt gegenüber: Rocco, der sensible, vom Pech verfolgte Kleingangster, seine große Liebe Marina, eine Mafia-Tochter, und Roccos Mutter Ruth, eine alte Schabracke, die Tag und Nacht säuft und sich auf peinlichste Weise an Männer ranmacht. „American Pie“-Kult-MILF Jennifer Coolidge spielt mit bärbeißigem Charme das Musterbeispiel einer abgetakelten Gangsterbraut – und es gelingt ihr tatsächlich, Ruth sympathisch zu machen, weil sie gleichzeitig ordinär, authentisch, liebenswert und dazu vor allem unglaublich komisch ist. Ruth baggert den mittlerweile geläuterten und verheirateten Vincent hemmungslos an. Sie greift ihm sogar in den Schritt mit den Worten: „Du kannst doch sowas Hartes nicht ungenutzt lassen.“ Sie macht sich dabei lächerlich, aber es ist ihr egal – Jennifer Coolidge ist der eigentliche Star des Films und zeigt ihren beiden älteren Kollegen, wo der Hammer hängt. Und die müssen sich richtig anstrengen, um sich gegen dieses darstellerische Naturereignis zu behaupten.
Splendid Film
Ed Harris („Top Gun 2“) spielt Ruths Ex-Mann Vincent als knorrigen, zunächst abgeklärten Familienmenschen, der von seiner Vergangenheit nichts mehr hören möchte. Aber er muss feststellen, dass es kein Entkommen gibt – weder vor seinem früheren Leben noch vor der eigenen Familie. Sein Gegenspieler, auch in Bezug auf die praktisch bewegungslose Mimik, die sich bei beiden Männern schon beinahe als Gesichtslähmung bezeichnen ließe, ist Lefty, und den spielt Bill Murray („Ghostbusters“), der hier endlich mal wieder so richtig böse komisch sein darf. Und das betrifft sein gesamtes Auftreten, bei dem Bedrohlichkeit und Komik eine unheilschwangere Union eingehen.
Inzwischen stark zerknittert, spielt Bill Murray seine Rolle als abgezockten Profi. Dass ihm der durchgeknallte Lonnie die Drecksarbeit abnimmt, ist für ihn einerseits eine willkommene Erleichterung, aber andererseits eine echte Herausforderung, denn Lonnie ist – um es mal ganz klar zu sagen –ziemlich bescheuert. Doch das Töten wird hier nicht zelebriert, es ist für Lefty Teil einer Arbeit, die notwendigerweise erledigt werden muss, und zwar wenn möglich von jemandem wie Lonnie, der eigentlich ganz gerne mal jemanden aus dem Leben befördert. Pete Davidson („Bodies Bodies Bodies“) spielt Lonnie als Psychopathen mit irrem Blick. Seine Beklopptheit macht ihn unberechenbar, aber sorgt auch für Hoffnung: Vielleicht macht er ja was falsch, und die netteren Gangster dürfen überleben...
Fazit: Ziemlich fucking gut, wenn auch nicht fucking brillant! Dafür hängt die Komik trotz des dauernden Fluchens zwischendurch auch mal etwas zu sehr durch. Doch insgesamt und vor allem dank der großartigen Besetzung mit Jennifer Coolidge, Ed Harris und Bill Murray ein durchaus gelungenes, kurzweiliges Genremix-Kinoerlebnis mit viel dunkelschwarzer-komödiantischer Energie.