Tom Cruise mag einer der größten Filmstars der Geschichte sein, doch als Jack Reacher hielten ihn viele für eine Fehlbesetzung. Selbst Lee Child, der Autor der Bestseller-Vorlagen rund um den Ex-Militärcop, rückte irgendwann von seiner anfänglichen Cruise-Verteidigung ab. Und ja: Cruise passt optisch kein bisschen zu dem hünenhaften Einzelgänger aus den Romanen. Für mich als riesigen „Jack Reacher“-Fan war er trotzdem eine exzellente Wahl, weil er viele Facetten der Kultfigur, vor allem deren analytische Art zu kämpfen, herausragend umsetzte.
Christopher McQuarries „Jack Reacher“ ist für mich heute die beste Adaption der Bücher und ein saustarker, geradliniger Action-Thriller. Ich ärgere mich sogar regelmäßig darüber, dass ich hier auf FILMSTARTS.de damals „nur“ 3,5 Sterne in der offiziellen Kritik gegeben habe, weil mich beim ersten Anschauen noch Kleinigkeiten störten. Heute schaue ich den Film nicht nur recht regelmäßig, sondern gebe auch einen ganzen Stern mehr.
Lange war ich mit meiner Überlegung, ob Cruise nicht vielleicht doch der bessere Jack Reacher als Serienstar Alan Ritchson ist, in den Fanforen ein ziemlicher Außenseiter. Doch mitten in der vierten Staffel der erfolgreichen Amazon-Serie „Reacher“ gewinnt diese Debatte plötzlich wieder an Fahrt. Ein gerade viel beachteter Reddit-Beitrag stellt nämlich die provokante These auf: „Tom Cruise war der bessere Reacher als Alan Ritchson.“ Der Post hat innerhalb kurzer Zeit mehrere Hundert Upvotes erhalten und eine umfangreiche Diskussion ausgelöst.
Und ausgerechnet während diese Debatte tobt, hat Ritchson selbst ein überraschendes Geständnis über seine Beziehung zu den früheren „Jack Reacher“-Filmen gemacht.
Tom Cruise sah nicht aus wie Reacher – aber traf er die Figur besser?
Alan Ritchson kommt der imposanten Erscheinung aus Lee Childs Romanen sehr viel näher. Das lässt sich nicht bestreiten. Schließlich wird Jack Reacher in den Romanen als rund 1,96 Meter großer und bis zu 250 Pfund schwerer Hüne beschrieben. Ritchson bringt es auf etwa 1,93 Meter und wurde schon bei seiner Verpflichtung von Child begeistert als nahezu perfekte Besetzung begrüßt. Cruise ist allein mit seinen angeblich 1,70 bis 1,73 Meter Körperlänge optisch dagegen sehr weit von der Romanfigur entfernt.
Doch eine Sache ist viel wichtiger, die ich seit Jahren anmerke und die jetzt auch der Fan erwähnt, der die neue Reddit-Diskussion losgetreten hat. Reacher definiert sich eben nicht allein über seine enorme Körperkraft. Entscheidend sind seine kühle Präzision, seine Beobachtungsgabe und die analytische Intelligenz, mit der er Situationen und Menschen innerhalb kürzester Zeit durchschaut. In der Amazon-Serie fällt diese Seite der Figur immer mal wieder hintenüber. Sie ist zwar vorhanden, doch wie der Ex-Militärpolizist seine Umgebung beobachtet und allen mehrere Schritte voraus ist, tritt manchmal hinter der reinen Muskelmasse zurück.
Eine Debatte, die nicht zufällig genau jetzt entsteht
Die Diskussion trifft damit einen Nerv und es ist sicher kein Zufall, dass sie ausgerechnet während der vierten Staffel wieder Fahrt aufnimmt. Denn in den vergangenen Tagen wurde unter „Reacher“-Fans verstärkt darüber diskutiert, ob die Serie ihren Titelhelden momentan weniger clever schreibt als früher. Reacher unterliefen in den jüngsten Folgen Fehler. Er traf mehrfach falsche Annahmen, ließ sich von Lila (Agnez Mo) täuschen und handelte gerade in der aktuellen fünften Episode riskanter, als man es von einem Mann erwarten würde, der eigentlich nach dem Grundsatz „Vermutungen sind tödlich“ agiert.
