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Meinung: Warum es richtig ist, dass in Christopher Nolans "Dunkirk" (fast) kein Blut fließt
Von Manuel Berger — 28.07.2017 um 16:00
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Explizite Gewaltdarstellung und literweise Kunstblut gehört für viele zum Kriegsfilm wie Humor zur Komödie. Christopher Nolan verzichtete in „Dunkirk“ jedoch darauf – und musste sich deshalb vorab einiges an Kritik anhören.

Warner Bros. Entertainment

Als bekannt wurde, dass Christopher Nolans „Dunkirk“ in den USA ein PG-13-Rating bekommen würde, waren einige Internet-Kommentatoren damit ganz und gar nicht glücklich. Immerhin nimmt sich der Regisseur im Film einer Schlacht im Zweiten Weltkrieg an, bei der allein die britische Armee mindestens 68.000 Mann verlor – explizite Gewaltdarstellung wäre da eigentlich naheliegend und damit kriegt man eben normalerweise keine Jugendfreigabe. So reagiert etwa Twitter-User Benny Flats: „Ich will ein R-Rating. Ich brauche ein R-Rating. PG-13 kann einen Film verdummen lassen und ein Erwachsenendrama zugunsten von Kohle opfern.“

Der Wunsch von Benny Flats wurde nicht erhört, in Deutschland wurde „Dunkirk“ von der FSK sogar ab zwölf Jahren freigegeben. Die Prüfstelle meint also, dass Schulkinder ab zwölf Jahren bedenkenlos ins Kino wandern können (und in Begleitung ihrer Eltern sogar ab sechs). Dort bekommen sie – bis auf eine winzige Ausnahme – keinen einzigen Tropfen Blut zu sehen. Verwundete, die es nach den zahlreichen Bombenangriffe zuhauf gibt, bleiben entweder außerhalb des Blickfeldes oder werden mit Decken verhüllt; von einer Leiche ragt nur noch der Fuß aus dem sandigen Grab. Nein, wer auf der Suche nach verbildlichter Gewalt ist, sitzt bei „Dunkirk“ definitiv im falschen Film.

Nolan entschied sich ganz bewusst dafür, die unvermeidbaren brutalen Konsequenzen kriegerischer Handlung aus seinem Film auszuklammern. Er fühle sich wohl im PG-13-Rahmen, er wolle möglichst vielen unterschiedlichen Menschen eine tolle Kinoerfahrung bereiten, erklärte er im April 2017. Ein Kommentar, der einerseits tatsächlich ausgelegt werden kann wie es die obengenannten Twitter-User tun: dass die Gewalt nämlich zugunsten von Massenkompatibilität (die ganz nebenbei höhere Einnahmen verspricht) verbannt wurde. Der Regisseur formuliert es jedoch wie folgt: „Wir haben wirklich versucht, einen anderen Dreh zu finden und die Intensität auf andere Weise zu erreichen. [Die blutigen Aspekte des Gefechts] wurden bereits in vielen anderen Filmen sehr gut dargestellt.“

Christopher Nolan erklärt, warum sein Kriegsfilm jugendfrei ist

Dieser „andere Dreh“ ist tatsächlich der Schlüssel zur blutleeren Inszenierung von „Dunkirk“. Hätte Nolan Close-Ups von leidenden Soldaten mit schlimmen Verletzungen oder von zerfetzten Körpern gezeigt, hätte er gnadenlos draufgehalten, wenn ein Kämpfer in den Armen eines Kameraden verreckt, wäre so unweigerlich Nähe entstanden. Doch Nähe ist etwas, das es in „Dunkirk“ nicht gibt und nicht geben soll. Die Charakterzeichnungen fallen minimal aus, keine Figur in diesem Kriegsgemälde dient zur Identifikation, die meisten haben weder Vergangenheit noch Zukunft. Jeder ist ersetzbar und wenn Bomben fallen, raffen sie Massen hinweg, nicht Individuen. Deren Tod würde Emotionen auslösen, aber hier geht es um die Gefühllosigkeit, um die kalte Unruhe, die dich packt, wenn dir klar wird, dass du jederzeit einfach ausgelöscht werden kannst.

Die Täter bleiben für die Opfer unsichtbar – und auch für den Zuschauer. Trotzdem weiß man: Sie sind da und können jederzeit zuschlagen. Ohne Vorwarnung. Und auch sie erleben die Auswirkungen ihrer Angriffe eben nicht unmittelbar. Durch die Abwesenheit von Blut und Persönlichkeit(en) inszeniert Nolan die totale Gesichts-, Ausweg- und Hilflosigkeit. In Reih und Glied stehen die Kämpfer am Strand, in der Hoffnung, Platz auf dem nächsten Evakuierungsschiff zu finden. In grausamer Regelmäßigkeit hagelt es Bomben, Chaos bricht aus, Dutzende sterben, die Überlebenden treten zurück in die Schlange und warten nicht mehr nur auf ein Boot, sondern auch auf den unausweichlich erfolgenden nächsten todbringenden Schlag.

Bezeichnend ist auch die einzige Szene, in der Nolan von der sonst vorherrschenden kühlen Distanz abweicht: Nämlich als mit dem jungen George (Barry Keoghan) ein Zivilist stirbt – unabhängig von den kriegerischen Handlungen an der Küste Dünkirchens. Anders als die Soldaten hatte George eine Wahl, musste nicht Teil der Strandroutine sein. Zu ihm lässt Nolan sowohl auf der Leinwand als auch im Kinosaal Nähe zu – und wir sehen zumindest ein paar Tropfen Blut.

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Pollunder statt Uniform: George (Barry Keoghan).

Letztendlich ist es ganz einfach der Schwerpunktsetzung des Regisseurs geschuldet, dass FSK 12 bei „Dunkirk“ absolut Sinn ergibt. Das Fehlen expliziter Gewalt stellt in diesem Fall die harte Kriegsrealität einprägsamer dar, als es ihre ausdrückliche Darstellung vermocht hätte. Während bei Filmen wie „Full Metal Jacket“ oder „The Hurt Locker“ (beide Rated R bzw. FSK 16), wo der Zuschauer sehr direkt und unmittelbar mit Blut und Gewalt konfrontiert wird, Menschen als Individuen im Zentrum stehen, liegt bei „Dunkirk“ der Fokus auf der logistischen Brutalität und der auf Massenbewegungen angelegten Logistik des Krieges. Der einzelne Mensch spielt hier nur eine untergeordnete Rolle und wird so zum Teil eines Kollektivs – und dem passt der Regisseur die Gewaltdarstellung an. Vom ihm vorgeworfenen „Weichspülen“ könnte Christopher Nolan mit seinem Ansatz kaum weiter entfernt sein. Er hat in „Dunkirk“ der kalten Logistik den Vorzug vor hitzigem Drama gegeben und wollte seine Sichtweise zugleich einem erwachsenen, aber auch potentiell jüngerem Publikum zugänglich machen. Deshalb fließt in seiner Realität des Strands von Dünkirchen kein Blut. Und das ist gut so.

 

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Kommentare
  • Joachim M.
    So ein Blödsinn da ist FSK 12 aber längstens genug für die Kleinen und die Geldscheffler ein bisschen mehr Realismus und Herr Nolan hätte sich eine FSK 16 abholen können er hätte alles zeigen sollen wie die Alliierten überhaupt dahin kamen und nicht nur eine Bootsfahrt nach Inselland
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