Im besten Sinne altmodisch – und trotzdem auf der Höhe der Zeit!
Von Michael MeynsEinst gehörten romantische Komödien und Liebesfilme zu den im Kino beliebtesten Genres – doch diese Zeiten sind längst vorbei. In den letzten Jahren gaben vor allem Superheldenfilme, Fortsetzungen und Reboots in Hollywood den Ton an. Aber vielleicht ändert sich das gerade. 2024 etwa war „Wo die Lüge hinfällt“ mit Glen Powell und Sydney Sweeney ein großer Kassenerfolg, ein noch interessanteres Fallbeispiel gibt aber Celine Songs „Was ist Liebe wert – Materialists“ ab: eine selbstreflexive Romanze, die bewusst mit den Strukturen des Genres spielt, das Wissen des Publikums über die zu erwartenden Muster in den Film intengriert – und oft unterläuft.
Auch „A Big Bold Beautiful Journey“, der neue Film des ehemaligen Filmkritikers Kogonada, versteht sich als moderne Variation eines klassischen Genres. Die im Zentrum stehenden Figuren lernen sich direkt zu Beginn kennen und kommen am Ende – natürlich – auch zusammen. Dazwischen jedoch durchleben sie eine mehr als ungewöhnliche Reise, die beide mit ihrer jeweiligen Vergangenheit und vor allem den psychologischen Hindernissen auf dem Weg zu einer Beziehung konfrontiert.
Sony Pictures
Da sein Auto mit einer Parkkralle gesperrt ist, sucht David (Colin Farrell) nach einem Ausweg – und sieht einen Zettel mit dem Angebot einer Autovermietung. Etwas seltsam mutet zwar an, dass der Weg zum gemieteten Auto wirkt wie ein Filmcasting – und auch die Tatsache, dass nur Autos aus den 1990ern zur Auswahl stehen, irritiert. Aber David hat keine Wahl. Und so findet er doch noch den Weg zu einer Hochzeit, auf der er Sarah (Margot Robbie) kennenlernt.
Liebe auf den ersten Blick ist es nicht, eher Anziehung. Doch es passiert erst einmal nichts, denn sowohl David als auch Sarah haben große Skepsis, was ernsthafte Beziehungen angeht. Beide wissen um die eigenen Macken, wollen aber auch ihr Gegenüber nicht verletzen. Am nächsten Tag bringt sie der Zufall (oder doch das Schicksal?) in einem Imbiss allerdings erneut zusammen – und prompt bleibt Sarahs Auto liegen, woraufhin die beiden sich gemeinsam auf den Weg machen und vom erstaunlich hellsichtigen GPS in einen Wald gelotst werden. Dort stoßen sie auf eine geheimnisvolle Tür – nur eine Tür mit Rahmen, nicht mehr. Was sie noch nicht wissen: Diese Tür führt in die Vergangenheit, hin zu einem Ort, der David viel bedeutet. Im Anschluss öffnen sich noch etliche weitere Türen – und die zwei starten eine Reise in die eigene Psyche, auf der sie allmählich von passiven Beobachtern zu aktiven Teilnehmern werden...
Park Joong Eun heißt der Amerikaner südkoreanischer Herkunft, der als Kogonada filmkritische Webvideos produzierte, die ihn bekannt machten und bald die Seite wechseln ließen: „Columbus“ hieß 2017 Konogadas Spielfilmdebüt als Autor und Regisseur, vier Jahre später folgte „After Yang“ – beides stilistisch markante, erzählerisch unkonventionelle Filme, die um Beziehungen und Erinnerungen kreisten. Insofern muss man sich auch nicht wundern, dass Kogonada mit „A Big Bold Beautiful Journey“ zum ersten Mal ein fremdes Drehbuch verfilmt hat. Vor einigen Jahren fand sich Seth Reiss' Skript auf der sogenannten Blacklist wieder, einer jährlich erscheinenden Liste der besten unverfilmten Drehbücher, die in Hollywood kursieren. Eine Auftragsarbeit also – aber eine, die genau zu Kogonadas Sensibilitäten passt, zu seinen Themen, seinem oft leicht manierierten Stil, nicht zuletzt aber zu seinem Wissen um die Filmgeschichte.
Schon das Plakat mit Robbie und Farrell unter bunten Regenschirmen erinnert an „Die Regenschirme von Cherbourg“. Hinweise auf tragische Roadmovies wie „La Strada“ und weitere Klassiker schaffen eine Metaebene, die „A Big Bold Beautiful Journey“ in eine lange Tradition romantischer Erzählungen einordnet. So naiv und unbeschwert, wie sich manche frühere Filmfiguren in das Abenteuer einer Beziehung stürzten, geht es hier nun nicht mehr zu. Skeptisch und gehemmt wirken David und Sarah, die zwar wollen, aber nicht können – zumindest am Anfang. Ihre Reisen in die Vergangenheit muten mitunter wie Therapiesitzungen an, die das Paar mit einschneidenden Ereignissen und traumatischen Momenten konfrontieren, die sie zu dem gemacht haben, was sie sind.
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David etwa hatte nach einer Musicalaufführung in der High School einer Mitschülerin seine Liebe gestanden und war brüsk zurückgewiesen worden. Sarah wiederum war mit ihrem Professor an der Hochschule im Bett, statt ihrer sterbenden Mutter im Krankenhaus beizustehen. Nun bietet ihnen das magische Konzept des Films Gelegenheit, diese Erlebnisse noch einmal zu durchleben – nicht um rückwirkend alles anders zu machen, sondern um zu erkennen, dass einzelne Momente nicht ein ganzes Wesen bestimmen sollten.
Kogonada taucht diese Reise in stilisierte, manchmal ein bisschen zu bunte Bilder und unterlegt diese auch noch mit süßlichem Indie-Pop. Manche Momente bewegen sich bisweilen hart an der Grenze zum Kitsch. Aber all das steht letztlich im Dienst einer Romanze, bei der die einzigen, die nicht von Anfang an wissen, wo die Reise hinführt, die designierten Liebenden sind. Kogonada spielt clever mit den Mustern des Genres, vergisst dabei aber nicht, seine natürlich mehr als attraktiven Hauptdarsteller*innen in den Mittelpunkt zu stellen und ihnen den nötigen Raum zu geben.
Fazit: Gleichermaßen altmodisch wie modern wirkt „A Big Bold Beautiful Journey“ von Kogonada, in dem sich Margot Robbie und Colin Farrell auf eine lange, erzählerisch ambitionierte Reise durch die eigene Vergangenheit begeben – um am Ende das zu erkennen, was der Zuschauer vom ersten Moment an weiß: dass sie füreinander bestimmt sind.