Pressure
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Pressure

Das Wetterbericht-Prequel zu "Der Soldat James Ryan"

Von Oliver Kube

Von Schlachtfeldepen wie „Der Soldat James Ryan“ und „Der längste Tag“ über den Spionage-Reißer „Die Nadel“ und das romantische Biopic „In voller Blüte“ bis hin zum Horrorschocker „Overlord“: Es gibt bereits sehr unterschiedliche Kinofilme über den D-Day, also die im Juni 1944 erfolgte Invasion des von Nazideutschland besetzten Frankreichs durch alliierte Truppen über den Ärmelkanal. Trotzdem gelingt es „Hotel Mumbai“-Regisseur Anthony Maras, uns mit seinem kammerspielartigen Kriegs-Thriller „Pressure“ noch mal eine auf tatsächlichen Ereignissen basierende Geschichte zu erzählen, die einen ganz eigenen Blick auf diesen schicksalhaften Tag der Weltgeschichte zu bieten hat.

„Pressure“ baut auf dem gleichnamigen Theaterstück von Schauspieler David Haig („Downton Abbey“) auf. Die in einigen Details abgewandelte und fiktionalisierte Story über die alliierten Wetterfachleute ist absolut faszinierend. Es ist schließlich kaum vorstellbar, unter welchem unfassbaren Druck (englisch eben der titelgebende Pressure) die von „All Of Us Strangers“-Star Andrew Scott preisverdächtig verkörperte Hauptfigur während der realen Ereignisse gestanden haben muss. Leider bricht der Film am Ende mit seinem bis dahin so stimmig-konzentrierten Konzept, um doch noch ein paar mit höchst mittelmäßigen CGI-Effekten angereicherte Action-Momente zu servieren.

Auf keinen Schultern lastet so viel Druck wie auf jenen von Dwight D. Eisenhower (Brendan Fraser) und dem Chef-Meteorologen James Stagg (Andrew Scott). StudioCanal
Auf keinen Schultern lastet so viel Druck wie auf jenen von Dwight D. Eisenhower (Brendan Fraser) und dem Chef-Meteorologen James Stagg (Andrew Scott).

2. Juni 1944: In 72 Stunden soll die Operation Overlord starten! Auf 5.000 Schiffen wollen die Alliierten insgesamt 160.000 Soldaten über den Ärmelkanal bringen, um die Frankreich besetzt haltende deutsche Armee zurückzudrängen – und im nächsten Schritt ganz zu besiegen. Unter absoluter Geheimhaltung wurde alles penibel vom Stab um US-General Dwight D. Eisenhower (Brendan Fraser) vorbereitet. Dennoch besteht die berechtigte Befürchtung, dass der Feind jeden Moment Kenntnis von dem Unterfangen erlangen und seine eigenen Truppen zu den geplanten Landeplätzen der Briten und Amerikaner umleiten könnte. Also muss das Ganze so schnell wie möglich vonstattengehen. Doch es gibt noch eine ungeklärte Variable: das Wetter.

Großbritanniens oberster Meteorologe James Stagg (Andrew Scott) soll die Vorhersage machen, von der in den nächsten Tagen und Wochen Millionen Menschenleben abhängen könnten. Ein Sturm würde die größte Seeinvasion aller Zeiten unmöglich machen. Also benötigt Eisenhower gutes Wetter, um den endgültigen Befehl geben zu können. Staggs amerikanischer Kollege Colonel Krick (Chris Messina) ist überzeugt, dass am sogenannten „D-Day“ die Sonne scheinen und die See ruhig sein wird – exakt wie der Oberbefehlshaber es benötigt. Stagg jedoch stellt eine gegensätzliche Prognose auf – und übernimmt damit die Verantwortung für nicht weniger als den Ausgang des Zweiten Weltkriegs …

Warten auf das Wetter

Wir alle wissen, wie die Befreiung des von der Wehrmacht besetzten Frankreichs durch die alliierten Truppen damals ausgegangen ist. Trotzdem gelingt es Anthony Maras, seine Geschichte des D-Days intensiv und packend, über weite Strecken sogar verdammt spannend zu erzählen. Dabei handelt es sich bei „Pressure“ um ein – zugegebenermaßen in recht großen und opulent ausgestatteten Kulissen angesiedeltes – Kammerspiel. Der Hauptschauplatz dieses ungewöhnlichen Kriegsfilms ist nämlich kein Schlachtfeld, sondern Southwick House in Südengland, das improvisierte Hauptquartier der alliierten Befehlshaber um General Eisenhower. In dem dreistöckigen Gebäude lebten und arbeiteten Dutzende von hochrangigen Offizieren. Währenddessen kampierten auf dem weitläufigen Gelände mehrere Bataillone Soldaten in Zelten und improvisierten Baracken, die den Komplex beschützten, während sie auf ihren Einsatz an der Front warteten.

