Ein (halbes) Original, das sich dennoch wie eine Kopie anfühlt
Von Christoph PetersenMit ihrem Indie-Durchbruch „Blood Simple“, ihrem Jahrhundert-Meisterwerk „Fargo“, ihrem Kult-Klassiker „The Big Lebowski“ und ihrem Oscar-Abräumer „No Country For Old Men“ haben sich die Coen-Brüder tief in die Filmgeschichte eingeschrieben. Aber wie immer, wenn eine solch stilprägende neue Stimme aufpoppt, gab es auch hier – vergleichbar mit Quentin Tarantino nach „Reservoir Dogs“ und „Pulp Fiction“ – sofort zahlreiche Nachahmer: Filme wie „Kleine Gangster, große Kohle“, „The Big White“, „The Ice Harvest“, „Small Crimes“ oder „Cold Blooded“ haben seitdem mal mehr, meist aber weniger überzeugend versucht, auf der Coen-Erfolgswelle mitzureiten.
Nach ihrem Episoden-Western „The Ballad Of Buster Scruggs“ (2018) gingen die Coen-Brüder dann getrennte Wege – und das in völlig entgegengesetzte Richtungen: Während Joel Coen die künstlerisch wahnsinnig ambitionierte Schwarz-Weiß-Shakespeare-Adaption „Macbeth“ auf die Beine gestellt hat, startete Ethan Coen mit seiner Ehefrau und Schreibpartnerin Tricia Cooke eine „Trilogie lesbischer B-Movies“. Nach dem Auftakt mit „Drive-Away Dolls“ wird diese nun mit dem dunkelschwarzhumorigen „Honey, Don’t!“ fortgeführt: Sehr heiße Menschen haben heißen Sex in einer lauwarmen Noir-Komödie – das ist auch dank der vielen Stars durchaus kurzweilig, wirkt aber letztendlich selbst wie eine mittelprächtige Coen-Brüder-Kopie.
Focus Features / Universal Pictures Germany
Die titelgebende Honey O'Donahue (Margaret Qualley) arbeitet als Privatdetektivin in Bakersfield, Kalifornien. Normalerweise hat sie es vornehmlich mit Fällen von Untreue zu tun, obwohl sie ihrer (rachsüchtigen) Kundschaft stets empfiehlt, sich lieber gleich zu trennen, statt noch unnötig Geld in Beweisfotos zu investieren. Neuerdings tauchen allerdings immer mehr Leichen im Central Valley auf – und der zuständige Ermittler Marty Metakawich (Charlie Day) hat offensichtlich nicht das Zeug dazu, die Mordserie aufzuklären.
Honey stürzt sich also nicht nur in eine heiße Affäre mit der in der Asservatenkammer arbeitenden Polizistin MG (Aubrey Plaza), sondern nimmt parallel dazu eigene Ermittlungen auf – vor allem, nachdem ihre eigene Nichte ebenfalls spurlos verschwunden ist. Die Spuren führen schnell zum Four-Way Temple, einer sektenähnlichen Kirche, die Referent Drew (Chris Evans) mit seinen Predigten von „aktiver Unterwerfung“ nicht nur zu seinem persönlichen Sex-Kult umgebaut hat, sondern die auch als Mittelpunkt eines florierenden Drogenhandels fungiert…
Auch in „Honey Don’t!“ gibt es, wie man es von den Coen-Brüdern seit jeher gewohnt ist, wieder einige geradezu grotesk blutige Momente – vor allem bei einer Szene auf einem Restaurantparkplatz, wo ein Mann nach einem missglückten Drogenkauf nicht nur zweimal überfahren, sondern dann auch noch, mit dem Bein im Radkasten feststeckend, ein ganzes Stück mitgeschleift wird. So weit, so bekannt. Neu hinzugekommen ist seit „Drive-Away Dolls“ hingegen der Sex – denn der hat bei den Coens zuvor eigentlich nie eine größere Rolle gespielt: Chris Evans („Deadpool & Wolverine“) präsentiert zwar ausgiebig seinen nackten Oberkörper samt Waschbrettbauch, seine freizügigen Kirchen-Orgien samt Umschnall-Dildos und Fetisch-Wäsche fallen allerdings eher parodistisch als antörnend aus.
Anders bei Margaret Qualley („The Substance“) und Aubrey Plaza („Dirty Grandpa“): Obwohl sie sich nur kurz in den Laken herumwälzen, kann Mann – und angesichts des Zielpublikums noch viel mehr: lesbische Frau – sich ausmalen, was da noch alles passiert sein muss, wenn Honey am nächsten Morgen vorbildlich die Dildos und Analkugeln in der Küchenspüle abwäscht. Und so richtig heiß ist sowieso das Vorspiel: ein erstes Date in einer Bar, wo voller Doppeldeutigkeiten über den Unterschied von Stricken und Häkeln diskutiert wird, während Honey keine Zeit verliert, unter MGs Rock bereits handgreiflich zu werden.
Der beste Running Gag des Films gehört „It’s Always Sunny In Philadelphia“-Star Charlie Day: Als verbohrtem Sheriff kommt es ihm nicht einmal ansatzweise in den Sinn, dass Honey tatsächlich lesbisch sein könnte. Immer wieder bittet er um ein Date – und hält es bis zum Schluss für einen Gag, wenn sie ihm erwidert, dass sie nun mal auf Frauen stehe. Dabei hat sie ihre „Ich habe eine Pussy und ich wähle“-Aufkleber immer griffbereit auf dem Armaturenbrett liegen, falls sie irgendwo einen MAGA-Sticker erspäht, den es zu überkleben gilt. Der feministische Tenor zieht sich bis zur Motivation des Killers, dessen finale Enthüllung zwar durchaus überraschend ist, aber zugleich auch sehr abrupt wirkt.
Dass das Finale so plötzlich und wenig überzeugend vorbereitet daherkommt, ist allerdings kaum überraschend: Es macht zwar Laune, wie sich Honey in typischer Privatdetektive-im-Film-noir-Manier durchweg in trockenen Onelinern ausdrückt. Aber auch sonst besteht „Honey Don’t!“ quasi ausschließlich aus erprobten Versatzstücken des Genres, die hier mit minimalen Variationen einfach nur durchgemixt werden, ohne dass die einzelnen Elemente irgendwann zusammenkommen – oder auch nur tonal stimmig zueinander passen – würden. Es wirkt fast so, als hätten sich die Autor*innen in der Vorbereitung den einen oder anderen Coen-Film zu viel als Inspiration angesehen…
Fazit: Der zweite Teil von Ethan Coens lesbischer B-Movie-Trilogie, die mit „Go, Beavers!“ ihren Abschluss finden soll, besteht aus jeder Menge Noir-Klischees, die weder thematisch noch narrativ wirklich zusammenkommen. Auch fehlt „Honey, Don’t!“ am Ende der Biss, um durchgängig als Genre-Satire durchzugehen. Trotzdem ist der Film durchweg unterhaltsam – und ob sich das Kinoticket allein schon wegen der hitzigen Scharmützel von Margaret Qualley und Aubrey Plaza lohnt, das kann jeder Mann und jede Frau vermutlich sehr gut für sich selbst entscheiden.
Wir haben „Honey Don’t!“ beim Cannes Filmfestival 2025 gesehen, wo er als Mitternachtsvorführung seine Weltpremiere gefeiert hat.