„Wo in Paris die Sonne aufgeht“ ist eine faszinierende Milieustudie sowie ein vielseitiges Charakterdrama und hält einige amüsante, niederschmetternde, aber auch romantische Momente parat. Dabei bietet der Film einen spannenden Blick auf die französische Hauptstadt jenseits der uns Kinofans sonst hauptsächlich präsentierten Szenarien. Denn für „Wo in Paris die Sonne aufgeht“ befinden wir uns weder in den von Armut und Kriminalität regierten Banlieues noch in der von herrschaftlichen Altbauten gekennzeichneten Heimat der Bourgeoisie direkt im Zentrum an der Seine. Regisseur Jacques Audiard („Der wilde Schlag meines Herzens“) zeigt uns Les Olympiades – das 13. Arrondissement, mitsamt seiner speziellen Architektur und den Menschen, die dort leben, lieben, lachen und verzweifeln.
„Wo in Paris die Sonne aufgeht“ läuft am heutigen 29. August 2026 um 23.25 Uhr auf 3sat. Alternativ könnt ihr den Film aktuell ohne Aufpreis im Rahmen des Flatrate-Abos bei filmfriend streamen. Wer bereit ist, ein paar Euro zu investieren, kann auch auf DVD* oder Video-on-Demand ausweichen:
Klassisch und doch absolut zeitgemäß
„Wo in Paris die Sonne aufgeht“ ist der Covid-Film von Jacques Audiard, der mit wie „Ein Prophet“, „Der Geschmack von Rost und Knochen“ oder zuletzt „Emilia Pérez“ schon lange als einer der wichtigsten Regisseure des französischen und europäischen Kinos gilt. Nicht dass es in der Story von „Wo in Paris die Sonne aufgeht“ um die Pandemie gehen würde – keine Bange! Die Handlung betrifft ganz andere Formen der Isolation.
Der Pariser drehte den Film damals mit Sondergenehmigungen während des ersten großen Lockdowns in seiner Heimat. Wie er FILMSTARTS im exklusiven Interview verriet, hatten ihm die teilweise menschenleeren Straßen und die daraus entstehende befremdliche Atmosphäre sehr dabei geholfen, die ganz spezielle Stimmung des Dramas zu erschaffen.
Drei Kurzgeschichten des US-Comic-Zeichners Adrian Tomine dienten Audiard und seinen Co-Drehbuchautorinnen Céline Sciamma („Porträt einer jungen Frau in Flammen“) und Léa Mysius („Stars At Noon“) als Vorlage für den Film. Der kommt mit Chef-Kameramann Paul Guilhaumes („Ava“) in glorreichen Schwarzweißbildern und einem Fokus auf romantische Beziehungen wie ein klassischer, auf positivste Weise fast schon ein wenig altmodisch anmutender, verspäteter Beitrag zur Nouvelle Vague daher. Durch den diversen Cast und einen sehr klaren Blick auf den Einfluss der sozialen Medien auf das Leben sowie speziell das Dating-Verhalten moderner junger Menschen in der Großstadt ist er aber zugleich auch enorm zeitgemäß.
Wie in der FILMSTARTS-Kritik analysiert, nimmt Audiard, den man durchaus als Regisseur von „Männer-Filmen“ bezeichnen darf, hier weit mehr als sonst auch eine weibliche Perspektive ein. Dieser Blick bestimmt den von Mobbing, Außenseitertum, sexueller Freiheit und der Schwierigkeit vieler gegenwärtiger junger Leute, sich selbst zu finden, erzählenden Film. Dass zwei der Figuren nicht weiß sind, spielt dagegen keine besondere Rolle – die Diversität der Figuren ergibt im Kontext des Handlungsschauplatzes einfach Sinn. Rassistische Vorurteile oder Diskriminierung werden nie direkt thematisiert, schwingen aber – wie in der realen Welt – natürlich unterschwellig immer mit.
In den Hauptrollen erwarten euch dabei Noémie Merlant („Porträt einer jungen Frau in Flammen“), Lucie Zhang („No One Will Know“), Makita Samba („Madame Kika“) und Jehnny Beth aus „Anatomie eines Falls“. Lasst euch einfach ein auf dieses Protagonist*innen-Quartett und seine von Tinder und anderen Dating-Apps geprägte Welt voller Sex ohne Reue, aber auch ohne echte Substanz. „Wo in Paris die Sonne aufgeht“ ist ein faszinierend „anderer“ Film von einem Regisseur, der auch mit über 70 Jahren noch immer überraschen will und vor allem kann.
Darum geht es in "Wo in Paris die Sonne aufgeht"
Les Olympiades ist ein Stadtteil von Paris, dessen Architektur von Hochhäusern aus den 1970ern dominiert wird. Die Elite-Uni-Absolventin Emilie (Lucie Zhang) schlägt sich hier mit Aushilfsjobs durch, hat kaum noch Kontakt zu ihrer Familie und sucht aktuell einen Mitbewohner, um die Miete zahlen zu können. Den findet sie in Camille (Makita Samba), einem selbstbewussten jungen Lehrer. Bald schlafen die zwei auch miteinander – zumindest für ein paar Nächte. Dann ist es vorbei und Camille zieht wieder aus.
Wenig später arbeitet er als Immobilienmakler und stellt eine neue Mitarbeiterin ein: Nora (Noémie Merlant), eine 33-Jährige aus der Provinz, die eigentlich nach Paris gezogen war, um endlich ihr Studium durchzuziehen. Durch eine Verwechslung mit dem Camgirl Amber Sweet (Jehnny Beth) wurde sie jedoch zunehmend in den sozialen Netzwerken bedrängt und gemobbt, bis sie schließlich die Uni geschmissen hat. Über die Sache ist sie aber auch in einen Online-Dialog mit der echten Amber getreten …
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