Wer jemals in den vergangenen 22 Jahren nachts durch das deutsche Fernsehen gezappt hat, kennt ihn: Bernd das Brot! Das zumeist niedergeschmetterte, genervte oder motzige Brot ist seit 2000 eines der Aushängeschilder des KiKA und beschreitet seit 2003 Nacht für Nacht das Spätprogramm des öffentlich-rechtlichen Kinderkanals.
Die Puppe mit verflixt kurzen Armen und sonderbarem Watschelgang war zwischenzeitlich auch im Tagesprogramm des Senders gut vertreten. Denn die von „Mara und der Feuerbringer“-Autor Tommy Krappweis erdachte, mit einem Grimme-Preis prämierte Figur erlebte Mitte der 2000er-Jahre einen regelrechten Boom. 2005 bis 2006 entstand mehr als ein ein Dutzend an etwa 45-minütigen TV-Specials rund um das deprimierte Brot und seine engsten Freunde: Chili, das sprunghafte Stuntschaf, sowie Briegel, der technikbesessene, wenig empathische Busch.
Diese Comedy-Filmchen genießen bei denen, die mit ihnen aufgewachsen sind, Kultfaktor. Aber nicht alle Eskapaden des Trios werden heute noch auf offiziellem Wege ausgespielt...
"Tolle Sachen", aber nicht zum Nachmachen
Ihr Debüt feierten Bernd, Briegel und Chili in „Tolle Sachen“, einer Parodie auf Dauerwerbesendungen. Bis Ende 2002 entstanden 242 Folgen des Formats – doch manche dieser Episoden bereuten Krappweis und Co. schon kurz nach Ausstrahlung. Beispielsweise gibt es eine „Tolle Sachen“-Episode, in der Chili in eine Waschmaschine steigt, was zu Beschwerden besorgter Eltern führte, die fürchteten, dass dies Kinder zum Nachmachen anregt.
Für diese Schelte hatte das Team Verständnis, wie Krappweis im Podcast Puppkultur von Julian Schlichting und Martin Reinl erzählt. Man habe sofort erkannt: „Das ist keine gute Idee.“ Ähnliches gilt für die Episode „Baby-Tyrann“, in der eine eingangs unschuldig aussehende Baby-Puppe rot glühende Augen bekommt, eine bedrohlich-tiefe Stimme entwickelt und Bernd, Chili sowie Briegel terrorisiert.
Gegenüber FILMSTARTS vertieft Krappweis seine im Podcast geäußerte Einschätzung: „Ich denke, da war Skript und Regie von mir und es wurde tatsächlich super gruselig. Die Folge wird auch nicht mehr gezeigt und da bin ich ganz froh drüber“, sagt Krappweis heute und verneint zugleich die Theorie, die Folge sei ein Beweis für ein sich veränderndes Humorverständnis: „Ich glaube, das war damals schon eigentlich scheiße, ehrlich gesagt. Wir haben's nur nicht gerafft.“
Das Problem wären keine empfindlichen Eltern, sondern vielmehr eine schleichende Arroganz durch Arbeits- und Erfolgsrausch gewesen: „Es gab eine Zeit, in der ich dachte: 'Alles, was wir da machen, ist doch total witzig, und je bekloppter, umso besser.' Und ich habe das damals auch oft bis aufs Blut verteidigt. Aber bei der Horror-Puppe war mir auch damals schnell klar, dass das 'Mist' ist.“
Ein Meta-Fiebertraum war dem Bernd-das-Brot-Schöpfer zu wild
Als Bernd und Konsorten an Prominenz zulegten, entwickelte sich endgültig eine geradewegs anarchistische Stimmung im Studio. So berichtet Krappweis von einer „Hassliebe“ zwischen seiner Kreativschmiede bumm film und der KiKA-Redaktion die sich in aufwändigen Streichen äußerte, die man sich gegenseitig spielte. „Eine Salami im Drehbuch, die von einem Tag auf den nächsten hundert Seiten kreisrund und fettig durchnässte, war hier noch einer der harmloseren Scherze. Und wir haben auch einiges davon in die Produktionen kanalisiert“, so Krappweis.
„Teilweise wurde das aber so bekloppt, so irre, dass Szenen für Außenstehende nicht mehr komplett nachvollziehbar waren. Der Anteil an Insidern war zu hoch und aus heutiger Sicht fast schon passiv-aggressiv“, verrät er uns. Das für ihn ärgste Negativbeispiel sei ein Bernd-Special, das nicht etwa aufgrund wütender Eltern in den Giftschrank gepackt wurde, sondern aus einer internen Überzeugung heraus: „Beim Special '5 Jahre Tolle Sachen Gala' wirkt es mitunter so, als hätten wir glatt vergessen, dass wir für das Kinderfernsehen drehen“, so Krappweis.
Er erläutert: „Das Ding ist sehr surreal, bekloppt, voller Insider und es spiegelt definitiv unsere damalige, mit der Redaktion durchaus gemeinsam empfundene, Frustration wider. Wir waren damals nicht die Produzenten, sondern 'Dienstleister für den Kreativen Part' und wir verstanden nicht, warum wir rund um die Uhr arbeiten, trotzdem so wenig bei uns hängen bleibt und dann freut sich nicht mal wer. Stattdessen hieß es immer 'Ihr seid so teuer'. Dass das mit dem krassen Unterschlagungsskandal einer Einzelperson bei KiKa zusammenhing, haben wir gemeinsam mit dem Sender erst viel später erfahren“.
