Fast 3 Milliarden US-Dollar weltweites Box-Office-Einspiel und insgesamt 17 Oscars, allein 11 davon für den letzten Film: Das ist die zahlenmäßige Bilanz von Peter Jacksons monumentaler „Herr der Ringe“-Trilogie, die einst als womöglich größtes Risiko der Filmgeschichte galt – und die (hohen) Erwartungen dann bei Weitem übertraf.
Vor diesem Hintergrund gerät leicht in Vergessenheit, dass es sich bei Jacksons Fantasy-Meisterwerken nicht um den ersten Versuch handelte, J.R.R. Tolkiens lange als unverfilmbar geltende Mittelerde-Saga fürs Kino zu adaptieren. 1979 gab es etwa einen animierten „Herr der Ringe“-Film von „Fritz The Cat“-Schöpfer Ralph Bakshi.
Noch weniger bekannt ist, dass bereits Ende der 1950er-Jahre ein erstes Zeichentrick-Projekt in Planung war. Der auch als Literatur- und Filmagent tätige Verleger Forrest J. Ackerman erhielt Tolkiens Zustimmung, sein Universum auf die Leinwand zu bringen – und das Drehbuch wurde Morton Grady Zimmerman anvertraut. Die Ambition war schon damals gewaltig: Frodos Abenteuer und die Geschichte der Gemeinschaft des Rings sollten in einem rund dreistündigen Animationsfilm erzählt werden. Doch als der Schöpfer das Skript in den Händen hielt, war er alles andere als begeistert.
So hart ging J.R.R. Tolkiens mit dem ersten "Herr der Ringe"-Drehbuch ins Gericht
In einem nach dem Tod des Schriftstellers veröffentlichten Briefwechsel u.a. mit den Produzenten des geplanten Films fiel sein Urteil vernichtend aus (via AlloCiné). So schrieb er beispielsweise, dass sein Werk „regelrecht ermordet“ worden sei. „Ich würde sagen, dass [Autor] Zimmerman nicht in der Lage ist, die ‚gesprochenen Worte‘ des Buches zu erfassen oder anzupassen. Er ist hastig, unsensibel und unverschämt.“
Weiter heißt es: „Es scheint mir offensichtlich, dass er ‚Der Herr der Ringe‘ nur im Schnellverfahren überflogen und dann [sein Skript] auf der Grundlage teilweise verworrener Erinnerungen mit einem Minimum an Bezug zum Originaltext verfasst hat. […] Ich bin sehr unzufrieden mit der extremen Dummheit und Inkompetenz [Zimmermans] sowie mit seinem völligen Mangel an Respekt gegenüber dem Original.“
Orks mit Schnäbeln und ein lachender Balrog?
Tolkien begnügte sich allerdings nicht mit allgemeinen Vorwürfen. Er unterzog das Drehbuch zudem einer detaillierten, seitenweise Analyse. Die Schärfe seiner Wortwahl war ihm dabei durchaus bewusst. Er erklärte:
„Falls [Zimmerman] und/oder andere [meine Kommentare] lesen, könnten sie sich durch den Ton meiner Kritik verärgert oder beleidigt fühlen. Sollte das der Fall sein, tut es mir leid (auch wenn es mich nicht überrascht). Aber ich bitte sie, genügend Vorstellungskraft aufzubringen, um den Ärger (und bisweilen die Verbitterung) eines Autors nachzuempfinden, der beim Lesen feststellt, dass sein Werk insgesamt nachlässig, manchmal auch gedankenlos behandelt wurde – ohne das geringste erkennbare Zeichen von Verständnis für das, wovon [sein Werk] handelt.“
Seine konkreten Einwände betrafen zahlreiche Details – so kritisierte er das geplante Aussehen von Gandalfs Feuerwerk oder ästhetische Veränderungen an den Orks, die mit Schäbeln und Federn versehen werden sollten. Außerdem empörte er sich über einen sprechenden und lachenden Balrog sowie über den Umstand, dass die Elben zu kleinen, feenhaften Wesen degradiert wurden. Das Ende wiederum nannte er eine „Verwirrung, die beinahe ins Delirium abgleitet.“ Es muss wohl kaum erwähnt werden, dass der Film letztendlich nie realisiert wurde...
Wie Tolkien wohl zu der zwischen 2001 und 2003 entstandenen Adaption gestanden hätte? Das werden wir leider nie erfahren – die Wahrscheinlichkeit ist aber extrem hoch, dass er sie mehr zu schätzen gewusst hätte. Jackson jedenfalls fragt sich heute noch, wie er dieses Wahnsinnsprojekt damals überhaupt stemmen konnte:
"Was hatten wir uns eigentlich dabei gedacht?": Auch 25 Jahre später fragt sich Peter Jackson noch, wie er "Der Herr der Ringe" drehen konnteEin ähnlicher Artikel ist zuvor bereits auf unserer französischen Schwesternseite AlloCiné erschienen.