"Ich konnte mich einfach nicht überwinden": Quentin Tarantino weigert sich seit 36 Jahren, einen der größten John-Travolta-Hits zu schauen
Sebastian Groß
Sebastian Groß
-Freier Autor
Manchmal fühlt er sich alt, weil er damals „The Big Lebowski“ oder „Matrix“ zum Kinostart gesehen hat. Andererseits konnte er damals „The Big Lebowski“ und „Matrix“ zum Kinostart sehen. Zum Glück behält er das für sich, außer jemand fragt ihn. Jetzt fragt ihn halt endlich.

Quentin Tarantino verehrt John Travolta seit Jahrzehnten und hat nach eigener Aussage fast jeden Film seines Idols gesehen. Ausgerechnet einen der größten Publikumserfolge des Stars verweigerte der Regisseur jedoch konsequent.

Quentin Tarantino ist sicherlich einer der größten Filmfans überhaupt. Der Regisseur von Klassikern wie „Reservoir Dogs“ (1992) hat seine Leidenschaft für das Kino nie verborgen. Kaum ein anderer Filmemacher verfügt über ein vergleichbares Wissen über die Geschichte des Mediums. Umso bemerkenswerter ist es, wenn selbst Tarantino zugibt, einen bestimmten Film bewusst gemieden zu haben.

Dass ausgerechnet John Travolta dabei eine zentrale Rolle spielt, überrascht nicht. Schließlich war der Schauspieler in den 1970er Jahren einer der größten Stars der Welt. Mit Publikumserfolgen wie „Saturday Night Fever“ (1977), „Grease“ (1978) und den von Tarantino vergötterten „Blow Out“ (1981) wurde er zur Ikone einer ganzen Generation. Die Bewunderung des Kult-Regisseurs ging sogar so weit, dass er einmal verriet, Travolta einen regelrechten Schrein gewidmet zu haben. Dennoch gab es einen Film des Schauspielers, den selbst dieser glühende Fan niemals sehen wollte.

Quentin Tarantino sah fast jeden John-Travolta-Film

Tarantinos Leidenschaft für Travolta ist legendär. Als sich die beiden erstmals persönlich trafen, spielten sie sogar Brettspiele, die auf Filmen aus Travoltas Karriere basierten (stellt euch das bitte mal vor!). Wer so etwas macht, kann ohne Übertreibung als Superfan bezeichnet werden.

Umso erstaunlicher ist daher ein Geständnis, das Tarantino Jahre später gegenüber Vanity Fair machte. Obwohl er sich durch die Höhen und Tiefen von Travoltas Filmografie gearbeitet hatte, zog er bei einem Titel eine klare Grenze. „So sehr ich John Travolta auch mag, ich konnte mich einfach nicht dazu überwinden, mir irgendeinen verdammten Film mit einem sprechenden Baby anzusehen“, erklärte der Regisseur. Anschließend stellte er klar: „Aber ich habe alles andere gesehen, was er gemacht hat.“

Gemeint war die Komödie „Kuck mal, wer da spricht!“ (1989). Der Film von Regisseurin Amy Heckerling („Clueless“) erzählt die Geschichte einer alleinerziehenden Mutter Mollie (Kirstie Alley), deren Baby dem Publikum seine Gedanken mitteilt. Während die Erwachsenen davon nichts mitbekommen, kommentiert der Säugling die Ereignisse mit bissigem Humor aus dem Off.

Kuck' mal, wer da spricht!
Kuck' mal, wer da spricht!
Starttermin 3. Mai 1990 | 1 Std. 38 Min.
Von Amy Heckerling
Mit Kirstie Alley, John Travolta, Jason Schaller
User-Wertung
3,4

Im Original wurde die Stimme des Kindes von „Stirb Langsam“-Star Bruce Willis gesprochen, der Jahre später ebenfalls in „Pulp Fiction“ (1994) auftreten sollte. Ach und bevor ihr fragt, in der deutschen Fassung wird das Baby NICHT von seiner Stammstimme Manfred Lehmann gesprochen, sondern von Moderator Thomas Gottschalk. Das lassen wir mal unkommentiert so stehen.

Was für Tarantino offenbar wie eine unerträgliche Prämisse klang, erwies sich für das Publikum als Volltreffer. „Kuck mal, wer da spricht!“ entwickelte sich zu einem gewaltigen Kassenschlager und spielte weltweit ein Vielfaches seines Budgets ein. Für lange Zeit war der Film sogar der zweiterfolgreichste Titel in Travoltas Karriere – lediglich „Grease“ blieb noch erfolgreicher. Das Publikum liebte die ungewöhnliche Mischung aus Romantik, Familienkomödie und den frechen Kommentaren des Babys, während Tarantino sich konsequent weigerte, dem Ganzen auch nur eine Chance zu geben.

"Kuch mal, wer da spricht" war ein Erfolg, aber erst Tarantino macht Travolta wieder zur Ikone!

Dabei blieb es nicht bei einem einzelnen Film. Der Erfolg führte zu mehreren Fortsetzungen. Doch während der erste Teil ein kulturelles Phänomen wurde, ließ die Begeisterung schnell nach. Der zweite Film spielte 1990 deutlich weniger Geld ein und stieß auf wesentlich verhaltenere Reaktionen. Der dritte Teil von 1993 entwickelte sich schließlich zu einem spektakulären Misserfolg. Kritiker zerrissen die Produktion, und auch an den Kinokassen blieb der erhoffte Erfolg aus. Travolta galt als verbrannt. Doch dann...

... kam Tarantino und verschaffte dem Hollywood-Star ein Comeback. Nachdem Travoltas Stern in Hollywood deutlich verblasst war, besetzte ihn der Filmemacher als Vincent Vega in „Pulp Fiction“. Die Entscheidung galt damals als riskant, erwies sich aber als Volltreffer. Travolta erhielt eine Oscar-Nominierung als bester Hauptdarsteller und war plötzlich wieder in aller Munde.

Der Erfolg des Films öffnete ihm erneut die Türen zu großen Produktionen und machte ihn wieder zu einem gefragten Namen in Hollywood. Auch wenn seine Karriere seitdem Höhen und Tiefen durchlief, bleibt seine Rolle in „Pulp Fiction“ bis heute einer der wichtigsten Wendepunkte seiner Laufbahn und ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie sehr Tarantino an sein Idol glaubte.

Übrigens: Tarantino feiert sogar einen der größten Travolta- und Hollywood-Flops der Geschichte. Mehr dazu im folgenden FILMSTARTS-Artikel:

Alle hassen diesen Sci-Fi-Flop, nur Quentin Tarantino liebt ihn: "Das ist es, was ich schreiben will!"

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