Unabhängig davon, ob man diese Kritik an der aktuellen Staffel teilt, muss man aber anmerken, dass es kein Argument gegen Ritchson ist. Der populärste Beitrag in der erwähnten Reddit-Diskussion weist so auch darauf hin, dass, wenn Ritchsons Reacher weniger analytisch und intelligent erscheint, dies ein Problem mit den Autoren und nicht mit dem Darsteller sei. Diese Gegenposition hat zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Artikels sogar noch mehr Zustimmung in Form von Reddit-Upvotes als der ursprüngliche Beitrag.
Alan Ritchson hat die "Jack Reacher"-Filme mit Tom Cruise nicht gesehen
Wir wissen zwar, dass Alan Ritchson sehr viel auf Reddit unterwegs ist und sich dort auch schon mehrfach in Beiträge eingemischt hat, doch in der aktuellen Diskussion selbst hat er sich nicht zu Wort gemeldet. Dafür machte er am Wochenende eine bemerkenswerte Aussage. Da Ritchson aktuell für die Dreharbeiten der kommenden fünften „Reacher“-Staffel ohnehin in Kanada ist, konnte er bei der FAN EXPO in Toronto vorbeischauen. Im Rahmen eines Panels sprach er über seine Karriere und machte laut Showtimes.com gleich zwei überraschende Aussagen.
So gestand er ein, dass er bei seinem Casting ursprünglich selbst nicht davon überzeugt war, ein guter Jack Reacher zu sein. Und selbst zu einem Vergleich mit Tom Cruise äußerte er sich, auch wenn seine Aussage deutlich machte, dass er dazu gar nichts mitteilen kann. Denn Ritchson erklärte, dass er die „Jack Reacher“-Filme nie gesehen hat. Seine Interpretation der Figur entstand folglich nicht daraus, Cruises Darstellung nachzuahmen oder sich bewusst davon abzusetzen.
Wer ist der bessere Jack Reacher? Eine Antwort wird es nie geben!
Ich gehe fest davon aus, dass die Frage, ob Ritchson oder Cruise der bessere Reacher ist, auch in den nächsten Jahren weiter diskutiert wird. Denn am Ende muss jeder darauf seine eigene Antwort finden. Wer der Meinung ist, dass Reachers entscheidende Qualität darin liegt, bereits beim Betreten eines Raumes alle Blicke auf sich zu ziehen und allzeit zu vermitteln, dass er jeden sofort ausschalten kann, wird immer Ritchson besser finden. Steht für einen dagegen die ruhige, distanzierte Beobachtungsgabe im Vordergrund, fällt die Wahl wohl eher auf Tom Cruise.
Ich bin zumindest froh, dass es beide Versionen von Jack Reacher gibt. Für mich ist es sogar die Optimallösung einer Neuinterpretation. Denn die Serie geht einen so eigenen Weg, dass ich sowohl mit den Filmen als auch mit der Show meinen Spaß habe und beides liebe. Die Ansätze sind so unterschiedlich, dass ich sogar hoffe, die Serienverantwortlichen adaptieren in einer künftigen Staffel mit „One Shot“ alias „Sniper“ den besten Roman der Reihe und die Vorlage des ersten Films auf ihre Weise neu.
Wobei wir dann die nächste Debatte haben werden, die aber eindeutiger ausfallen dürfte. Denn ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass es eine Möglichkeit gibt, Fiesling Zek auf andere Weise und trotzdem so furchteinflößend zu verkörpern, wie es Werner Herzog in „Jack Reacher“ gemacht hat.
Mehr zur Diskussion über die fünfte „Reacher“-Folge der aktuellen vierten Staffel gibt es derweil im folgenden Artikel:
"Beste Folge bisher!" – "Die schlechteste!": Die neue "Reacher"-Episode spaltet die Fans komplett*Bei den Links zum Angebot von Amazon handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diese Links erhalten wir eine Provision.