„Wir wollten aber auch die Grenzen des Formats ausdehnen – in alle Richtungen“ erzählt uns Krappweis heute. „Während ich mit meinen Scripts quasi mit der Brechstange emotionaler werden wollte und mich sogar an einem Musical versuchte, waren die anderen Kreativen eher am Anziehen der Humorschraube interessiert. Natürlich war ich als Headwriter auch verantwortlich für das Skript der '5 Tolle Sachen Gala', aber damals vor 20 Jahren war ich nur happy, dass die anderen mich genau so machen lassen, wie ich sie“, erklärt der Bernd-Erfinder heute.
„In meiner verschwommenen Erinnerung hab ich das alles erst wirklich realisiert, als wir uns gemeinsam das fertige Stück angesehen haben. Und dann hatte ich das Gefühl: Das geht nicht.“ Auch für die Redaktion war die Gala laut Krappweis „unguckbar und, wie man heute sagen würde, komplett unhinged“. Darum wurde das Special mit den Gaststars Bela B. Felsenheimer, Oliver Welke und Désirée Nick aus freien Stücken in den KiKA-Giftschrank gepackt.
Das passiert im gesperrten Bernd-Jubiläumsspecial
Es beginnt damit, dass Bernd in einem Albtraum eine kühle, surreale „Tolle Sachen“-Abwandlung durchläuft. Als er aufwacht, beruhigt er sich mit dem Gedanken, dass niemand jemals auf die Idee kommen würde, die Sendung neu aufzulegen. Daraufhin blicken wir in ein dystopisches KiKA-Büro, das an Terry Gilliams „Brazil“ erinnert. Dort hockt ein Redakteur namens Clemens Clemendt (Bela B. Felsenheimer) über Papierbergen und wird von seinem Vorgesetzten mit schlauchenden Aufgaben malträtiert.
Dabei habe Clemendt „empirische Theorie mit unterstützender Stochastik im Fernsehwesen studiert“ und sei daher für bessere Jobs gemacht: Er will Fernsehgeschichte schreiben! Als er eine Audienz bei seinem Chef erhält, schlägt er dem KiKA eine Gala zu Ehren des fünfjährigen Jubiläums von „Tolle Sachen“ vor. Clemendts Chef willigt unter der Bedingung ein, dass viele Gurken in der Sendung auftauchen, da Gurken lustig wären und viel zu selten im Fernsehen vorkommen würden.
Am Set der „Tolle Sachen“-Gala angekommen, wird aus Clemendts Karrieretraum eine Katastrophe: Er heuert den divenhaften, exzentrischen Regisseur Jean Maria Braque (Lars Rudolph) an, der sich aufführt, als sei er Klaus Kinskis noch boshafterer Zwillingsbruder. Ständig wirft Braque das Konzept um. Zwischendurch heuert er ein herablassendes Lästermaul (gespielt von Désirée Nick) als Moderatorin und eine von „Tolle Sachen“ traumatisierte, ehemalige Hausfrau (gespielt von Oliver Welke) als Talkgäste an.
Letztlich plant Braque, live im Studio eine Safari abzuhalten, woraufhin er mit einem Gewehr wild durch die Gegend ballert. „Diese Stelle ist mir auch ein knappes Vierteljahrhundert danach noch unangenehm“, verrät uns Krappweis heute. „Aber man lernt ja leider am besten aus Fehlern. Und wenn ich mal wieder einen Reality Check brauche, denke ich einfach an damals zurück und weiß wieder sehr genau, was der effing Job eines Headwriters ist.“ Am Ende rettet ein Braque ausbremsender Lastwagen voll Gurken den Tag, den Clemendt bestellt und daraufhin vergessen hatte. „Okay, das wiederum war sehr lustig“, lacht Krappweis.
Dieser TV-Fiebertraum lief erstmals an Silvester 2005, wurde am Neujahrstag 2006 wiederholt, und daraufhin aus der Zirkulation genommen. Doch auch wenn ihr auf offiziellem Wege nicht mehr an dieses Special gelangt, dürft ihr euch immerhin auf frische Bernd-Abenteuer freuen: Im September 2025 feiert die neue Serie „Besser mit Bernd“ ihre Premiere. Darin werden Lifecoach-Formate parodiert.
„Heute können wir all das, was wir in 25 Jahren gelernt haben, anwenden“, erklärt der heutige Produzent und Regisseur zufrieden. „Aus den kleinen Anarchos von damals sind heute wind- und wetterfeste Profis geworden. Und man muss ganz klar sagen: Dass wir die einmalige Chance hatten, so viel auszuprobieren, auch mal baden zu gehen, um dann eben auch monströse Erfolge mit 'Kultstatus' zu feiern – das kann man dem KiKa nicht hoch genug anrechnen und wir sind dafür allesamt sehr dankbar.“
Ob Bernd das Brot mit seinen Ratschlägen nicht nur uns alle besser macht, sondern auch die Filme optimieren könnte, um die es im nächsten Artikel geht, steht derweil in den Sternen...
So schlecht, dass sie einfach einen Preis gewinnen mussten: Diese beiden Filme sind der Grund für die Existenz der Goldenen Himbeere!Dies ist eine mit vertiefenden Kommentaren von Tommy Krappweis aktualisierte Veröffentlichung eines früheren FILMSTARTS-Artikels.