Du & Ich und alle reden mit
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Du & Ich und alle reden mit

Die erwachsene RomCom-Variante von "Alles steht Kopf"

Von Gaby Sikorski

Erstaunlicher Fun Fact: Die Komödie „Perfetti Sconosciuti - Wie viele Geheimnisse verträgt eine Freundschaft?“ von Paolo Genovese, die hierzulande lediglich als DVD vermarktet wurde, entwickelte sich innerhalb weniger Jahre zum Film mit den meisten Remakes aller Zeiten – aktuell sind es 28! – und eroberte sich damit einen Platz im Guinness-Buch der Rekorde. Die deutschsprachige Neuverfilmung ließ nicht lange auf sich warten: Schon 2019 kam „Das perfekte Geheimnis“ unter der Regie von Bora Dagtekin, besetzt mit u. a. Elyas M'Barek, Florian David Fitz, Jella Haase und Karoline Herfurth, ins Kino und wurde einer der erfolgreichsten Filme des Jahres in Deutschland.

Du & ich und alle reden mit“, die neue Komödie von Paolo Genovese, wurde bereits zum Publikumshit in Italien, und – wer weiß? – vielleicht hat sie ja auch das Potenzial für einen neuen Remake-Rekord. Der Film ist nicht nur eine erwachsene RomCom-Version von „Alles steht Kopf“, sondern – literarisch betrachtet – auch die kunstvolle Überspitzung des inneren Monologs zu dramaturgischen Zwecken, alles gemixt mit einer fetten Packung Zeitgeist.

Das erste Date von Lara (Pilar Fogliati) und Piero (Eduoardo Leo) könnte so unkompliziert verlaufen – wenn nur die inneren Stimmen nicht wären... Capelight Pictures
Das erste Date von Lara (Pilar Fogliati) und Piero (Eduoardo Leo) könnte so unkompliziert verlaufen – wenn nur die inneren Stimmen nicht wären...

Lara, gespielt von Pilar Fogliati als komplizierte, aber durchaus selbstbewusste Frau mit Witz und Charme, ist ca. Ende 30. Sie restauriert Möbel, die sie ab und an auch gern mal umarmt. Manchmal nimmt sie sogar abstrus hohe Preise für ein von ihr bearbeitetes Möbelstück, weil sie es nicht verkaufen möchte. Und sie hat gerade ihre Beziehung zu einem verheirateten Mann beendet. Der leicht verunsicherte, eher brave Gymnasiallehrer Piero (von Edoardo Leo mit liebenswürdiger Sensibilität verkörpert) ist deutlich älter als Lara, aber noch ganz gut in Schuss. Er hat eine pubertierende Tochter und eine Exfrau, mit der er nach langer Zeit des Kummers um die gescheiterte Ehe eine Art neuen Status quo gefunden hat, was seine Rolle als Vater betrifft.

Der Film beginnt am Abend vor Laras und Pieros erstem Date, und zwar mit einer Diskussion: Pieros vier Persönlichkeiten können sich nicht einigen, welche Art von Kondomen er kaufen soll, während er auf dem Weg zu Lara unschlüssig vor dem gut sortierten Automaten einer Apotheke steht. Insgesamt streiten sich vier verschiedene Persönlichkeiten in Pieros momentan ziemlich verwirrtem Kopf, dargestellt als leicht düstere Bude, vollgestopft mit Erinnerungen, aber zugleich auch Bibliothek und Amtsstube. Bei Lara sieht es nicht viel anders aus, obwohl ihr Oberstübchen etwas besser aufgeräumt zu sein scheint. Auch sie hat vier verschiedene personifizierte innere Stimmen, die Laras Garderobe diskutieren und sich gleichzeitig über die angemessene Beleuchtung Gedanken machen.

In bester „Alles steht Kopf“-Manier geht es (nicht nur) im Kopf von Piero ziemlich heiß her – denn seine vier Persönlichkeiten sind sich nur in wenigen Dingen einig. Capelight Pictures
In bester „Alles steht Kopf“-Manier geht es (nicht nur) im Kopf von Piero ziemlich heiß her – denn seine vier Persönlichkeiten sind sich nur in wenigen Dingen einig.

Da gibt es Giulietta (Vittoria Puccini), eine Romantikerin im fliederfarbenen Chiffonkleidchen, die freizügige Trilli (Emanuela Fanelli), die punkige Rebellin Scheggia (Maria Chiara Giannetta) und schließlich Alfa (Claudia Pandolfi), die Stimme der Vernunft im lässig geschäftsmäßigen Hosenanzug. Piero muss sich seinerseits mit Romeo, Eros, Valium und dem Professor herumschlagen, dargestellt von Maurizio Lastrico, Claudio Santamaria, Rocco Papaleo und Marco Giallini. Schon die Namensgebung seiner inneren Stimmen zeigt das vergleichsweise schlichte Gemüt, das Piero auszeichnet, während es bei Lara insgesamt etwas komplizierter zugeht.

