Es kommt nicht oft vor, aber gänzlich davor gefeit ist man als Kritiker*in leider nicht: Man schaut sich einen Film im Kino an, schreibt eine lange Rezension – und muss später feststellen, dass man sich komplett getäuscht hat. Mir ist das vergangene Woche passiert, und dieses Beispiel zeigt gut, wie sehr sich die Umstände, unter denen man einen Film sieht, auf das Seherlebnis (und damit auch das Urteil) auswirken können. Dieser Artikel hier soll zumindest ein bisschen was geraderücken – und gleichzeitig einen kleinen, möglichst ehrlichen Einblick in die schöne, aber nicht immer ganz leichte Tätigkeit des professionalisierten Filmeschauens geben.
Darum lief meine erste Begegnung mit "Das Drama" gewaltig schief
Wenige Tage vor der Pressevorführung von „Das Drama – Noch mal auf Anfang“ habe ich erfahren, dass der Film nicht im englischen Original, sondern in der deutschen Synchronfassung gezeigt wird. Falls ihr Filme lieber auf Deutsch schaut, ist das natürlich euer gutes Recht – ich bevorzuge in der Regel klar das Original, und zwar vor allem aus zwei Gründen: Zum einen ist die Stimme eines Schauspielers oder einer Schauspielerin ein mindestens ebenso wichtiges Instrument wie die Mimik und Gestik – fällt dieses weg oder wird ersetzt, geht zwangsläufig etwas verloren.
Zum anderen ist die Qualität von Synchronisationen aufgrund von veränderten Produktionsbedingungen schlichtweg nicht mehr dieselbe wie vor 30, 40, 50 Jahren: In vielen Fällen klingen sie für mich leblos, gestreamlined, entkoppelt von den Leistungen, mit denen sie sich eigentlich verzahnen sollten. Abgesehen davon, dass gerade im Bereich der Komödie vieles gar nicht oder nur notdürftig übersetzbar ist, fehlt heutigen Synchronfassungen so meist der Raum für Nuancen und Zwischentöne.
Im Fall von „Das Drama“ habe ich mich ganz besonders geärgert, handelt es sich hier doch um einen Film, der stark um die Darstellungen seines Star-Duos Robert Pattinson und Zendaya zentriert ist – die beiden spielen ein Paar, dessen Beziehung durch eine verstörende Enthüllung kurz vor der geplanten Hochzeit auf eine harte Probe gestellt wird. Allerdings war es für mich zu spät: Aufgrund meiner Affinität zu RomComs und (Beziehungs)Komödien habe ich mich schon vor Monaten für die Besprechung verpflichtet – da musste ich nun durch.
Am 31. März machte ich mich also auf den Weg zur Pressevorführung von „Das Drama“ im Berliner Zoo Palast, meine Laune war schlecht. Nicht nur hatte ich keine Lust auf die angekündigte Sprachfassung (womit ich übrigens ganz und gar nicht alleine war – einige Kolleg*innen hatten auf den Besuch der Vorstellung von vornherein verzichtet, ein Mann verließ nach dem ersten gesprochenen Wort den Saal), auch hatte ich wenig geschlafen und mit zahlreichen Stress-Baustellen zu kämpfen.
Obendrein hatte ich begründete Vorurteile gegen Regisseur Kristoffer Borgli, mit dessen beiden vorherigen Filmen – „Sick Of Myself“ und „Dream Scenario“ – ich einige Probleme hatte. Die Aussicht, die Kritik direkt im Anschluss an das Screening unter Zeitdruck schreiben und somit direkt ein finales Urteil fällen zu müssen, hat sich ebenfalls nicht gerade positiv auf meine Stimmung ausgewirkt. Kurzum: „Das Drama“ hatte eigentlich kaum noch eine Chance.
