Als Schauspieler hat Tommy Lee Jones längst Hollywood-Geschichte geschrieben. Rollen wie in „Auf der Flucht“ (1993) oder „No Country for Old Men“ (2007) machten ihn zu einer prägenden Figur amerikanischer Kinogeschichte. Doch hinter der Kamera zeigte ebenfalls sein Können, und zwar mit „Three Burials – Die drei Begräbnisse des Melquiades Estrada“ (2005), einem Western, der zu Unrecht in Vergessenheit geraten ist.
Inspiriert von persönlichen Erfahrungen und realen Ereignissen, verbindet der Film tiefe menschliche Dramen mit der weiten, unbarmherzigen Landschaft Westtexas'. Wer Jones nur als stoischen Cop oder grantigen Helden kennt, wird hier eine überraschend nuancierte Seite des Schauspielers entdecken.
Die Tragödie hinter "Three Burials"
„Three Burials – Die drei Begräbnisse des Melquiades Estrada“ entstand in Zusammenarbeit mit namhaften Größen hinter den Kulissen. Produzent Luc Besson („Léon - Der Profi“), der mit Jones 2014 bei „Malavita – The Family“ in einer Nebenrolle zusammenarbeitete, unterstützte das Projekt, während das Drehbuch vom mexikanischen Autor Guillermo Arriaga stammte. Dieser war zuvor Alejandro González Iñárritus Stammautor und schrieb die Drehbücher zu „Amores Perros“ (2000), „21 Gramm“ (2003) und „Babel“ (2006).
Die Handlung selbst ist von einem realen, tragischen Ereignis inspiriert. 1997 wurde der 18-jährige Texaner Esequiel Hernandez Jr. nahe der Grenze erschossen, während er Ziegen hütete. Ein Marinesoldat, auf Patrouille gegen Drogenschmuggler, feuerte auf den Teenager – eine Anklage erfolgte nie. Jones, selbst in Texas aufgewachsen und lange Zeit Besitzer einer Rinderfarm, kanalisiert diese Erfahrung in die Geschichte eines einfachen Mannes, der nach dem Tod seines Freundes eine lange, gefährliche Reise unternimmt. Darüber hinaus fungiert Jones auch als Erzähler in „The Ballad of Esequiel Hernandez“ (2007), die den tragischen Fall dokumentarisch aufarbeitet.
Die Dreharbeiten fanden zwischen Ende September und Anfang Dezember 2004 in Texas statt. Die Entscheidung, vor Ort zu drehen, verleiht dem Film eine Authentizität, die jeder Kulisse in Hollywood überlegen ist. Jones nutzte seine intime Kenntnis der Region, um nicht nur die rauen Landschaften, sondern auch die psychologischen Nuancen der Charaktere einzufangen. Die Kameraarbeit betont das Monumentale der Natur, während die Menschlichkeit der Figuren gleichzeitig greifbar bleibt.
Künstlerisch gelungen, kommerziell aber untergegangen
Finanziell betrachtet war „Three Burials – Die drei Begräbnisse des Melquiades Estrada“ ein kleinerer Film. Mit geschätzten Produktionskosten von rund 15 Millionen US-Dollar spielte er weltweit etwa 9 Millionen US-Dollar ein. Das mag wenig klingen, relativiert sich jedoch durch die erzählerische Komplexität und die emotionale Intensität des Films. Hier geht es nicht um spektakuläre Explosionen oder schnelle Schusswechsel, sondern um die psychologische Tiefe und die moralische Dimension der Figuren.