Natürlich gehören Romeo und Giulietta irgendwie zusammen, so wie auch die anderen ihre Entsprechung oder Ergänzung in der jeweils anderen Person finden. Doch das gilt es in dieser ebenso liebenswürdigen wie ironischen Komödie erst noch zu entdecken – wie so vieles andere, darunter der lustigste und schönste weibliche Orgasmus der letzten Kinojahre!

Die Tücken des ersten Dates

Statt der Goetheschen zwei Seelen, die – ach! – in seiner Brust wohnen, sind es hier also jeweils vier in den beiden Hauptpersonen. Diese acht verkörpern praktisch sämtliche Emotionen und Bewusstseinszustände, alle Ängste, Zweifel und Hoffnungen, die zum Menschen gehören wie die Soße zur Pasta – und zwar häufig gleichzeitig, besonders in kritischen Situationen, zu denen auch das erste Date gehört. Was kann man da alles falsch machen …

… und was passiert, wenn man wirklich alles falsch macht? Aus Angst davor sorgen die personifizierten inneren Stimmen für ordentlich Krawall in Gestalt von Streitgesprächen und für jede Menge kunterbunte Verwirrung. Die zwei Quartette begleiten Lara und Piero durchs gemeinsame Abendessen und durch alle Stationen des Kennenlernens, vom Tisch bis ins Bett und wieder hinaus. Sie quatschen ständig dazwischen, kommentieren jeden Satz und jeden Versprecher und mischen sich in alles ein, mal ironisch, mal voller Optimismus und oft auch misstrauisch und zweifelnd.

Einen neuen Remake-Rekord wird „Du & ich und alle reden mit“ anders als Paolo Genoveses Komödie „Perfect Strangers“ eher nicht aufstellen. Capelight Pictures
Einen neuen Remake-Rekord wird „Du & ich und alle reden mit“ anders als Paolo Genoveses Komödie „Perfect Strangers“ eher nicht aufstellen.

Während Alfa dazu neigt, Piero unter Generalverdacht zu stellen, weil er ein Mann ist, beteuert Scheggia ihre Unabhängigkeit, und Trilli würde am liebsten sofort zur Sache kommen – warum nicht gleich auf dem Esstisch? Als einzige glaubt die liebenswert naive Giulietta an das Gute in Piero und an die große Liebe, ebenso wie Romeo, der in Pieros Kopf versucht, sich gegen Valiums trägen Zynismus und gegen die ewigen Bedenken des Professors durchzusetzen. Eros wartet seinerseits mit verwegen geöffnetem Hemd und kessem Blick darauf, dass er endlich auch mal mitspielen darf. Das alles ist vielleicht – besonders mit Blick auf „Alles steht Kopf“ – nicht hundertprozentig originell, aber es ist verdammt gut durchdacht, extrem unterhaltsam und sehr, sehr witzig.

Dialogwitz und Situationskomik treibt „Du & ich und alle reden mit“ immer wieder auf spielerische Art und Weise auf die Spitze. Es gibt jede Menge Gelegenheiten für tolle Dialoge und gelungene Oneliner: „Heilige Madonna, was für ein trauriger Kuss!“ – „Willkommen in der siebten Klasse!“, heißt es gleich zu Beginn, wenn sich Lara und Piero begrüßen. Hier stimmt einfach die komödiantische Prämisse, die nach Tempo, Timing und schnellen Schnitten geradezu schreit.

Von alten und neuen Rollenklischees

Streng genommen ist „Du & ich und alle reden mit“ eine Dialogkomödie mit Kammerspielcharakter, aber mit insgesamt zehn Personen in drei Settings. Die RomCom funktioniert durch die beständige Konkurrenz der inneren Stimmen untereinander und durch die Widersprüche und Konflikte, die sich daraus ergeben. Dabei galoppiert auch immer der Zeitgeist mit, und zwar in Gestalt von neuen und alten Klischees rund um Rollenbilder sowie den theoretischen und den gelebten Feminismus. Da geht es um Mansplaining („Was ist das eigentlich?“ – „Wieder so eine neue Wassersportart!“), aber auch um konkrete Probleme wie einen total unpassenden Schluckauf. Und dabei könnte eigentlich alles so einfach sein …

Fazit: Ein hübscher RomCom-Spaß mit einem Hauch von Tiefgang rund ums erste Date, bei dem die beiden Hauptpersonen weniger zu melden haben als ihre inneren Stimmen, die sich ständig untereinander befehden. Ein charmantes und originelles Kinoerlebnis trotz der Ähnlichkeiten zu „Alles steht Kopf“. Auch wenn der Film dadurch vermutlich kein Kandidat für einen neuen Remake-Rekord ist, bietet er jede Menge flotte, witzige Unterhaltung – und das ist ja eigentlich viel wichtiger!

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