Nachlesen kann man meinen Irrtum in meiner 2,5-Sterne-Kritik auf FILMSTARTS, in der ich Borgli unter anderem eine gewisse Hochnäsigkeit gegenüber US-amerikanischer Mainstream-Kultur unterstelle und das zentrale Dilemma (über das ich hier leider weiterhin kein Wort verlieren soll) auf seine diskursive Verwertbarkeit hin konstruiert finde. Dabei äußere ich die Meinung, der Film gehe nicht weit genug, die Inszenierung sei klinisch und – vielleicht der größte Fauxpas – der Komödie fehle es an Witz. Tatsächlich habe ich in der Pressevorführung ungefähr drei Mal halbherzig gelacht, all die geäußerten Eindrücke waren für den Moment wahr. Nur: Ganz losgelassen hat mich „Das Drama“ trotzdem nicht – was sich noch verstärkte, als ich die überwiegend begeisterten Reaktionen nicht nur seitens der Presse, sondern auch aus meinem cinephilen Umfeld vernahm.
"Das Drama" bekam eine zweite Chance – Gott sei Dank!
Die Ungewissheit, ob mir eventuell ein Fehler unterlaufen sein könnte und ich dem Film Unrecht getan habe, hat heftig an mir genagt. Also beschloss ich, dem „Drama“ eine zweite Chance zu geben und meinen Ersteindruck zu überprüfen – auch auf die Gefahr hin, am Ende damit leben zu müssen, dass auf Deutschlands reichweitenstärkster Kino-Website eine mit meinem Namen überschriebene Rezension zu lesen sein würde, hinter der ich eigentlich nicht mehr stehe. Rund eine Woche später habe ich „Das Drama“ also noch einmal gesehen, diesmal ausgeschlafen, ohne Schreibdruck, mit angepassten Erwartungen und vor allem in der englischsprachigen Originalversion. „Leider“ hatte ich nun plötzlich einen der besten Filme des Jahres vor mir.
"Das beste Drehbuch, das ich je gelesen habe": Robert Pattinson bereut, dass er sich vor einem der besten Filme der letzten 25 Jahre gedrückt hatDie Tatsache, dass Borgli den Film in keine der vielen möglichen Richtungen klar auf ein Genre zuspitzt, erschien mir nun nicht mehr als Mangel an Konsequenz, sondern ganz eindeutig als Qualität. „Das Drama“ wiegt uns niemals in Sicherheit, so wie auch die von Robert Pattinson gespielte Hauptfigur Charlie bis zum Schluss keine beruhigenden Gewissheiten gewinnt.
Die von mir zuvor als umständliche A24-Prätention empfundene Erzähl- und Inszenierungsweise, die mit chronologischen Brüchen, Jumpcuts, Visionen und (unzuverlässigen) Rückblenden arbeitet, ergab nun vollständig Sinn für mich, versetzt sie uns doch zielgerichtet in den – möglicherweise unauflösbaren – Zustand der Verunsicherung und Orientierungslosigkeit, in dem sich die männliche Hauptfigur befindet. Dass sich aus dieser engen perspektivischen Bindung nicht (nur) zwingend eine Identifikation ergibt, weil auch Charlie eine ambivalente Figur bleibt, lädt die so absurdistische wie vertrackte Konstellation zusätzlich mit Spannung auf.
„Das Drama“ ist ein einziger filmischer Widerhaken – der trotzdem nur halb so viel Freude machen würde, wäre er nicht angetrieben von einer ganzen Reihe fantastischer Performances. Immerhin Pattinson und Zendaya habe ich bereits in meiner Kritik gelobt, aber auch die Nebendarsteller*innen wie Alana Haim („Licorice Pizza“) oder Mamoudou Athie („Underwater – Es ist erwacht“) machen den Film zu einem Vergnügen. Extrem lustig ist er nebenbei auch noch, beim zweiten Mal habe ich viel und laut gelacht. Und dass Borgli zuvor zwar offensiv mit den visuellen Codes einer romantischen Komödie geworben hat und in den (großartigen) ersten zehn Minuten zumindest mit den Erwartungen an das Genre spielt, macht ihn längst nicht zu einem abschätzigen Kommentar – da habe ich mich wohl nicht zuletzt von meinem bereits existierenden Bild des Regisseurs leiten lassen.
Mit der Kritik muss ich nun also leben, dafür ist mein Kinojahr um einen Favoriten reicher – und im Zweifelsfall bin ich ohnehin lieber begeistert als ernüchtert. Wenn ihr noch unschlüssig seid, ob ihr euch „Das Drama“ im Kino anschauen sollt, haben wir hier zusätzlich zur deutschen Version zu Beginn noch einmal den Trailer für euch eingebunden – natürlich jetzt in der englischen Originalfassung:
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