Heute Abend streamen: "Fight Club"-Regisseur David Fincher liebt diesen außergewöhnlichen Klassiker – witzig, originell und echt rührend!
Sidney Schering
Sidney Schering
-Freier Autor und Kritiker
Schon in der Grundschule las er Kino-Sachbücher und baute sich parallel dazu eine Film-Sammlung auf. Klar, dass er irgendwann hier landen musste.

Kleingaunerei und schnippische Eloquenz, ein betrügerisches Duo und eine ereignisreiche Reise: „Paper Moon“ schlägt leise Töne an und ist dennoch ganz großes Comedy-Kino mit Herz!

Er selbst ist zwar für kalte, präzise Filme wie „Zodiac“ und „Panic Room“ sowie beißend-komische, beunruhigende Thriller wie „Gone Girl“ und „Fight Club“ bekannt. Doch der Filmgeschmack des gefeierten Regisseurs David Fincher reicht über das hinaus, was er dreht: Als er gegenüber Indiewire seine Lieblingsfilme enthüllte, wählte er unter anderem die satirische Tragikomödie „Willkommen Mr. Chance“ und das Musical „Hinter dem Rampenlicht“ aus.

Außerdem ernannte Fincher ein extrem lustiges Roadmovie mit dramatischen Zwischentönen zu einem seiner Lieblingsfilme: „Paper Moon“ von Regiegröße Peter Bogdanovich über einen betrügerischen Bibelvertreter, der einwilligt, ein verwaistes Mädchen bei seiner Tante abzusetzen. Im Zuge dessen entsteht eine emotional komplexe, gewitzte Bindung zwischen den Charakterköpfen, die es faustdick hinter den Ohren haben.

Die mit originellem Witz aufgezogene, auf beiläufige Weise tiefe Emotionalität aufbauende Produktion aus dem Jahr 1973 wurde für vier Oscars nominiert und brachte Nebendarstellerin Tatum O'Neal im zarten Alter von zehn Jahren einen Academy Award ein – damit stellte sie den seither ungebrochenen Rekord für die jüngste Gewinnerin eines Wettbewerbs-Oscars auf. Falls ihr den urkomischen, zugleich bewegenden Klassiker über ein listig-liebenswertes Gespann nachholen (oder wieder schauen) wollt: „Paper Moon“ ist unter anderem bei Amazon Prime Video als Leih- und Kauf-VOD verfügbar!

Darum geht es in "Paper Moon"

Kansas während der Großen Depression: Moses "Moze" Pray (Ryan O'Neal) tingelt durchs Land und schwatzt mit simplen, effektiven Tricks zumeist gut betuchten Leuten überteuerte Bibeln auf. Als er gebeten wird, die neunjährige Waise Addie Loggins (Tatum O'Neal) nach Missouri zu bringen, damit sie bei ihrer Tante leben kann, stimmt er zähneknirschend und aus Schuldgefühlen nach. Schließlich war er ein Bekannter von Addies „wilder Mutter“.

Addie ist überzeugt, dass Moze kein sich vor Bindung drückender, charmant-verlogener Freund ihrer verstorbenen Familie ist – sondern Familie! Sie beteuert, oft mit einer qualmenden Zigarette zwischen den Fingern, zu spüren, seine Tochter zu sein. Moze bestreitet dies, gleitet aber rasch in eine Mentorenrolle. Jedenfalls, bis die gemeinsamen Tricksereien von Moze und Addie ins Hintertreffen geraten, weil er die dubios-hochnäsige Miss Trixie Delight (Madeline Kahn) angraben will...

Rauchend, lügend und betrügend ins Herz gescherzt

Die Antwort darauf, ob Moze Addies Vater ist, suggerieren Regisseur Peter Bogdanovich („Is' was, Doc?“) und Autor Alvin Sargent („Spider-Man 2“) zwar deutlich. Auf eine handfeste Aufklärung verzichten sie aber. Somit bewahren sie ihrem Publikum ein kleines Mysterium und stärken die mit pfiffig-beiläufiger Herzlichkeit vermittelte Kernaussage ihres Films: Familie im Allgemeinen und Elternschaft im Speziellen definiert sich weniger durch Blutverwandtschaft und viel mehr durch einen sehr spezifischen, nuancierten Umgang miteinander.

Denn ganz gleich, ob Moze nun Addies biologischer Vater oder nicht, er wird für sie während ihres von Betrugsmaschen, Eifersüchteleien und gewitzt entkommenen Notlagen bespickten Roadtrips zu einer denkwürdigen Vaterfigur. Als während der Großen Depression spielende Dramödie aus den frühen 1970er-Jahren skizziert „Paper Moon“ dies zwar mit amüsanter Leichtigkeit und viel Wortwitz, aber frei von einem starr-binären „Alle, die nicht perfekt sind, sind Rabeneltern!“-Fingerzeig, der in Wellenbewegungen immer wieder den gesellschaftlichen Diskurs bestimmt.

Moze lässt Addie wiederholt aus den Augen, was die Einen als nachlässig und die Anderen als Vertrauen in ihre Fertigkeiten verstehen werden. Er unternimmt in einem absurd-trockenen Running Gag viel zu wenig gegen Addies Raucherei. Und die Wortwahl im Zwiegespräch zwischen (Zieh-)Vater und (Zieh-)Tochter ist rau, aber das wortgewandt-kreativ!

Paper Moon
Paper Moon
Starttermin 20. Dezember 1973 | 1 Std. 42 Min.
Von Peter Bogdanovich
Mit Ryan O'Neal, Tatum O'Neal, Madeline Kahn
Pressekritiken
4,5
User-Wertung
3,8
Filmstarts
4,5

Gleichzeitig blitzt zwischen dem realen Vater-Tochter-Gespann O'Neal und O'Neal sowohl dann, wenn sie sich pampig-einfallsreich Paroli bieten, als auch in Momenten der vergnügt-dreckig grinsenden Harmonie eine goldige, niemals kitschige Anerkennung und gegenseitige Fürsorge auf.

Die verleiht der „Zwei mittellose Schlitzohren gegen den Rest der Welt“-Reise von Kansas nach Missouri eine effektive, keinesfalls zuckrige Rührseligkeit. Die wiederum ergänzt sich wunderbar mit den Gaunereien der Hauptfiguren, etwa wenn sie in einem Laden einen Wechselgeldirrtum zu ihrem Gunsten provozieren oder Addie auf raffinierte Weise Miss Trixie in die Flucht schlägt.

Die nüchterne Schwarz-Weiß-Fotografie unterdessen ist ein wirksames Gegengewicht zur leisen Sehnsucht nach einem freien, nur eigenen Regeln gehorschenden Dasein, die Handlung, Charakterausrichtung und Bogdanovichs leicht nostalgische Mise en Scène ausstrahlen. Das macht „Paper Moon“ zu einer poetisch-liebenswerten Vereinigung aus Kleingaunerposse und (Ersatz-)Familiendramödie. Und wenn ihr danach einen neueren, ebenfalls emotionalen Film über Familienbande sehen möchtet, schaut euch unbedingt unseren folgenden Streamingtipp an!

Heute Abend streamen: Einer der besten Filme der letzten 15 Jahre – radikal, roh und aufwühlend!

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