"Eines der besten Drehbücher, die je für einen Film geschrieben wurden": Quentin Tarantino verehrt diesen "kontrovers-radikalen Jahrhundertfilm"

Mit stimmungsvoll überbordenden Plots und prächtiger Ausstattung kennt sich Tarantino bestens aus, doch ausgerechnet ein stilistisch äußerst reduziertes Werk von Lars von Trier hat es dem Filmemacher angetan.

Popkulturelle Referenzen, triviales Geplänkel und plötzliche Stimmungswechsel: Die Dialoge in Quentin Tarantinos Filmen sprühen Funken und fügen sich scheinbar mühelos in seine durchdachten Plots ein. Doch selbst ein so begnadeter Drehbuchautor und Regisseur wie Tarantino lässt sich noch beeindrucken von kühnen Werken, die erzählerisch viel wagen.

Einer dieser von Tarantino so bewunderten Filme ist Lars von Triers Drama „Dogville“, das 2003 für Aufsehen sorgte. Nicht nur war es mit Nicole Kidman, Paul Bettany, Patricia Clarkson, James Caan, Lauren Bacall und diversen weiteren Schauspielgrößen grandios besetzt, sondern stellte durch äußerste theaterhafte Reduktion eine haarsträubende Handlung um die menschliche Natur in den Vordergrund.

Erst Zuflucht, dann Alptraum

„Dogville“ beginnt mit der Ankunft von Grace (Nicole Kidman) in dem kleinen Dorf Dogville nahe der Rocky Mountains in den 1930ern. Hierhin ist die junge Frau vor ein paar Gangstern geflohen und vertraut sich dem Dorfbewohner Tom (Paul Bettany) an. Er handelt mit den übrigen Bewohner*innen aus, dass Grace bleiben darf und niemand sie verrät. Als Gegenleistung soll sie im Dorf Hilfsarbeiten gegen wenig Lohn verrichten.

Tatsächlich schafft es Grace durch ihre beständige Art und ihren Fleiß, sich in die Gemeinschaft zu integrieren. Doch als erneut nach ihr im Dorf gefahndet wird, ändert sich die vermeintlich wohlwollende Haltung der Einwohner*innen ihr gegenüber. Bald schon sieht sich Grace gefangen in einem ausweglosen Alptraum aus Ausbeutung, Erniedrigung und Missbrauch.

Glaubt anfangs noch an das Gute im Menschen: Grace (Nicole Kidman) Concorde Filmverleih
Glaubt anfangs noch an das Gute im Menschen: Grace (Nicole Kidman)

Aufwühlend und unvergesslich

Wer „Dogville“ einmal gesehen hat, wird diesen außergewöhnlichen Film wohl kaum vergessen haben: Die Kulisse ist reduziert auf eine einfache Soundstage, auf deren Boden mit Kreide die Umrisse der Häuser aufgemalt sind. Der Plot ist in acht Kapitel unterteilt und ein im Original von John Hurt eingesprochenes Voiceover führt durch die Handlung.

Dennoch ist der Film kein abstraktes Theaterstück, sondern exerziert mit steigender Intensität eine Parabel über menschliche Grausamkeit, Gruppenmentalität und Machtstrukturen durch. Wer sich selbst von „Dogville“ überzeugen will, findet den Film hier auf DVD und Blu-ray:

Dass sich die Botschaft von „Dogville“ trotz dieses aufwühlenden Handlungsverlaufs nicht auf stumpfen Menschenhass reduzieren lässt, erläutert Patrick Kittler in seiner Analyse des „kontrovers-radikalen Jahrhundertfilms“ für Filmstarts: „In Dogville gibt es keine wohltuenden Antworten, sondern nur quälende Fragen, denen wir uns alle stellen müssen – denn ob wir wollen oder nicht: Was wir hier in seiner schonungslosen Radikalität sehen, ist nichts im Vergleich zu der Realität, auf die sich von Trier bezieht.“

Ebenso überzeugt zeigte sich Tarantino von „Dogville“, als er 2009 in einem Interview die Lieblingsfilme aus seiner bisherigen Schaffensperiode (also damals den Jahren 1992 bis 2009) aufzählte und von Triers Film einen siebten Platz einräumte. Von Trier habe „vielleicht eines der besten Drehbücher, die je für einen Film geschrieben worden sind“ verfasst, so Tarantino. „Ich glaube sogar, wenn er es tatsächlich auf der Bühne inszeniert hätte, hätte er den Pulitzer-Preis gewonnen.“

Welcher deutsche Film hingegen keine guten Eindruck bei Tarantino hinterließ, erfahrt ihr hier:

Quentin Tarantino quälte sich durch einen der besten deutschen Filme aller Zeiten: "Ich habe es gerade so bis zum Abspann geschafft"

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Dobrila Kontic
Dobrila Kontic
-Freie Autorin
Zu Dobrilas Lieblingsfilmen gehört Düster-Melancholisches ("Donnie Darko") bis Dystopisches ("Children Of Men"), aber schwarzhumorigen Komödien und Satiren kann sie auch viel abgewinnen.
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