Rainer Werner Fassbinder war kein Regisseur, der sich mit kleinen Geschichten zufriedengab. In gerade einmal rund 15 Jahren schuf der deutsche Filmemacher ein gewaltiges Werk, das bis heute zum festen Bestandteil der Filmgeschichte gehört (auch wenn Quentin Tarantino das vielleicht anders sieht). Fassbinder drehte wie besessen und nahm sich dabei immer wieder Themen vor, die für seine Zeit unbequem waren: Einsamkeit, soziale Abhängigkeit, Ausgrenzung, Macht und die Frage, wie sehr Menschen von den Erwartungen ihrer Umgebung geprägt werden.
Dabei hatte Fassbinder ein besonderes Talent dafür, große gesellschaftliche Konflikte in scheinbar kleinen Geschichten unterzubringen. Eine Liebesbeziehung, eine Familie oder ein alltäglicher Konflikt wurden bei ihm schnell zum Spiegel einer ganzen Gesellschaft. International erregte sein Werk deshalb schon früh Aufmerksamkeit. Einer seiner bis heute berühmtesten Filme entstand 1974: „Angst essen Seele auf“.
"Angst essen Seele auf": Eine Liebe gegen alle Widerstände
Die Geschichte beginnt unspektakulär. Emmi Kurowski ist eine ältere Witwe, arbeitet als Putzfrau und führt ein eher einsames Leben. Eines Abends landet sie in einer Kneipe, in der sich vor allem arabische Einwanderer treffen. Dort begegnet sie Ali, einem deutlich jüngeren marokkanischen Gastarbeiter. Zwischen den beiden entsteht überraschend schnell eine Verbindung. Aus dem zufälligen Treffen wird eine Beziehung – und schließlich eine Ehe.
Damit beginnt für das Paar allerdings der eigentliche Kampf. Denn was für Emmi und Ali wie eine private Entscheidung erscheint, wird von ihrem Umfeld als Provokation verstanden. Emmis Kinder reagieren entsetzt, Nachbarn beobachten das Paar argwöhnisch und Kollegen begegnen Ali mit Ablehnung. Fassbinder macht daraus ein beklemmendes Gesellschaftsdrama, das Rassismus und Vorurteile nicht als abstrakte Probleme behandelt, sondern dort sichtbar macht, wo sie besonders wehtun: im ganz normalen Alltag.
Eine der größten Überraschungen des Films ist bis heute die Besetzung von Brigitte Mira. Die Schauspielerin war einem breiten Publikum vor allem aus volkstümlicheren Unterhaltungsformaten wie „So ein Millionär hat's schwer“ (1958) bekannt – auch wenn sie stets in anspruchsvollen Projekten zu sehen war. Fassbinder setzte ausgerechnet sie ins Zentrum eines international gefeierten Arthouse-Dramas – und traf damit eine bemerkenswerte Wahl.
Mira spielt Emmi nicht als klassische Filmheldin. Sie wirkt verletzlich, manchmal unbeholfen und ganz bewusst unspektakulär. Gerade das macht die Figur so glaubwürdig. Ihr gegenüber steht El Hedi ben Salem („Wildwechsel“) als Ali, der Emmis Einsamkeit zunächst mit einer ungewohnten Wärme begegnet. Die beiden wirken auf den ersten Blick wie ein völlig ungleiches Paar. Genau aus diesem Gegensatz entwickelt Fassbinder jedoch eine Liebesgeschichte, die deutlich komplexer ist, als ihre Ausgangssituation vermuten lässt.
Was Fassbinder besonders geschickt macht: Er präsentiert Emmi und Ali nicht einfach als unschuldige Opfer einer bösen Gesellschaft. Stattdessen zeigt er, wie Menschen selbst Vorurteile übernehmen können, sobald sich ihre soziale Situation verändert. Emmi erfährt plötzlich Aufmerksamkeit und Anerkennung, weil Ali sie aus ihrem bisherigen Alltag herausholt. Gleichzeitig merkt sie, wie schnell sich ihre eigene Stellung verändert, sobald sie mit einem Ausländer zusammenlebt. Auch Ali bekommt zu spüren, dass seine Beziehung zu Emmi für andere nicht nur ungewöhnlich, sondern geradezu unerträglich ist. Fassbinder erzählt diese Konflikte mit einer beinahe schonungslosen Ruhe.
100 Prozent bei Rotten Tomatoes – und Martin Scorsese zählt ihn zu den Besten
Dass „Angst essen Seele auf“ längst als Klassiker gilt, ist kein Geheimnis. Besonders eindrucksvoll fällt allerdings die Bewertung bei Rotten Tomatoes aus: Dort steht der Film beim Tomatometer derzeit bei 100 Prozent. Die Kritiker sind sich damit ungewöhnlich einig, was den Rang des Fassbinder-Dramas innerhalb der internationalen Filmgeschichte unterstreicht. Auch FILMSTARTS vergab mit 5 Sternen die volle Punktzahl!
Und dann ist da noch Oscar-Preisträger Martin Scorsese („Taxi Driver“). Der amerikanische Regisseur, der selbst zu den einflussreichsten Filmemachern der Kinogeschichte gehört, nahm „Angst essen Seele auf“ in seine persönliche Auswahl bedeutender nicht-englischsprachiger Filme auf (via The Playlist). Noch erstaunlicher wird der Blick auf diese Liste, wenn man genauer hinschaut: Mit „Händler der vier Jahreszeiten“ (1971) und „Die Ehe der Maria Braun“ (1979) tauchen dort noch zwei weitere Filme von Fassbinder auf. Kein anderer Regisseur wird in Scorseses Auswahl gleich dreimal berücksichtigt.
Das ist eine deutliche Liebeserklärung an Fassbinder und zeigt, weshalb „Angst essen Seele auf“ weit über den Status eines deutschen Klassikers hinausgewachsen ist. Die ungewöhnliche Liebesgeschichte erzählt zugleich von Ausgrenzung, Vorurteilen und gesellschaftlichen Erwartungen – Themen, die auch mehr als 50 Jahre später nichts von ihrer Brisanz verloren haben. „Angst essen Seele auf“ ist unbestreitbar ein Meisterwerk, das auch Jahrzehnte nach seiner Premiere nichts von seiner Wichtigkeit und Aktualität verloren hat. Gleiches gilt auch für einen französischen Kultfilm, der seinen Macher in den Ruin trieb, bis heute aber frenetisch gefeiert wird. Mehr dazu im folgenden FILMSTARTS-Artikel:
Dieses Meisterwerk floppte an den Kinokassen und trieb seinen Regisseur in den Ruin – doch heute fehlt es auf fast keiner Bestenliste!*Bei den Links zum Angebot von Amazon handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diese Links erhalten wir eine Provision.