Der Magier im Kreml
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Der Magier im Kreml

Der Film der Stunde?!

Von Christoph Petersen

1987 hat Oliver Stone mit „Wall Street“ einen Film gedreht, dessen Hauptfigur Gordon Gekko eigentlich ein verachtenswerter Charakter sein sollte – und trotzdem avancierte Michael Douglas’ „Gier […] ist gut!“-Verfechter zum Vorbild für zahllose Börsentrader*innen. Ein ähnliches Schicksal könnte in Zukunft theoretisch auch den titelgebenden Macht-Magier aus „Der Magier im Kreml“ ereilen, selbst wenn es dem Film am durchschlagenden Mainstream-Appeal eines „Wall Street“ fehlt: Angelehnt an den realen Putin-Chefideologen Wladislaw Surkow, liefert der fiktive Kreml-Fixer Vadim Baranov (Paul Dano) eine ziemlich eindrückliche Vorstellung davon, wie man im 21. Jahrhundert an die Macht kommt und – fast noch wichtiger – wie man sie behält.

Der zugrundeliegende Roman „Der Magier des Kreml“* ist erst 2022 erschienen – verfasst von Giuliano da Empoli, der als politischer Sachbuchautor und Ex-Berater des italienischen Regierungschefs ziemlich genau versteht, wovon er da schreibt. Die Verfilmung erscheint also vergleichsweise zügig. Doch wenn eine Vorlage als „Roman der Stunde“ angepriesen wird, muss man sich eben beeilen, damit daraus kein „Film von gestern“ wird. Aber zumindest diesen Vorwurf wird dem renommierten Autorenfilmer Oliver Assayas („Irma Vep“) ganz sicher niemand machen, schließlich werden viele der im Film angerissenen Strategien inzwischen sogar eher noch radikaler eingesetzt.

Putin verstehen oder ein Putin-Versteher?

Zugleich wird die gerade in der zweiten Hälfte thematisch ausartende Adaption aber sicherlich ähnliche Kritikpunkte wie der vielfach preisgekrönte Roman einstecken müssen: Putin kommt zu gut weg – und zugleich wird bei der erfundenen Begegnung zwischen einem amerikanischen Journalisten (Jeffrey Wright) und dem ebenfalls erfundenen Putin-Flüsterer Baranov nie so ganz klar, was genau nun Fakt und was Fiktion ist. Nur gehen gerade diese Einwände leider am Kern des Films vorbei, denn es geht am Ende weniger um Putin (versucht sich am schütteren Haar, aber zum Glück nicht am Akzent: Jude Law) oder Putins Russland, sondern vor allem um (absolute) Macht.

Vadim Baranov hat seinen amerikanischen Gast dabei wegen einer gemeinsamen Verehrung des anti-totalitären Autors Jewgenij Samjatin, dessen „Wir“ quasi als Vorgänger von George Orwells „1984“ gilt, eingeladen. Jetzt erzählt er ihm bei Kaffee und Kuchen seine Geschichte – wie er die neue Freiheit nach dem Auseinanderbrechen der Sowjetunion zunächst als Theaterregisseur und dann als Produzent möglichst aufmerksamkeitswirksamer Reality-TV-Formate nutzte. Und wie er, der offenbar verstand, was seine Landsleute wirklich sehen und hören wollen, schließlich zu einem der zentralen Berater des zum Ministerpräsidenten gekürten und als Präsidentschaftskandidat antretenden Wladimir Putin wurde…

Der von Paul Dano verkörperte Vadim Baranov (Paul Dano) ist zumindest in den groben Zügen dem tatsächlich existierenden Putin-Chefideologen Wladislaw Surkow nachempfunden. Gaumont International
Der von Paul Dano verkörperte Vadim Baranov (Paul Dano) ist zumindest in den groben Zügen dem tatsächlich existierenden Putin-Chefideologen Wladislaw Surkow nachempfunden.

Seit dem einschlagenden Erfolg seines auch als Mini-Serie veröffentlichten Terroristen-Biopics „Carlos – Der Schakal“ hat sich der ansonsten für klassische Autorenfilme wie die Kristen-Stewart-Meisterwerke „Die Wolken von Sils Maria“ und „Personal Shopper“ bekannte Olivier Assayas ein zweites Standbein als Polit-Biograf aufgebaut: Nach „Wasp Network“ über eine kubanische Spionagegruppe in den Neunzigern knüpft er sich jetzt das post-sowjetische Russland vor – und wieder ist offensichtlich eine Menge Recherchearbeit in den Film geflossen.

Immerhin ist wirklich alles mit drin – von Putins Wahl zum Präsidenten über den Zweiten Tschetschenienkrieg, das Kursk-Unglück, das Abräumen der Oligarchen, das Anheuern der Nachtwölfe und die Annexion der ukrainischen Krim. Dass Protagonist Baranov wirklich bei jedem zentralen politischen Winkelzug der letzten 20 Jahre mit im Raum saß oder sonst wie seine Finger mit im Spiel hatte, macht ihn fast zu einer Art totalitärem Forrest Gump.

Der Rausch der Macht

Dabei spielt Paul Dano die Figur aber so gar nicht wie eine graue Eminenz, die im Hintergrund ihre finsteren Pläne verfolgt, sondern als nahezu emotionslosen, nur ganz selten seine monotone Stimmlage hebenden oder senkenden Fixer, der einfach sehr gut ist in dem, was er tut. Das macht „Der Magier im Kreml“ quasi zu einer Kreml-Variante von „Ray Donovan“ oder dem autokratischen Gegenstück zu „The West Wing“ – man wird tatsächlich hereingezogen in die immerzu rasant durch die jüngere russische Geschichte eilende Erzählung …

… und man muss sich mitunter selbst herausziehen, um den Machtgierigen nicht auch noch versehentlich die Daumen zu drücken. Aber das macht da Empoli und Assayas nicht zu potenziellen Putin-Verstehern, sondern zu Autoren, die ihr Publikum für schlau genug halten, die Dinge auch ohne einen ständig erhobenen Zeigefinger zu durchschauen. Wobei das mit dem „Durchschauen“ irgendwann schon deshalb gar nicht mehr so einfach ist, weil „Der Magier im Kreml“ trotz seiner stolzen Laufzeit das Tempo sogar noch einmal erhöht. Dann wirken einige späte Episoden wie die Sotschi-Olympiade oder die Internet-Trollfabriken plötzlich, als hätte man sie eher pflichtschuldig auch noch mit hinzugefügt.

Fazit: Ein überzeugender zweieinhalbstündiger Crashkurs in allen Dingen Macht, der so viele verschiedene Ereignisse der jüngeren russischen Vergangenheit abhakt, dass diese in der zweiten Hälfte irgendwann nur noch so an einem vorbeirauschen.

Wir haben „Der Magier im Kreml“ beim Venedig Filmfestival 2025 gesehen, wo er als Teil des offiziellen Wettbewerbs seine Weltpremiere gefeiert hat.

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