Wann war Sandra Hüller eigentlich das letzte Mal nicht großartig?
Von Michael MeynsSchon zwei Mal, in „Michael“ und „Angelo“, hat der österreichische Regisseur Markus Schleinzer von Figuren erzählt, die etwas anderes sein wollen, als sie sind. Die täuschen, teils aus krimineller Energie, teils aus existenzieller Notwendigkeit. Insofern fügt sich sein dritter Film „Rose“ perfekt in sein bislang schmales Œuvre, geht es doch um eine Frau, die im 17. Jahrhundert vorgibt, ein Mann zu sein.
Sandra Hüller („Der Astronaut“) spielt sie mit ihrer typischen burschikosen Art, die hier besonders gut zu einer Figur passt, die den misstrauischen Blicken einer patriarchalischen Welt widersteht. Gefilmt in brillantem Schwarz-Weiß, wirkt Schleinzers distanzierte Herangehensweise zwar oft, als würde er auf ein Diorama schauen. Aber gerade dieser kühle, fast schon akademische Blick lässt die Geschichte von Rose zu einer vielfältig lesbaren Allegorie über den Wunsch werden, eine andere Person zu sein.
In den Jahren nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges, Mitte des 17. Jahrhunderts: Rose (Sandra Hüller) trägt die Haare kurz und dazu einen meist tief ins Gesicht gezogenen Hut, der nicht nur ihr Geschlecht, sondern auch eine Narbe aus Kriegszeiten verbirgt. Sie tritt eine Erbschaft an, die ihr eigentlich nicht zusteht, übernimmt einen Hof, der seit zehn Jahren leer steht. Misstrauen schlägt ihr entgegen, doch ihr Wissen um einen Sturm, der einst das Land verwüstete, beruhigt die Menschen, zumindest vorerst.
Mühsam bringt Rose den Hof auf Vordermann, unterstützt von einigen Knechten und Mägden, von denen sie sich vor allem nachts fernhält. Als sie bei einem Angriff durch einen Bären mutig agiert, steigt ihre gesellschaftliche Position. Sie fühlt sich sicher, will mehr. Auf einem Nachbargrundstück liegt ein Bach, dessen Wasser sie für ihre Pläne braucht, doch das Land will ihr der Besitzer nur unter einer Bedingung abtreten: Rose soll seine älteste Tochter Suzanna (Caro Braun) heiraten – ein Deal, auf den sich Rose wider besseres Wissen einlässt und mit dem das Schicksal seinen zwangsläufigen Weg geht …
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„Rose“ ist erst der dritte Spielfilm, den der österreichische Regisseur Markus Schleinzer in 15 Jahren realisiert hat, wobei alle drei Filme auf den ersten Blick ganz unterschiedlich wirken, bei genauerem Hinsehen aber doch deutliche Parallelen aufweisen. Immer geht es um Figuren, die ihre wahren Absichten beziehungsweise Fähigkeiten verbergen. „Michael“ erzählt von einem scheinbar unbescholtenen Mann, der in der österreichischen Provinz lebt, wie der nette, zurückhaltende Nachbar wirkt, aber ein Triebtäter ist, der einen kleinen Jungen versteckt hält. „Angelo“ wiederum drehte sich um einen aus Afrika nach Wien verschleppten jungen Mann aus dem heutigen Nigeria. Dieser wird im 18. Jahrhundert am Hof als Exot ausgestellt und begutachtet, besitzt in Wahrheit aber intellektuelle Fähigkeiten, die weit über das hinaus gehen, was ihm zugetraut wird.
Nun also mit Rose eine Frau, die in der patriarchalischen Welt des 17. Jahrhundert nach einem Maß an Selbstbestimmung und Freiheit verlangt, das ihrem Geschlecht zu dieser Zeit nicht zugestanden wurde. Als Ausweg wählt sie einen Weg, der unglaublich wirkt, aber tatsächlich auf historischen Fakten beruht. Nicht den speziellen Fall einer einzelnen Frau haben Markus Schleinzer und sein Co-Drehbuchautor Alexander Brom als Vorlage für Rose gewählt. Vielmehr haben sie aus diversen Geschichten, auf die sie bei der Recherche stießen, eine universelle Figur geformt. Betont unbestimmt bleibt vieles, zumal Rose aus offensichtlichen Gründen schweigsam ist, nur das Nötigste spricht und ihre Vergangenheit sowie die Motivation für ihr Tun ebenfalls lange im Dunkeln bleiben.
Selbst der Schauplatz der Handlung bleibt vage, irgendwo in deutschen Landen spielt die Handlung. Gedreht wurde im Harz, gefilmt in einem stilisierten, kontrastreichen Schwarz-weiß, das der Geschichte eine zusätzlich distanzierte Aura verleiht. Wie eine Fabel wirkt „Rose“ oft, zumal von Beginn bis zum unausweichlichen Ende eine leicht süffisant wirkende Erzählerstimme die Handlung begleitet. Diese lässt von Anfang an keinen Zweifel daran, dass Rose eine Betrügerin ist. Aber ebenso deutlich macht sie, dass es in der Welt, in der Rose lebt, kaum eine Wahl für eine Frau mit ihren Bedürfnissen gibt. Distanziert und kühl zeigt Schleinzer diese Welt, stellt sie aus, entzieht sich jeder Wertung über Roses Verhalten und öffnet gerade dadurch vielfältige Möglichkeiten, die Geschichte als universelle Allegorie zu verstehen.
Fazit: In seinem lose auf historischen Fakten basierenden Drama „Rose“ erzählt Markus Schleinzer in stilisierten Schwarz-weiß-Bildern und mit einer perfekt besetzten Sandra Hüller von einer Frau, die sich als Mann ausgibt. Die zwar lügt und betrügt, dies aber nicht aus niederen Instinkten, sondern um ein Maß an Freiheit zu gewinnen, dass die Welt, in der sie lebt, ihrem Geschlecht ansonsten verwehrt.
Wie haben „Rose“ im Rahmen der Berlinale 2026 gesehen, wo er im offiziellen Wettbewerb seine Weltpremiere gefeiert hat.