Ein weiterer großer Auftritt für Brendan Fraser
Von Janick NoltingDer Schrecken ist groß: Die Leiche lebt noch! Plötzlich erhebt sich der Mann aus dem Sarg, den man in der Mitte des Raums aufgestellt hat. In der Trauergemeinde sitzt auch er: Brendan Fraser als Phillip, ein amerikanischer Schauspieler in Japan, den man zu der Zeremonie beordert hat. Erst weiß er kaum, wie er sich zwischen all den traurigen Menschen verhalten soll. Dann fällt er aus allen Wolken, als er Zeuge dieser schrägen Wiederauferstehung wird. Alles nur gespielt und inszeniert. Eine einzige Simulation, damit der vermeintliche Tote endlich mal etwas Anerkennung und Wertschätzung im Leben spüren kann – und wenn auch nur bei seiner eigenen Fake-Beerdigung. Damit bringt der Film schon nach wenigen Minuten seinen tragikomischen Humor auf den Punkt.
„Rental Family“ ist das neue Werk von Mitsuyo Miyazaki, besser bekannt als Hikari. In der Vergangenheit war die Regisseurin unter anderem an der vieldiskutierten Netflix-Serie „Beef“ beteiligt. Nun befasst sie sich mit dem Schein und Sein menschlicher Beziehungen – und dem anhaltend aktuellen Thema der großstädtischen Einsamkeit. Das Drehbuch, das sie mit Stephen Blahut verfasst hat, ist dabei um Leerstellen konstruiert. Leerstellen in der Biografie, im familiären Gefüge, im sozialen Alltag. Und es wäre doch gelacht, hätte der Mensch nicht die nächste fragwürdige Idee, um daraus Profit zu schlagen!
Disney und seine verbundenen Unternehmen
Phillip Vandarpleog (Brendan Fraser) verbringt seine Tage in Tokio in den immergleichen, öden Routinen. Das Schauspielgeschäft läuft für die einstige Werbeikone nicht mehr so gut. Gleich zu Beginn sieht man, wie er in einem grotesken Kostüm und mit traurigem Blick seine Pause verbringt. Es fällt ihm schwer, soziale Beziehungen aufzubauen. Schließlich wird Phillip Teil einer Agentur, die Schauspieler*innen an zahlende Kund*innen vermietet, um beispielsweise abwesende Familienmitglieder zu ersetzen. Immer mehr beginnt Phillip, über sein eigenes Weltbild und seine unterschiedlichen Rollen nachzudenken…
Wer die kurze Inhaltszusammenfassung von „Rental Family“ liest, könnte ein Déjà-vu erleben. Tatsächlich wurde die Prämisse in den letzten Jahren nämlich schon ein paar Mal so oder so ähnlich thematisiert und durchgespielt. Am naheliegendsten ist der Vergleich mit Werner Herzogs „Family Romance, LLC“, der sich ebenfalls mit dem Phänomen der Menschenvermietung in Tokio befasste. Aber auch Bernhard Wengers „Pfau – Bin ich echt?“ mit Albrecht Schuch hat sich jüngst mit einem vergleichbaren Geschäftsmodell und den Fallstricken des menschlichen Rollenspiels auseinandergesetzt.
Im direkten Vergleich fällt „Rental Family“ leider ab. Das liegt vor allem daran, dass Hikaris Film die Konfrontation mit dem Publikum scheut. Man bricht die Tragweite des ganzen Themas etwas betulich und unterkomplex auf wenige Dialoge herunter. Eine echte Irritation findet dadurch nicht statt. Ein zentraler Diskussionspunkt, wenn es etwa um den Vergleich von Schauspiel und Prostitution geht, wird schnell beiseitegeschoben. Das menschliche Subjekt, sein Rollenspiel und Selbstverständnis werden zwar transparent gemacht, aber kaum zerlegt oder in seinen Trugschlüssen vorgeführt. All die unbehaglichen Facetten sind so zwar präsent, aber werden eher halbgar austherapiert, statt ihre Spannung auszuhalten.
