Basierend auf wahren Ereignissen – und so fesselnd wie "Chernobyl"? In dieser neuen Netflix-Miniserie wird eine ganze Stadt verstrahlt!
Peter Hoch
Peter Hoch
-Freier Autor
Peter begeistert sich von Kindesbeinen an für „Indiana Jones“ und „James Bond“, zählt „Requiem For A Dream“ und „Inception“ zu den besten Filmen des Jahrtausends und würde gerne sein Gedächtnis regelmäßig blitzdingsen, um „Game Of Thrones“ und „Dexter“ immer wieder neu erleben zu dürfen.

Die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl diente 2019 als Vorlage für die vielbeachtete HBO-Miniserie „Chernobyl“. In „Nuklearer Notfall“ wird nun in fünf Episoden vom Goiânia-Zwischenfall erzählt, der sich nur ein Jahr später in Brasilien ereignete.

Katastrophenfilme und -serien sorgen regelmäßig für gute Besucherzahlen, Einschaltquoten und Stream-Abrufe. Die Story-Bedrohungs-Palette reicht dabei von gefährlichen Brocken aus dem All in Klassikern wie „Armageddon“ und „Deep Impact“ über Vulkanausbrüche, Tornados und Seuchen in „La Palma“, „Twisters“, und „Leave The World Behind“ bis hin zu Worst-ofs in Roland Emmerichs Blockbustern „The Day After Tomorrow“ und „2012“. Und mit der japanischen Miniserie „The Days“ über die Reaktorüberflutung von Fukushima hat Netflix auch schon Erfahrungen mit nuklearen Dramen gemacht.

Nun widmet sich der Streamingdienst einem weiteren realen Verstrahlungs-Ereignis, das vor knapp vierzig Jahren die Millionenstadt Goiânia erschütterte und sich in Brasilien ins kollektive Gedächtnis eingebrannt hat, das bei uns aber kaum jemand in Erinnerung haben dürfte. Dabei gilt das, was sich ab dem 13. September 1987 dort ereignete, immer noch als bisher größter radiologischer Unfall weltweit außerhalb eines Kernkraftwerks – Grund genug, ihm eine eigene, hochdramatische Miniserie zu widmen.

Wovon handelt "Nuklearer Notfall"?

Als Vorlage dienen die wahren Ereignisse von einst: Zwei Müllsammler waren verbotenerweise in die Ruine eines stillgelegten Instituts für Strahlentherapie eingedrungen, in dem wegen eines Rechtsstreits noch medizinisches Gerät lagerte. Das Gelände war aber nicht ordnungsgemäß gesichert und der Wachmann, der eigentlich Dienst gehabt hätte, war nicht anwesend. In den leerstehenden Räumlichkeiten entdeckten die Männer ein Strahlentherapiegerät und nahmen es mit, um die Metallteile auszubauen und zu verscherbeln. Unwissend, was sie da genau vor sich hatten, beschädigten sie die Strahlenquelle und verkauften das Gerät an einen Schrotthändler, als sie es nicht weiter auseinanderbauen konnten.

Auch der Schrotthändler ging völlig unbedacht beim Zerlegen ans Werk, bis schließlich 93 Gramm hochradioaktives Caesiumchlorid entweichen konnten. Das bläulich leuchtende Pulver erweckte bei ihm keinen Verdacht – ganz im Gegenteil fand er es so hübsch anzusehen, dass er seiner Frau einen Armreif daraus anfertigen wollte und etwas auch großzügig an Familie und Bekannte weitergab. Die Katastrophe nahm ihren Lauf, mehrere Menschen erkrankten vermeintlich rätselhaft und das leicht an Haut und Kleidung haftende Pulver verteilte sich binnen Tagen über das gesamte Stadtgebiet.

Erst nach einer Weile wurden Ärzt*innen und Wissenschaftler*innen eingeschaltet, die schließlich herausfanden, womit sie es hier zu tun hatten. Nachgewiesenermaßen starben vier Menschen an der Caesiumchlorid-Verstrahlung, in den Folgejahren gab es viele weitere Verdachtstodesfälle, und zahlreiche Häuser, Parks und Gärten mussten entweder aufwendig dekontaminiert oder sogar komplett abgerissen werden.

Wissenschaftler und Ärztinnen kämpfen gegen die Zeit

Dieses schockierende Szenario wird in „Nuklearer Notfall“ mit Hilfe fiktiver Figuren, die aber überwiegend auf realen Personen basieren, vor den Zuschauer*innen ausgebreitet. An vorderster Front dabei sind die Wissenschaftler Márcio (Johnny Massaro) und Orenstein (Paulo Gorgulho), die versuchen, die Verstrahlung einzudämmen und die Ärztin Esther (Leandra Leal), die sich mit ihrem Team um die Opfer kümmert.

Aber auch das Schicksal der Erkrankten und ihrer Familien wird ausführlich gewürdigt – hoffentlich ähnlich würdevoll, wie es 2019 in „Chernobyl“ gehandhabt wurde. Klar ist aber auch, dass es unter den Protagonisten einige Widerlinge gibt, die versuchen, die Angelegenheit zu vertuschen oder für ihre Zwecke zu missbrauchen – ein gern bemühtes Klischee in thematisch ähnlich gelagerten Serien oder Filmen, das hier aber leider auf realen Personen basiert.

Warten auf die deutsche Synchro

Die Netflix-Serie wurde zum Unmut der Bürger*innen des teilweise immer noch radioaktiv belasteten Goiânia nicht in ihrer Stadt, sondern in São Paulo gedreht. Übrigens gibt es eine Besonderheit: Auf der Serienseite steht der Vermerk „Deutsche Synchronisation demnächst verfügbar“. Es wird „Nuklearer Notfall“ vorerst also nur im portugiesischen Original mit deutschen Untertiteln geben, die deutsche Synchro wird nachgereicht.

Wahrscheinlich besteht hier ein Zusammenhang mit dem Streit vieler deutscher Synchronsprecherinnen und -sprecher mit Netflix. Die wehren sich gegen Verträge, durch deren Unterzeichnung sie ihre Stimmen zum Training von Sprachentwicklungs-KIs freigeben würden – womit sie sich vermutlich ihr eigenes Branchengrab schaufeln würden. Mehr dazu könnt ihr hier lesen:

Nach Streit zwischen Netflix und Synchronbranche: Bei erster Serie fehlt noch die deutsche Fassung

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