Drop - Tödliches Date
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Drop - Tödliches Date

Die Wiederauferstehung eines totgeglaubten Kinogenres

Von Sidney Schering

Mit Filmen wie dem überraschenden Found-Footage-Schocker „Paranormal Activity: Die Gezeichneten“, dem Zeitschleifen-Slasher-Spaß „Happy Deathday“ und dem blutigen Serienkiller-Körpertausch-Vergnügen „Freaky“ hat sich Christopher Landon zu einem der spannendsten Namen im Nervenkitzel-Mainstream entwickelt: Der Regisseur hat eben ein erstaunliches Händchen dafür, massiv zugespitzte Prämissen zu kurzweilig-spannenden Filmen zu formen. Daher war er eigentlich auch die perfekte Wahl, um die Zügel beim einst von Genregröße Wes Craven begründeten Meta-Horrorfranchise „Scream!“ zu übernehmen!

Aber es hat wohl einfach nicht sollen sein: Wenige Monate, nachdem Landon als „Scream 7“-Regisseur verkündet wurde, gab er auch schon wieder seinen Abgang bekannt, da sein „Traumjob zum Albtraum geworden“ sei. Was macht man also, nachdem man einer der populärsten Horror-Reihen unserer Zeit eine Abfuhr verpasst hat? Landon fand eine starke Antwort: Mit „Drop – Tödliches Date“ inszenierte er die Art Film, von der viele Fans behaupten, es gäbe sie kaum noch – einen in langer Tradition stehenden, dennoch modernen und originellen Thriller, der Klasse hat und saumäßig viel Spaß macht!

„Drop“ beginnt mit einem hochklassigen Date … Universal Pictures
„Drop“ beginnt mit einem hochklassigen Date …

Die Therapeutin Violet (Meghann Fahy) ist alleinerziehende Mutter. Nachdem sie von ihrer kecken Schwester Jen (Violett Beane) Modetipps bekommen hat, traut sie sich nun erstmals seit Jahren wieder auf ein Date: Sie trifft sich mit dem Fotografen Henry (Brandon Sklenar) in einem Luxusrestaurant. So bildschön das Ambiente, so groß Violets Nervenflattern – und dann erhält sie auch noch über den AirDrop-Konkurrenzdienst DigiDrop anonyme, aggressive Nachrichten. Zunächst ignoriert sie den Handy-Terror. Doch dann droht die fremde Nervensäge, Violets Familie töten zu lassen, sollte sich die besorgte Mutter den mörderischen Befehlen auf ihrem Display verweigern oder gar jemanden wissen lassen, was hier gerade geschieht...

Der Großteil von „Drop“ spielt im fiktionalen, im obersten Stockwerk eines Hochhauses verorteten Spitzenrestaurant Palate. Zu diesem Zweck entwarf und baute die „Drop“-Crew ein mehr als 1.100 Quadratmeter großes Set, um den komplexen Anforderungen des Drehs Genüge zu tun. Und was die Produktionsdesignerin Susie Cullen und der Dekorateur Kevin Downey hier aufgefahren haben, ist tatsächlich köstlich: Das einschüchternd-edle, nicht aber unangenehm protzige Restaurant hat Stil, Charakter und schafft eine enorme Fallhöhe für die sich wieder ins Dating-Leben wagende Violet. Denn dem Palate gelingt es paradoxerweise, Violet auf der einen Seite dank klarer Sichtlinien wie auf einem Präsentierteller zu platzieren, ihr zugleich jedoch die Suche nach Auswegen oder dem Ursprung der Gefahr gewaltig zu erschweren.

Auf den Spuren von Alfred Hitchcock

Ganz davon zu schweigen, dass das Palate einen Eingang in Form eines langen, verschnörkelten Tunnels hat, der über keinerlei Funktion verfügt, außer durch sein imposantes Design Erinnerungen an die Arbeiten alter Genremeister wie den Grafiker Saul Bass oder die Regiemeister Alfred Hitchcock und Robert Siodmak zu wecken. Überhaupt ist „Drop“ Landons mit Abstand bestaussehendster Film, von Violets samtig-rotem Kleid bis hin zur atmosphärischen, überdramatisierten Lichtführung, die das Geschehen schweigend, aber drastisch kommentiert. Etwa, wenn Violet die Tragweite ihres Dilemmas dämmert und das Saallicht im selben Moment so gedimmt wird, dass die beleuchteten Verzierungen im Palate optisch zu einem Käfig werden, der sich über sie stülpt.