Tommy Lee Jones übernimmt nicht nur Regie, sondern glänzt auch selbst in der Rolle des Protagonisten Pete Perkins. Seine Darstellung verbindet stoische Härte mit verletzlicher Menschlichkeit, eine Mischung, die den Charakter glaubwürdig und vielschichtig macht. Zusammen mit einem Ensemble aus weniger bekannten Darstellern entsteht so ein Neo-Western, der gleichermaßen zeitlos und unmittelbar wirkt. Der Film ist in Deutschland aktuell nicht bei Streamingdiensten verfügbar, kann aber auf DVD und Blu-ray erworben werden:
Jones kehrte übrigens 2014 mit „The Homesman“ zu seinen Western-Wurzeln zurück. Seine zweite Regiearbeit mit ihm sowie den ebenfalls Oscar prämierten Stars Meryl Streep („Der Teufel trägt Prada“) und Hilary Swank („The Hunt“) ist definitiv einen Blick wert und kann ohne Extraskosten bei Joyn+ gestreamt werden.*
Ein Neo-Western, der nachwirkt
Auch wir von FILMSTARTS waren sehr angetan von „Three Burials – Die drei Begräbnisse des Melquiades Estrada“. In unserer Kritik erhielt er 4 von 5 Sternen, und wir waren besonders begeistert von der Erzählweise, denn: „Durch seine geschickte nonlineare Erzählweise weckt Jones ein kriminalistisches Interesse an den Ereignissen, deren Zusammenhänge sich aus den Bruchstücken erst nach und nach zusammenfügen.“ Dieses narrative Prinzip macht den Film spannend, ohne hektisch zu wirken, und hebt ihn deutlich von konventionellen Western ab.
Der Einsatz von mehreren Zeitebenen und Perspektivwechseln mag für das Mainstream-Publikum ungewöhnlich wirken, doch gerade diese narrative Struktur hebt den Film von klassischen Western ab. „Men in Black“-Star Jones zeigt, dass er nicht nur ein großartiger Schauspieler, sondern auch ein sensibler Regisseur ist, der die Mechanismen des Genres kennt und gleichzeitig erweitert. Die Landschaften Texas' wirken wie eigene Figuren, die die moralischen Entscheidungen der Menschen spiegeln und die Tragik des Erzählten noch verstärken.
Die Verbindung von persönlicher Erfahrung, realem Ereignis und erzählerischer Kunstfertigkeit macht den Film zu einem Werk, das im Gedächtnis bleibt. Während andere Western aus dieser Zeit auf Spektakel und Effekte setzten, überzeugt Jones’ Debüt durch Subtilität, Tiefe und die Fähigkeit, komplexe Emotionen sichtbar zu machen. Auch der Tonfall ist differenziert: harte Realität und stille Reflexion gehen Hand in Hand, ohne dass der Film jemals moralisierend wirkt. Schade, dass es der Titel nicht in unsere Top 10 der besten Western aller Zeiten laut den Bewertungen der FILMSTARTS-Community geschafft hat:
4,67 von 5 Sternen! Das ist der beste Western aller Zeiten – laut den deutschen ZuschauernAuch wenn der Film kommerziell kein Erfolg war, hat er in Kritikerkreisen und unter Cineast*innen hohe Anerkennung gefunden. Wer sich auf diesen Neo-Western einlässt, entdeckt eine ungewöhnliche Mischung aus klassischer Westernästhetik und modernem, emotional aufgeladenem Erzählen. Jede Szene, jeder Perspektivwechsel wirkt sorgfältig durchdacht und verstärkt die narrative Kraft des Films.
Tommy Lee Jones bewies mit seinem Regiedebüt seine Wandlungsfähigkeit. Vom Blockbuster zum Arthouse – für ihn kein Problem. Mag sein Neo-Western auch kein großer Erfolg gewesen sein, es ist definitiv ein Titel, auf den er stolz sein kann. Stolzer als auf einige seiner Filme, die er vermutlich aus finanziellen Gründen angenommen hat, wie dieses Spektakel aus den 90er Jahren, das floppte, weil fast zeitgleich ein beinahe identischer Film erschien. Mehr dazu im folgenden FILMSTARTS-Artikel:
Dieses explosive Spektakel hatte an den Kinokassen keine Chance: Schuld daran war ein anderer Katastrophen-Blockbuster*Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diese Links oder beim Abschluss eines Abos erhalten wir eine Provision. Auf den Preis hat das keinerlei Auswirkung.