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Einfach zu haben
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Einfach zu haben
Von Christoph Petersen
Klassiker der Literaturgeschichte kurzerhand an eine amerikanische Highschool zu verlegen, ist ein längst erprobtes Erfolgsrezept in Hollywood. Um die Jahrtausendwende kamen mit „10 Dinge, die ich an Dir hasse", „Ran an die Braut" und „O" etwa gleich drei Highschool-Filme in die Kinos, die auf Stücken von William Shakespeare („Der Widerspenstigen Zähmung", „Ein Sommernachtstraum" und „Othello") basieren. Nun haben sich Regisseur Will Gluck und Drehbuchautor Bert V. Royal für ihre Komödie „Einfach zu haben" einer noch ambitionierteren Vorlage angenommen. Das 1850 erschienene puritanische Drama „Der scharlachrote Buchstabe" von Nathaniel Hawthorne erzählt die tieftragische Geschichte der Ehebrecherin Hester Prynne, die den Namen des Vaters ihres außerehelichen Kindes für sich behält und als Strafe stets ein scharlachrotes „A" auf ihrer Kleidung tragen muss. Das klingt zwar nicht gerade nach dem perfekten Stoff für 92 Minuten kurzweilige Teenie-Unterhaltung, aber „Einfach zu haben" entpuppt sich dank grandiosen Darstellern und geschliffen scharfen Dialogen doch als die beste Highschool-Komödie seit „American Pie".

Damit ihre beste Freundin Rhiannon (Alyson Michalka) sie nicht weiter löchert, erzählt Olive (Emma Stone) ihr die erfundene Geschichte, wie sie am vergangenen Wochenende ihre Unschuld an einen älteren College-Studenten verloren hat. Die Story vom angeblich ersten Mal schlägt hohe Wellen und die zuvor kaum beachtete Olive hat plötzlich den Ruf als Campus-Schlampe weg. Doch anstatt sich zu grämen, nutzt sie die ungewohnte Aufmerksamkeit, um den Außenseitern ihrer Schule zu einem höheren Status zu verhelfen. Als erstes inszeniert Olive auf einer Fete eine gestellte Sexnummer mit dem gemobbten schwulen Brandon (Dan Byrd), um die Klassenkameraden unter lautem Gestöhne davon zu überzeugen, dass ihr bester Freund doch nicht homosexuell ist. Schnell macht Olives Einsatz für die Schwachen und Unterdrückten die Runde und bald stehen die potentiellen Fake-Sexpartner bei der ehemaligen Musterschülerin regelrecht Schlange...

Es war schon eine Überraschung, dass Regisseur Will Gluck, der zuvor mit dem „Girls United"-Abklatsch „Fired Up!" baden gegangen war, zum US-Start von „Einfach zu haben" plötzlich von der Mehrheit der Filmjournalisten in den Himmel gelobt wurde. Doch die Kritiker liegen mit ihrer Einschätzung des Films absolut richtig. Ob aber wirklich Will Gluck dafür verantwortlich ist, wird sich wohl erst bei seinen nächsten Projekten zeigen. Viel auffälliger als die genreübliche Inszenierung sind nämlich die bissigen Zeilen von Autor Bert V. Royal und die überragende Leistung der ewigen Nebendarstellerin Emma Stone („Superbad", „Zombieland"), die sich mit diesem Auftritt schon vor ihrer Rolle als Gwen Stacy im kommenden Comic-Blockbuster „Spider-Man (3D)" erste Star-Lorbeeren erspielt hat. Obwohl ihre Olive für jede Situation die passende Bemerkung auf Lager hat, wirkt sie nie wie eine Klugscheißerin, sondern stets grundsympathisch. Eine kesse Sprücheklopferin mit Herz und Verstand, die mit Gags über die wohl nur wenigen Teenagern bekannte Poetin Sylvia Plath auch mal selbstbewusst am üblichen Zielpublikum von Highschool-Komödien vorbeischießt.

Doch mit Emma Stone ist der durchweg begeisternde Cast noch lange nicht am Ende. Es gibt gleich eine ganze Reihe von Nebendarstellern, die mit ihren brillanten Auftritten immer wieder Szenen stehlen. Zuallererst sind da Patricia Clarkson („The Station Agent") und Stanley Tucci („In meinem Himmel") als Olives Eltern, die mit ihrer überzogenen anti-autoritären Erziehungshaltung leicht zu platten Alt-68er-Karikaturen hätten verkommen können, denen aber trotz ihrer total abgehobenen Figuren das Kunststück gelingt, als Menschen aus Fleisch und Blut rüberzukommen. Eine reine, aber nichtsdestotrotz gelungene Karikatur bietet hingegen Amanda Bynes („Was Mädchen wollen") als Enthaltsamkeit predigender Bible-Belt-Nachwuchs. Es gibt wohl nur wenige Highschool-Komödien, die sich als großes Schauspielerkino beschreiben lassen. „Einfach zu haben" gehört auf einer Liste der wenigen Ausnahmen aber ganz weit nach oben.

Fazit: So geht es also auch. Abseits peinlicher „American Pie"-Epigonen, wie sie allwöchentlich Direct-to-DVD in den Videothekenregalen auftauchen, beweist „Einfach zu haben", dass sich Teenager-Unterhaltung und intelligentes Kino keinesfalls ausschließen müssen. Wir sind gespannt, ob Regisseur Will Gluck dieses Niveau 2011 mit der anzüglichen Justin Timberlake/Mila Kunis-Komödie „Friends with Benefits" wird halten können, oder ob die Qualität von „Einfach zu haben" nicht doch zum größten Teil auf das Konto des brillanten Drehbuchs von Bert V. Royal geht.
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