No Hit Wonder
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
No Hit Wonder

Trotz des Titels ein Publikumshit mit Ansage

Von Christoph Petersen

Von der Spitze der Charts bis zum musikalischen Anpreisen von Möbelmarkt-Sonderangeboten („bis zu 70 Prozent auf Einzelstücke“) dauert es weniger als fünf Minuten! Zu Beginn von Florian Dietrichs „No Hit Wonder“ erleben wir die Karriere des titelinspirierenden Ein-Hit-Wunders Daniel Novak (Florian David Fitz) im Schnelldurchlauf: Erst bläht sich sein Publikum auf Stadiongröße auf, bis es auf die zufällig anwesenden Wochenendshopper zusammenschrumpft. Neben dem Glitzerjackett bleibt dabei auch der eine Song immer derselbe: Wie lange der Film nach dem Kinobesuch tatsächlich nachwirkt, ist so eine Frage – aber zumindest das dauergeschmetterte Popstück „Time, Time, Time“ kriegt man auch nach dem Rollen des Abspanns definitiv nicht mehr so schnell aus dem Kopf.

Nun wäre es die definitive Pointe, wenn es der von Florian David Fitz extra für den Film geschriebene, absolut authentisch klingende Ohrwurm tatsächlich in die realen Charts schaffen würde, während die schwarzhumorig angespitzte Wohlfühl-Komödie selbst an den Kinokassen baden geht. Aber das wird ja schon allein wegen des Leinwand-Duos Florian David Fitz („Wochenendrebellen“) und Nora Tschirner („Wunderschöner“) nicht passieren – zumal die Prämisse eben auch noch maximal massentauglich anmutet: Ein ausrangierter Popstar landet nach einem Selbstmordversuch in der geschlossenen Psychiatrie – und findet dort in einem Chor für psychisch kranke Menschen zurück zum Glück. Aber apropos Glück: Ganz so süßlich, wie das jetzt klingt, ist „No Hit Wonder“ dann zum Glück doch nicht!

Nach seinem Selbstmordversuch wird der Ex-Popstar Daniel (Florian David Fitz) von seiner Psychotherapeutin erpresst, einen Glücks-Chor zu leiten. Warner Bros.
Nach seinem Selbstmordversuch wird der Ex-Popstar Daniel (Florian David Fitz) von seiner Psychotherapeutin erpresst, einen Glücks-Chor zu leiten.

Denn genau da kommt die Psychotherapeutin Lissi (Nora Tschirner) ins Spiel. Die braucht nämlich selbst schnell einen (Wissenschafts-)Hit, um nicht trotz zwei (!) Doktortiteln weiter mit dem Wechsel von Bettpfannen ihren Lebensunterhalt verdienen zu müssen (wobei sie sich mit dieser Wohnung angesichts der aktuellen Münchner Mietsituation wirklich nicht zu beschweren braucht): Als der ehemalige Popstar auf ihrer Station eingeliefert wird, sieht sie jedenfalls ihre Chance gekommen, ihre ohnehin geplante, aber bislang an der Finanzierung gescheiterte Glücksstudie mit einem prominenten Teilnehmer so aufzupeppen, dass sie auch für die milliardenschweren Spender*innen der Klinik spannender wird.

Dafür wird dann notfalls auch gelogen und erpresst, um den widerborstigen Promi-Patienten dazu zu bringen, einen Chor aus Menschen mit depressiven Erkrankungen zu leiten – und dann zu messen, wie viele Glückshormone beim gemeinsamen Singen ausgeschüttet werden. Solche Filme über die potenziell heilende Kraft des Musizierens gibt es – von „Sister Act“ über „Oh Happy Day!“ bis „Wie im Himmel“ und „Die leisen und die großen Töne“ – natürlich wie Sand am Meer. Aber da bildet gerade Nora Tschirner mit ihrer pragmatisch-trockenen Art einen wunderbaren Gegenpol, der lange Zeit allein verhindert, dass „No Hit Wonder“ zu sehr in Richtung Betroffenheitskitsch abgleitet.

Zunächst weiß Daniel gar nicht, was er mit all den depressiven Sänger*innen anfangen soll – aber natürlich wächst auch er an der Situation. Warner Bros.
Zunächst weiß Daniel gar nicht, was er mit all den depressiven Sänger*innen anfangen soll – aber natürlich wächst auch er an der Situation.

Dabei versteht man schon, warum sich Drehbuchautor Florian David Fitz und Regisseur Florian Dietrich („Toubab“) vor allem auf Daniel und Lissy sowie die Starpower der beiden Namen oben auf dem Poster konzentrieren. Aber ein bisschen stößt es trotzdem auf, wie wenig Raum die üblichen Chor-Mitglieder teilweise erhalten – so wirkt es mitunter, als wären sie und ihre Leiden vor allem dazu da, damit das Protagonist*innen-Duo an ihnen wachsen kann: Wenn der grummelige Stammtisch-Taxifahrer ausgerechnet für seinen migrantischen Gesangs-Kollegen anhält, um ihn nach der Probe nach Hause zu fahren, wäre das in anderen Filmen womöglich ein berührender Moment des Zusammenwachsens. Aber ohne jede Vorarbeit wirkt es hier nur wie ein weiterer Klischee-Baustein des Chor-Genres.

Wobei man „No Hit Wonder“ auf jeden Fall zugutehalten muss, dass er gerade nicht mit dem offensichtlichen Happy-End-Moment abschließt: Nach einem viralen Handyclip von einer Probe in einem verlassenen Schwimmbad wird der Chor zum Auftritt in eine Late-Night-Show (moderiert von Sebastian Blomberg mit David-Letterman-Gedächtnis-Rauschebart) eingeladen. Aber statt dass mit ein bisschen Berühmtheit alles wieder gut ist, hat die extra Aufmerksamkeit genau den gegenteiligen Effekt. Von da an geht „No Hit Wonder“ lobenswerterweise noch mal an besonders dunkle Orte, verliert dabei jedoch zugleich seine Leichtigkeit. Die unglückliche Folge: Das Tränenzieher-Finale wirkt so weniger berührend als ganz schön dick aufgetragen.

Fazit: Zwei Drittel lang hält „No Hit Wonder“ eine stimmige, launige Balance zwischen schwarzem Humor und süßlicher Erbauung, bevor die Wohlfühl-Komödie im letzten Drittel doch noch unter ihrer eigenen staatstragenden Schwere zusammenzubrechen droht.

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