Disney und seine verbundenen Unternehmen
Zugleich kann man sagen: Der Stoff an sich ist immer noch extrem reizvoll und interessant für einen Spielfilm – und „Rental Family“ besitzt gerade als Charakterporträt durchaus seine Stärken und ergreifenden Momente. Eine dieser Stärken ist zweifellos das Spiel von Brendan Fraser, das den gesamten Film tragen und konzentrieren kann, obwohl dessen Drehbuch immer wieder in so viele kleine Stränge, episodische Vignetten und Figuren-Anordnungen zerfällt.
Fraser ist einfach die perfekte Besetzung für diese Figur, die im Grunde genommen als eine Art großer, melancholischer Teddybär durch die Welt trottet. Man kann das in seiner Gefühligkeit berechenbar finden, aber Fraser füllt seine Rolle bestens und erstaunlich nuanciert aus – gerade im letzten Akt des Films, wenn es um das Entwickeln einer Haltung zur eigenen Biografie geht. Hinter Frasers gefeierter Oscar-Leistung in „The Whale“ beispielsweise muss sich diese ruhigere, nur auf den ersten Blick unscheinbare Darstellung nicht verstecken.
„Rental Family“ bricht das Thema der verliehenen und gemieteten Beziehungen vor allem auf das verkörperte und empfundene Gefühl herunter. Er führt weg vom Diskurs über Schauspiel und Authentizität hin zu den fließenden Tränen. Man erhält bisweilen den Eindruck, dass das geschilderte Oberthema, das allein aus einer ökonomischen Sicht reichlich Angriffsfläche bietet, vor allem dazu dient, allerlei Herzschmerz zwischen neu geschlossenen Freundschaften und Wahlfamilien zu entfesseln. Nur, was soll man sagen: Viele dieser Szenen verfehlen ihre Wirkung nicht.
Der emotionale Kitsch ist hier vielmehr essenzieller Teil einer Gegenbewegung, die der Film unternimmt. Das vermeintlich wahrhaftige Gefühl wird der kühlen Geschäftsbeziehung gegenübergestellt. Zunächst wird es noch als Tabu über engere Verbindungen zu den Kund*innen verhängt. Aber was passiert, wenn die angeordnete Distanz plötzlich nicht mehr möglich ist? Wenn Frasers Figur etwa damit ringt, seine fürsorgliche Verbindung zu einem kleinen Mädchen zu kappen, dessen Vater er auf Bestellung verkörpern soll? Wie wahrhaftig kann ein Gefühl überhaupt sein, wenn es auf bezahlter Basis fußt?
Gerade wenn es um den ästhetischen Zugang zur Einsamkeit und Illusion ihrer Überwindung geht, hangelt sich „Rental Family“ leider zunächst durch allerlei austauschbare Bilder. Das Tokio, in dem Brendan Fraser unterwegs ist, entpuppt sich im Grunde als ästhetisches Klischee aus beschleunigten Aufnahmen von Massen auf Straßenkreuzungen, Karaokebars, Restaurants und ein paar heiligen Stätten. Hikaris Inszenierung findet vor allem dann einen Höhepunkt, wenn dieser Großstadtdschungel einmal verlassen wird. Das sind erstaunlicherweise Szenen, in denen es auch um die Abwesenheit von Bildern geht, nämlich von Bildern im eigenen Gedächtnis, verblassenden Erinnerungen.
Spätestens hier schließt sich ein Kreis zum Anfang. Die Lücke und Leerstelle in einem System bleibt bestehen, aber da regt sich plötzlich etwas in Menschen, wenn sie medial gefüllt werden soll. Egal, ob es sich bei den Medien dann um alte Fotografien oder eine angeheuerte Person, die zur Projektionsfläche wird, handelt – man lernt mit ihr gemeinsam, zu akzeptieren, dass sich das So-Tun-Als-Ob längst in Realität verwandelt hat. Die Beteiligten finden über die Täuschung zu sich selbst, wenn auch nur für kurze Zeit.
Fazit: „Rental Family“ fügt dem Thema der bezahlten und gemieteten Familienmitglieder und Vertrauenspersonen keine nennenswerten Gedanken hinzu. Dafür besticht Hikaris Tragikomödie aber mit einem anrührenden Charakterporträt, was vor allem einem bestens aufgelegten Brendan Fraser in der Hauptrolle zu verdanken ist.