Weiter verstärken Landon und „Lights Out“- Kameramann Marc Spicer die Stimmung des Thrillers durch eine sich wandelnde Dynamik: Eingangs arbeiten sie mit ruhiger Kamera. Doch je aussichtsloser und hektischer die Situation wird, desto bewegter wird die Inszenierung und umso häufiger gerät das Bild in Schieflage. Auch übertreiben sie nicht derart, dass es die altmodische Eleganz des Films attackiert – schließlich hauchen bereits die zunehmend aggressiver ins Bild montierten, auf Violet einprasselnden Befehle und Einschüchterungen dem Ganzen einen gewaltigen Schuss Modernität ein.

… und endet als hochspannender Thriller! Universal Pictures
… und endet als hochspannender Thriller!

Die Verschmelzung aus Nervenkitzel nach alter Schule und aktuellen Impulsen gelingt auch erzählerisch: Die fürs Skript verantwortlichen Jillian Jacobs („Wahrheit oder Pflicht“) & Chris Roach („Non-Stop“) ergänzen die altbekannte Frau-in-Bedrängnis-Prämisse organisch um die Möglichkeiten und Risiken heutiger Technologien. Zugleich loten sie die Implikationen des Stoffes aus, ohne den schmissigen Erzählfluss durch prononciertes Fingerwedeln auszubremsen: Violets sukzessiv enthüllte Vorgeschichte und ihre Versuche, unauffällig, aber wirksam um Hilfe zu bitten, zeigen auf, wie schwer es Frauen haben, sich aus Gefahren zu befreien:

Hier sind es Restaurantbesucherinnen, die Violet trotz eindeutiger Warnsignale als Irre abtun, genauso wie der Schmierlappen am Piano (amüsant-arschig: Ed Weeks). Da sind der freundliche, aber sich in seiner eigenen Nervosität verlierende Kellner (pointiert-quirlig: Jeffery Self) und die solidarische Barkeeperin (wohltuend-charismatisch: Gabrielle Ryan), deren Nachfragen um Violets Wohlbefinden zu auffällig sind, als dass sie gefahrlos darauf eingehen könnte. Somit schaffen Jacobs und Roach gleich mehrere Brandherde: Wer bedroht Violet? Wird Charmebolzen Henry etwas bemerken? Lässt sich Violet tatsächlich zu den geforderten Taten erpressen? Und warum wurde gerade sie ins Visier genommen?

Doch noch Wes Craven, nur anders als erwartet

Durch diese Fülle an Gefahrenquellen und offenen Punkten geht „Drop“ selbst dann nicht die Luft aus, sollte man Violet aus dem Komfort des Kinosessels heraus gedanklich doch mal ein paar Schritte voraus sein. Zumal es sich denkbar leicht mit Violet mitfiebern lässt: „The White Lotus“-Star Meghann Fahy gibt sie als Identifikationsfigur mit Rotwein in der Hand, die im glaubwürdigen Maß nervös, aber kompetent ist. Sie agiert so raffiniert und bockig, dass man ihr zutraut, sich doch noch aus der Bredouille zu befreien – und zugleich so ungeschickt und überfordert, dass es unseren Puls regelmäßig in die Höhe schnellen lässt.

Dieser Trubel wird durch Momente der Leichtigkeit gebrochen, die sich oft aus Violets Lebensrealität zwischen Trauma, Kinderkram und Durchhaltevermögen nähren. Das gestattet neckische Wendungen und unbeirrt-komischen Einfallsreichtum – ein gutes Rezept! Schließlich gehören zu zünftiger Thriller-Unterhaltung dieser Art einige saftige Späße. Das wusste schon Wes Craven, dessen „Ein romantisches Kennenlernen wird zum Grauen“-Thriller „Red Eye“ aus ähnlichem Holz geschnitzt ist. Somit hat Landon also doch noch einen Film in Cravens Tradition gemacht – bloß nicht den, den er und wir mit „Scream 7“ ursprünglich erwartet haben.

Fazit: „Drop – Tödliches Date“ ist ein tolles Lebenszeichen für eine oft und vorschnell totgesagte Filmgattung: Ein leinwandfüllender, flott erzählter, reißerisch zugespitzter Thriller mit modernen Ideen, zeitlos-stilvoller Umsetzung und einer sympathisch gespielten Hauptfigur.

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