Apples flammende Antwort auf "Speed"
Von Lutz GranertDas sogenannte Camp Fire gilt als einer der verheerendsten Waldbrände in der Geschichte der USA. Das vom 8. bis 25. November 2018 in Nordkalifornien tobende Inferno verwüstete insgesamt mehr als 62.000 Hektar Land. 85 Menschenleben und 18.000 Gebäude fielen ihm zum Opfer, die Kleinstadt Paradise wurde weitgehend ausgelöscht. Eine extreme Trockenheit und starke Winde fachten das sich schnell ausbreitende Feuer immer wieder an. Die Einsatzkräfte gaben bald auf, die Brände unter Kontrolle zu bringen, und setzten stattdessen darauf, die Bevölkerung zu schützen. Da gab es jede Menge dramatische und tragische Situationen – aber die Flammenfahrt eines mit 22 Grundschüler*innen besetzten Schulbusses sorgte noch mal ganz besonders für Schlagzeilen.
Ein perfekter Stoff für den britischen Filmemacher Paul Greengrass, der sich bereits in Filmen wie „22. Juli“ oder „Flug 93“ der möglichst unmittelbaren Rekonstruktion wahrer Begebenheiten verschrieben hat. In Sachen Intensität steht die Apple-TV+-Produktion „The Lost Bus“ den früheren Filmen in nichts nach: Bei der Premiere auf dem Toronto International Film Festival flossen beim Publikum vor Anspannung die Tränen. Auch deshalb gilt der Survival-Thriller in technischen Kategorien wie Ton oder Schnitt schon jetzt zu Recht als potenzieller Oscar-Kandidat.
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Nach dem Tod seines Vaters ist Kevin McKay (Matthew McConaughey) in seinen Heimatort Paradise, Kalifornien zurückgekehrt, um sich dort um seine Mutter Sherry (Kay McConaughey) zu kümmern. Neben seinem angespannten Verhältnis zu seinem Sohn Shaun (Levi McConaughey) hadert er auch mit seinem neuen Job als Schulbusfahrer, schließlich kommt er finanziell kaum noch über die Runden.
Als um Paradise ein verheerendes Feuer ausbricht, erklärt sich Kevin bereit, 22 gestrandete Grundschüler*innen und ihre Lehrerin Mary Ludwig (America Ferrera) abzuholen und an einen vermeintlich sicheren Sammelpunkt zu bringen. Doch der Platz ist bereits von den Bränden eingeschlossen. Ohne Funkkontakt sucht Kevin fernab verstopfter Straßen verzweifelt nach einer Route durch die immer näher rückenden Flammen…
Paul Greengrass beschwört nicht nur mit Einblendungen von exakten Uhrzeiten und Ortsbezeichnungen, sondern auch mit dem Einsatz von realen Nachrichten- und Archivaufnahmen einen größtmöglichen Realismus herauf. Als Teil des Einsatzstabes treten der Feuerwehrchef John Messina und die Dispatcherin Beth Bowersox auf, die an der Bekämpfung des Camp Fire tatsächlich beteiligt waren – und Matthew McConaughey bestreitet die Familienszenen mit seiner echten Mutter und seinem echten Sohn.
Dramaturgisch fokussieren sich Greengrass und Co-Autor Brad Ingelsby bei ihrer Adaption des Sachbuchs „Paradise: One Town's Struggle To Survive An American Wildfire“ aufs Wesentliche: Selbst wenn Kevin immer wieder vergeblich versucht, seine betagte Mutter und seinen kranken Sohn anzurufen, wird abseits der wahrhaftigen Höllenfahrt keine zerfasernde Nebenhandlung eröffnet. Stattdessen bleibt das Schicksal der nicht direkt beteiligten Figuren bis zum Ende offen.
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Mit seiner agilen Handkamera ist der norwegische Kameramann Pål Ulvik Rokseth immer ganz nah dran am Geschehen. Während zu Beginn ein Streit bei den MacKays noch zu gewollt unruhig eingefangen wird, bestechen die einen mit Beginn des Feuers regelrecht ins Geschehen hineinsaugenden Aufnahmen des von Rauch und Flammen eingeschlossenen Busses immer wieder durch originelle Perspektiven. So sehen wir das Geschehen einmal aus dem „Blickwinkel“ eines Funkens, der nach einer seltenen Verschnaufpause einen neuen Brandherd entfacht – das schraubt die suggestive Spannung noch weiter hoch!
Das um größtmögliche Authentizität bemühte Setting gerät bei der mit diabolischem Knistern und fauchendem Lodern im hervorragenden Sounddesign angereicherten Feuersbrunst mitunter an seine Grenzen: Aber während die CGI-Effekte bei einem abbrechenden Teil einer Stromleitung im Morgengrauen noch etwas billig wirken, fügen sich überspringende Flammen und fast schon undurchdringliche Rauchsäulen bald wesentlich organischer in den dramatischen Überlebenskampf und sorgen so für eine ungemein dichte und beklemmende Atmosphäre.
Auch schauspielerisch vermag „The Lost Bus“ zu punkten. Oscar-Preisträger Matthew McConaughey („Dallas Buyers Club“) spielt als abgefuckter Antiheld mit sorgenvoller Miene und tiefen Augenringe weiter uneitel gegen sein ohnehin längst überholtes Schönling-Image an. America Ferrera („Barbie“) gibt als zunächst sachliche, alsbald verzweifelnde Lehrerin eine engagierte und starke Vorstellung gibt.
Allerdings bleibt für beide nur bei einer kurzen Verschnaufpause im Auge des Feuersturms Raum fürs „Schauspielern“. Ansonsten bleibt es bei der rudimentären Charakterzeichnung rund um geplatzte Lebens- und Reiseträume, bevor der nächste mitreißende Flammensturm angefegt kommt, den es mit Cleverness, Fahrkünsten und etwas Glück im dichten Rauch zu meistern gilt.
Fazit: Bei „The Lost Bus“ springt der Funken definitiv über! Der Katastrophen-Thriller mit ausgeprägten Realismus-Anspruch entwickelt eine sogartige und – im doppelten Wortsinn – knisternde Spannung.