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    Dich kriegen wir auch noch
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Dich kriegen wir auch noch
    Von Christoph Petersen
    Dass Tom Cruise über diesen frühen Auftritt der Mutter seines Tomkat-Babys sonderlich glücklich ist, darf ernsthaft bezweifelt werden. Immerhin spielt Katie Holmes in David Nutters „Dich kriegen wir auch noch“ eine totale Außenseiterin und „Sexy Bitch“ – Nabelpiercing, Nasenring und Unmengen schwarzer Kayalstift inklusive. Und als ob das nicht schon schlimm genug wäre, gehört sie damit auch noch zu den Guten, die gegen eine merkwürdige, sektenartige Gemeinschaft antreten, deren Mitglieder sich gerne als die Saubermänner der Gesellschaft präsentieren – und damit nicht sonderlich weit von Toms eigenem Image (zumindest vor seiner Promo-Tour zu Mission: Impossible 3) entfernt liegen. Na ja, dem Zuschauer soll’s egal sein, bekommt er doch auch Dank dieses Auftritts eine gelungene Mischung aus ironischem, genrezitierendem Teenie-Horror und einer bitterbösen, äußerst unterhaltsam geratenen Satire auf die amerikanische Rechte geboten.

    Als Steve Clark (James Marsden, X-Men: Der letzte Widerstand, X-Men 2, X-Men) mit seiner Familie nach dem Selbstmord seines Bruders auf die abgelegene Insel Cradle Bay zieht, muss er sich in seiner neuen High School zwischen den verschiedenen Cliquen entscheiden. Auf der einen Seite gibt es die Blue Ribbons, die sich scheinbar ganz dem Wohle der Menschheit und dem Streben nach Erfolg verschrieben haben – allerdings auch immer mal wieder kleine Ausraster haben, bei denen sie Polizisten erschießen oder ihren Freundinnen das Genick brechen. Auf der anderen Seite gibt es die kiffenden Nichtsnutze um Gavin Strick (Nick Stahl, Terminator 3, Sin City). Vor allem wegen sexy Rachel (Katie Holmes, Batman Begins, Thank You For Smoking) entscheidet sich Steve für die sympathischen Außenseiter, bekommt deshalb aber auch schmerzende Probleme mit den von Dr. Edgar Caldicott (Bruce Greenwood, Thirteen Days, Capote) angeführten Ribbons. Als die dann sogar noch Gavin umdrehen und aus dem Rebellen innerhalb einer Nacht einen rücksichtslosen Saubermann machen, ist Steve und Rachel endgültig klar, dass da was nicht mit rechten Dingen zugeht. Gemeinsam mit dem debilen Rattenfänger Dorian Newberry (William Sadler, The Green Mile) ziehen sie in die entscheidende Schlacht gegen die lernfreudigen Musterschüler…

    Die Inszenierung von David Nutter legt eindeutig mehr Wert auf hintergründige, aber trotzdem verspielte Unterhaltung als spannendes Gänsehautfeeling – so könnte man „Dich kriegen wir auch noch“ als konsequente Kino-Weiterentwicklung seiner Fernseharbeiten an solchen Mystery-Serien wie „Akte X“ oder „Millennium“ bezeichnen. Die einzelnen Szenen sind hier gerade deshalb so aufregend, weil sie mit humorvollen Zitaten (vor allem die Sage vom „Rattenfänger von Hameln“ ist ebenso trashig-komisch wie intelligent integriert) und gelungenen Genrevariationen voll gestopft sind – und nicht, weil der Killer mit einem Messer hinter den Kids herrennt und über Stühle stolpert (was natürlich ebenso seinen Reiz haben kann, aber ein wenig Abwechslung im festgefahrenen Teen-Horror-Genre kann auch nicht schaden). Nutters Meisterleistung dabei ist auf jeden Fall die ironisch überhöhte Darstellung des High-School-Cliquensystems, das schon in vielen Teenie-Filmen aufgegriffen wurde (dabei aber wahrscheinlich häufiger in Komödien als in Horrorfilmen), mit dessen Klischees aber selten so amüsant und gekonnt jongliert wurde wie in „Dich kriegen wir auch noch“.

    Aber nicht nur sein eigenes Genre mischt Nutter gehörig auf, auch politisch hält er sich mit treffenden Seitenhieben nicht gerade höflich zurück. So ist der Bösewicht zwar ein typischer Vertreter der Gattung „verrückter Professor“, aber er wird bei seinem Bestreben, die Jugend in einen Haufen „perfekter Amerikaner“ zu verwandeln, auch von der konservativen Staatsmacht unterstützt. So geht Officer Cox (Steve Railsbeck, The Devil´s Rejects) nicht einmal gegen Mitglieder der Blue Ribbons vor, nachdem einer von ihnen einen Polizisten eiskalt abgeknallt hat. Mit diesem Porträt einer Gesellschaft, die in Angst vor allem Subversiven lebt und bei der Bekämpfung solcher Elemente nicht einmal die eigenen Gesetze achtet, war Nutter, wie wir heute wissen, seiner Zeit sogar ein ganzes Stück voraus. So hat der englische Premierminister Tony Blair doch kürzlich in einem E-Mail-Austausch mit einem Journalisten im Sinne des Kampfes gegen den Terrorismus härtere Gesetze gefordert – aber nicht etwa, um Bombenleger, sondern Demonstranten und Ruhestörer leichter bestrafen zu können.

    Sehr wahrscheinlich wird es in den USA – oder anderswo – noch keine Mikrochips für aufsässige Schüler geben, aber trotzdem hat Autor Scott Rosenberg (Kangaroo Jack, „Con Air“) hier Ängste als Ursprung für seine hintersinnige Horrorgeschichte aufgegriffen, die alle heutigen Generationen gleichermaßen ansprechen sollten. Im Gegensatz zu Wes Cravens Scream-Trilogie, die noch immer mit den in den 70ern genre-üblichen Sex-Ängsten kokettiert, könnte man Nutters Film also sogar als so etwas wie einen modernen Horrorfilm bezeichnen. So kommt „Dich kriegen wir auch noch“ qualitativ zwar nicht ganz an den Genre-Primus Scream heran, ist mit seinen verschiedenen Ebenen, Anspielungen und Zitaten aber mindestens ebenso interessant.
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