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    Wo in Paris die Sonne aufgeht
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Wo in Paris die Sonne aufgeht

    Lieben und Leben in Zeiten von Tinder

    Von Michael Meyns
    „Erst vögeln, dann Schauen“, lautet ein chinesisches Sprichwort. Das zumindest behauptet einer der jungen Menschen um die 30, die in „Wo in Paris die Sonne aufgeht“ von Jacques Audiard („The Sisters Brothers“) nach Nähe, Sex und Sinn, vor allem aber nach sich selbst suchen. Drei Kurzgeschichten des amerikanischen Comic-Zeichners Adrian Tomine dienten als Vorlage für einen Film, der mit seinen schwarz-weißen Bildern und seinem Fokus auf Beziehungen wie ein klassischer, fast schon altmodischer französischer Film anmutet, durch seinen sehr klaren Blick, den diversen Cast und die Thematisierung des Einflusses sozialer Medien auf das Dating-Verhalten aber zugleich auch überaus zeitgemäß daherkommt.

    Die Chinesin Emilie (Lucie Zhang) lebt im 13. Arrondissement von Paris – einem Stadtteil, dessen von Hochhäusern dominierte Architektur in den Siebzigern vielleicht noch als modern galt. Hier schlägt sie sich mit Aushilfsjobs durch, hat kaum noch Kontakt zu ihrer Familie und sucht einen Mitbewohner. Diesen Part übernimmt Camille (Makita Samba), ein selbstbewusster Lehrer, der bald auch Emilies Fuck-Buddy wird. Zumindest für ein paar Nächte, dann ist es vorbei und Camille zieht aus.

    Später arbeitet er als Immobilienmakler und stellt eine neue Mitarbeiterin ein: Nora (Noémie Merlant), eine 33-jährige Provinzblume, die eigentlich nach Paris gezogen war, um ein spätes Studium zu beginnen. Aber durch eine Verwechslung mit dem Camgirl Amber Sweet (Jehnny Beth) wurde sie zunehmend in den sozialen Netzwerken bedrängt und gemobbt, bis sie schließlich die Uni geschmissen hat. Zugleich erlauben es ihr die sozialen Medien aber auch, in einen Online-Dialog mit der echten Amber zu treten…

    Zumindest eröffnen einem die Dächer der sonst so erdrückenden Hochhäuser im 13. Arrondissement noch mal eine ganz andere Perspektive auf Paris...


    Auf den ersten Blick wirkt „Wo in Paris die Sonne aufgeht“ nicht unbedingt wie ein Projekt, das man von dem Regisseur von Genre-Dramen wie „Der wilde Schlag meines Herzens“ oder „Ein Prophet“, der zudem vor sechs Jahren für „Dämonen und Wunder“ mit der Goldenen Palme in Cannes ausgezeichnet wurde, erwarten würde. Aber auch wenn man „Wo in Paris die Sonne aufgehtt“ als Beziehungsfilm bezeichnen mag, ist er am Ende doch vor allem eine Milieustudie, wie Jacques Audiard sie eigentlich immer erzählt, egal welches Sujet oder Genre er vordergründig in seinen Filmen gerade verhandelt.

    Als Schauplatz hat er sich das 13. Arrondissement von Paris ausgesucht, ein Bezirk, der diverser ist als die meisten anderen der französischen Hauptstadt. Hier finden sich nicht jene herrschaftlichen Häuserblocks, die man allgemeinhin mit Paris in Verbindung bringt (also jene, die etwa in „Inception“ in den Himmel verbogen werden). Dominiert wird das Bild viel mehr von Neubauten, die bei einer umfassenden Stadterweiterung in den 1970er Jahren entstanden. Dementsprechend lebt hier nicht die Bourgeoisie – stattdessen sieht man auf den Straßen Menschen aus der Mittelschicht oder unteren Mittelschicht, die sich Wohnungen in der Innenstadt nicht leisten können. Einfache Angestellte, Studenten, denn die Uni ist nicht weit, auch viele Migrant*innen sowie nicht-weiße Franzosen und Französinnen.

    Zwei der absoluten Top-Regisseurinnen


    Mit diesen gesellschaftlichen Sphären kennt sich Audiard eigentlich gut genug aus, wie er zum Beispiel mit einem seiner allerersten Kritiker-Hits, dem Gangsterfilm-Remake „Der wilde Schlag meines Herzens“, längst bewiesen hat. Zugleich nimmt Audiard, den man durchaus als Regisseur von „Männer-Filmen“ bezeichnen darf, diesmal viel mehr als sonst auch eine weibliche Perspektive ein – und deshalb hat er auch gut daran getan, dass er sich schon beim Schreiben des Drehbuchs die Unterstützung zweier sehr namhafter Kolleginnen gesichert hat:

    Léa Mysius zählt seit „Ava“ zu den meistgefeierten Regiedebütantinnen überhaupt - und Céline Sciamma, deren feministischer Kostümfilm „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ schon jetzt als einer der einflussreichsten Filme der letzten Jahre gelten muss, zählt ohnehin zu den Top-Leuten im aktuellen französischen Festivalkino. Ihr weiblicher Blick bestimmt nun einen Film, der von Mobbing, Außenseitern, sexueller Freiheit und der Schwierigkeit, sich selbst zu finden, erzählt. Dass zwei der Figuren nicht weiß sind, spielt dagegen keine spezielle Rolle, die Diversität der Figuren wird einfach gesetzt, rassistische Vorurteile oder Diskriminierung werden aber nicht direkt thematisiert, sondern schwingen nur mit.

    Als Nora (Noémie Merlant) sich aus Spaß eine blonde Perücke aufsetzt, wird sie mit Camgirl Amber Sweet (Jehnny Beth) verwechselt - mit dramatischen Folgen für ihre Zukunft.


    Viel zentraler ist die Schwierigkeit des Figuren-Quartetts, dessen Szenen mal mehr, mal weniger direkt miteinander verbunden sind, sich in einer Welt zurechtzufinden, die dank der sozialen Medien zunehmend nah wirkt, aber in Wirklichkeit oft ganz besonders distanziert ist. Wie das eingangs zitierte chinesische Sprichwort schon andeutet, ist die Gegenwart dank Tinder und anderen Dating-Apps geprägt vom einfachen Sex ohne Reue, aber auch ohne Substanz.

    Gerade Emilie und Camille leben diese „moderne“ Form geradezu exemplarisch aus: Nach einem kurzen Gespräch haben sie Sex, wohnen in einer WG zusammen, lernen sich aber trotzdem erst richtig kennen, als die kurze Affäre schon wieder vorbei ist. Jacques Audiard und seine Mitschreiberinnen erzählen mit großem Gespür für die kleinen Nuancen von einer, um den treffenden Titel eines aktuellen, aber weniger gelungenen deutschen Films zu gebrauchen, neuen „Generation Beziehungsunfähig“.

    Fazit: Liebe in Zeiten von Tinder – abseits der von ihm präferierten Genregefilde wirft Jacques Audiard mit Hilfe seiner beiden prominenten Co-Autorinnen einen differenzierter, in stechendem Schwarz-Weiß präsentierten Blick auf die junge, zumindest im 13. Arrondissement in jeder Hinsicht diverse Generation.

    Wir haben „Wo in Paris die Sonne aufgeht“ auf dem Filmfestival in Cannes gesehen, wo er als Teil des offiziellen Wettbewerbs gezeigt wurde.

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