Erst Anfang dieses Jahres kam „Juror #2“ in die deutschen Kinos – und damit der möglicherweise letzte Film in der langen Karriere von Clint Eastwood. Doch selbst wenn der Hollywood-Veteran nun in den mehr als verdienten Ruhestand gehen würde – in wenigen Wochen feiert er seinen 95. Geburtstag! –, hinterlässt er ein reichhaltiges, mehr als beeindruckendes Gesamtwerk:
Seine Schauspiel-Karriere begann er bereits in den 1950er-Jahren (u.a. mit der Wildwest-Serie „Tausend Meilen Staub“), bevor er dank Sergio Leones legendärer Dollar-Trilogie zum internationalen Superstar wurde. Weitere Genrebeiträge zementierten seinen Ruf als Western-Ikone, doch statt das Naheliegendste zu tun und sich auf seinem Revolverhelden-Ruhm auszuruhen, wechselte Eastwood schon bald hinter die Kamera – und startete mit dem Psychothriller „Sadistico“ (1971) in seine Regie-Laufbahn, die sich als nicht weniger wichtig erweisen sollte als die Schauspielerei.
Auch als Regisseur hat sich Eastwood dem Western mehrmals gewidmet (u.a. mit „Ein Fremder ohne Namen“ oder dem vierfach oscarprämierten „Erbarmungslos“). Doch seine Interessen sind augenscheinlich viel zu breit gefächert, um sich auf ein einziges Genre festzulegen. Seine Regiearbeiten reichen vom Actionthriller („Im Auftrag des Drachen“) über Musik-Biopics („Bird“) bis hin zu Sci-Fi-Komödien („Space Cowboys“) und Weltkriegs-Epen („Letters From Iwo Jima“), und einen seiner allerbesten Filme hat er von einem anderen Regie-Kollegen übernommen: Die Rede ist vom Roadmovie-Thriller „Perfect World“ (1993), den eigentlich Steven Spielberg inszenieren sollte ...
... der zu diesem Zeitpunkt aber schon knietief in den Vorbereitungen für seinen Rekord-Blockbuster „Jurassic Park“ steckte – und deshalb ablehnen musste. Dabei wäre der Film durchaus prädestiniert gewesen für den „Der weiße Hai“- und „E.T.“-Schöpfer: Denn mit Spannungskino kennt sich Spielberg bestens aus – und die durchaus rührende Annäherung zwischen dem flüchtigen Kriminellen Robert „Butch“ Haynes (Kevin Costner) und seiner achtjährigen Geisel Phillip (T.J. Lowther) hätte tonal ebenfalls gut in sein Schaffen gepasst, das zahlreiche Geschichten über (Ersatz-)Vater-Sohn-Beziehungen enthält und vor Sentimentalität nicht zurückschreckt.
Doch am Ende setzte sich Clint Eastwood auf den Regiestuhl – und obwohl er zunächst gar keine Lust darauf hatte, in „Perfect World“ mitzuspielen, übernahm er sogar die Rolle des Texas Rangers Red Garnett, der Butch quer durchs Land folgt. Das Ergebnis war einer der besten Filme seiner Karriere: Nicht umsonst gab es in der offiziellen FILMSTARTS-Kritik satte 4,5 Sterne, womit „Perfect World“ nur knapp am Meisterwerk-Status vorbeischrammt. In der Rezension heißt es unter anderem, der Film sei „kein typischer Thriller und gerade deshalb auf nahezu jeder Ebene bestechend gelungen. Eastwood setzt auf Charakterentwicklung statt auf Action, er nimmt sich Zeit für Stimmungen und Details.“
In den USA blieb das Einspielergebnis von „Perfect World“ weit hinter den Erwartungen zurück, doch weltweit brachte es das Thriller-Melodram auf 135 Millionen Dollar – angesichts eines Budgets von 30 Millionen ein klarer Erfolg. Das war sicherlich auch darauf zurückzuführen, dass sich Hauptdarsteller Costner dank „Der mit dem Wolf tanzt“ und „Bodyguard“ gerade auf dem Höhepunkt seines Starruhms befand – und er in „Perfect World“ als Verbrecher gegen sein Good-Guy-Image anspielte, ohne es gänzlich hinter sich zu lassen.
Bei den Dreharbeiten gerieten Eastwood und Costner übrigens einmal heftig aneinander. Was genau da los war, könnt ihr im folgenden Artikel nachlesen:
Zoff der Western-Legenden: So hat Kevin Costner dafür gesorgt, dass Clint Eastwood der Kragen platztEin ähnlicher Artikel ist zuvor auf unserer spanischen Schwesternseite Sensacine.com erschienen.
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