Wer von euch den ebenfalls während des Zweiten Weltkriegs spielenden Spionagefilm „Enigma - Das Geheimnis“ mit Kate Winslet gesehen hat, kennt ein solches Szenario. Die wichtigsten Räume in dem Herrenhaus sind das Zimmer der Meteorologen-Crew um Stagg und Krick, das Büro von Eisenhower, in dem dieser seine Entscheidungen nur in Anwesenheit seiner Adjutantin Summersby (Kerry Condon, „F1 - Der Film“) trifft, sowie die riesige Kommandozentrale mit Karten von Europa, die ganze Wände einnehmen. In diesen Locations kommt es zu den entscheidenden Konfrontationen zwischen Stagg und Krick, Stagg und Eisenhower sowie Eisenhower und den versammelten Oberbefehlshabern der amerikanischen sowie der britischen Navy, der Army und der Air Force. Alle verlangen von dem Wettermann, dass er ihnen endlich grünes Licht gibt, um den Angriff zu starten.

Von der Entscheidung über den richtigen Zeitpunkt für den D-Day hängen potenziell Millionen von Menschenleben ab! StudioCanal
Von der Entscheidung über den richtigen Zeitpunkt für den D-Day hängen potenziell Millionen von Menschenleben ab!

Doch Stagg ist kein schießwütiger Cowboy wie der von „Band Of Brothers“-Veteran Damian Lewis fast wie eine Karikatur interpretierte Army-General Montgomery. Auch ist er kein sorgloser Party-Hengst und Ja-Sager wie Krick, der Eisenhower und den anderen immer nur das erzählt, was sie hören wollen. Schließlich schien bei dessen bisherigen Einsätzen in Nordafrika und Süditalien auch immer die Sonne, wenn er es vorausgesagt hatte. Stagg ist hingegen ein introvertierter, aber eben auch absolut integrer Mann – ein humorloser Verfechter der Wissenschaft. Er ist ein Außenseiter, der in Southwick House schnell den Ruf eines Unruhestifters weghat. Schließlich droht er, den geregelten Ablauf der Dinge und speziell die Pläne für den Angriff auf die Nazis durcheinanderzubringen. Während Stagg mit dieser Situation umgehen muss, ereilt ihn obendrein auch noch eine persönliche Schreckensnachricht: Teile des Krankenhauses, in dem seine hochschwangere Frau (Tamsin Topolski) das gemeinsame Kind zur Welt bringen will, wurden gerade von deutschen Bombern in Schutt und Asche gelegt.

Das kann auf nur 100 Minuten komprimiert schon ein wenig viel Drama für eine Person sein. Dabei steht Andrew Scotts zurückgenommene, auf Nuancen im Spiel mit den Augen und der Körperhaltung aufbauende Performance aber oft im direkten Kontrast zu der von Brendan Fraser („The Whale“). Letzterer gibt Eisenhower als überlebensgroße Autoritätsfigur. Erst im weiteren Verlauf erfahren wir, dass der spätere US-Präsident mit diesem Auftreten nicht nur seinen Untergebenen gegenüber Selbstsicherheit ausstrahlen will, sondern auch sich selbst Mut machen muss. Denn die von ihm nur sechs Wochen zuvor initiierte und überwachte Generalprobe für den D-Day ging katastrophal schief und kostete zahlreichen seiner Männer das Leben. Oscargewinner Fraser ist immer dann am wirkungsvollsten, wenn er mit Condon zusammenspielt und seine Figur Zweifel an den eigenen Fähigkeiten und Entscheidungen zeigen darf.

Überflüssige Zugabe

Für den letzten Part des Films verlässt „Pressure“ die eher intime Szenerie in Südengland. Maras gibt seinem Publikum doch noch ein wenig Action, indem er uns für eine Szenen-Collage mit aufs Schlachtfeld in der Normandie nimmt – was allerdings komplett unnötig ist. Schließlich ist die Story um den eindeutigen Mittelpunkt des Films, Captain Stagg, da längst auserzählt. Die Bilder der Landung der alliierten Soldaten an der französischen Küste sowie der anschließenden Gefechte sind adäquat, man sollte aber nicht erwarten, dass diese in irgendeiner Form mit „Der Soldat James Ryan“ mithalten könnten. Wir würden deshalb für zukünftige Videoabende gegebenenfalls empfehlen: Zehn Minuten vor Schluss einfach vom „Pressure“-Finale zum „James Ryan“-Opening rüberswitchen.

Fazit: Ein kontrolliert zurückgenommener Andrew Scott und ein mächtig aufdrehender Brendan Fraser sind die Highlights der als dialoglastiges, aber dennoch packendes Kammerspiel inszenierten Vorgeschichte zum alles entscheidenden Tag des Zweiten Weltkriegs.

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