Ein Abgesang mit Techno-Blitzen
Von Christoph PetersenFür seinen letzten Film „Parthenope“ hat Paolo Sorrentino – trotz prestigeträchtiger Premiere im offiziellen Cannes-Wettbewerb – ganz schön auf die Mütze bekommen. Wie er dort einfach nur zwei Stunden und 17 Minuten lang in der unbestreitbaren Schönheit seiner jungen Protagonistin schwelgt, widersprach im Jahr 2024 nicht nur dem vorherrschenden Zeitgeist. Die oberflächlichen Hochglanz-Reize gerieten auf Dauer auch reichlich dröge.
Vielleicht auch deshalb geht das „The Young Pope“-Mastermind mit „La Grazia“, immerhin Eröffnungsfilm beim Filmfest in Venedig, jetzt auf Nummer sicher: Mit seinem immer grandiosen Lieblingsstar Toni Servillo in der Hauptrolle dreht sich „La Grazia“ um ein Thema, das Sorrentino etwa in Filmen wie „La Grande Bellezza – Die große Schönheit“ oder „Ewige Jugend“ bereits häufiger verhandelt hat: alte (intellektuelle) Männer und was sie (noch) so umtreibt.
Dabei geht Paolo Sorrentino, wie man es von ihm nicht anders gewohnt ist, inszenatorisch direkt in die Vollen: Nach und nach wird der gar nicht mal so kurze §87 der italienischen Verfassung eingeblendet, in dem die Befugnisse des Staatspräsidenten aufgelistet werden. Vermeintlich trockene juristische Kost, die Sorrentino aber mit ersten durchdringenden Techno-Beats sowie einer Kampfjet-Flugstaffel, die in Ehrenformation und mit farbigem Rauch die italienische Nationalflagge an den Himmel malt, gewaltig aufpeppt.
Solche sich immer wieder einschleichenden Techno-Blitze auf dem Soundtrack passen zumindest vordergründig so gar nicht zu den staatstragenden Interieurs des Quirinalspalastes, wo nach Jahrhunderten der Päpste und Könige seit 1946 der italienische Staatspräsident residiert. Womöglich aber zeugen sie von einem anstehenden Wechsel, etwa wenn ein greiser portugiesischer Staatschef beim Staatsempfang in extremer Zeitlupe und samt rotem Teppich regelrecht hinfort geweht wird.
Andrea Pirrello
Und tatsächlich: Nachdem er das Land nach sechs überstandenen Staatskrisen in ruhige Gewässer gelenkt hat, bleiben dem Staatspräsidenten Mariano De Santis (Toni Servillo) nur noch sechs Monate im Amt. Seine letzten verbliebenen Aufgaben: die Entscheidung über zwei Gnadengesuche sowie das Unterschreiben eines von seiner Tochter Dorotea (Anna Ferzetti) ausgearbeiteten Gesetzes zur Sterbehilfe. Gerade letzteres würde allerdings seinem Image als gläubigem Katholiken und gutem Freund des Papstes zuwiderlaufen…
„La Grazia“ wirkt ein wenig wie zwei Filme in einem: Auf der einen Seite gibt es die gewaltigen Bilder, mit denen Paolo Sorrentino seinen Protagonisten in den auf den letzten Metern einsam gewordenen Räumen der Macht porträtiert. Dabei geht es ihm im Gegensatz zu seinen früheren, auf realen Vorbildern basierenden Politfilmen „Il Divo – Der Göttliche“ (Toni Servillo als 29 Mal angeklagter und 29 Mal freigesprochener Ministerpräsident Giulio Andreotti) und „Loro“ (Toni Servillo als Bunga-Bunga-Präsident Silvio Berlusconi) diesmal allerdings weniger darum, die Mächtigen zu entlarven.
Ganz im Gegenteil: Mariano ist als Top-Jurist zwar kein mutiger Staatspräsident, aber er hat über die Zeit die titelgebende „La Grazia“ entwickelt – die Fähigkeit zu erkennen, wann man sich auch einfach mal die nötige Zeit nehmen kann und in welchen Fällen man irgendwann trotzdem eine Entscheidung fällen muss, weil es einfach keine hundertprozentige Wahrheit geben wird. Das spiegelt sich auch in seinem Privatleben, in dem er seit 40 Jahren nicht darüber hinwegkommt, dass seine inzwischen verstorbene Frau einst mit einem Unbekannten fremdgegangen ist – und es ihn innerlich auffrisst, dass er „die Wahrheit“ nicht kennt.
Auf der anderen Seite ist „La Grazia“ aber auch ein – allzu – säuberlich gebautes Moralstück. Die Entscheidung über das Euthanasiegesetz passt dabei perfekt zu den beiden noch zu entscheidenden Gnadengesuchen: Zum einen hat ein Professor seine an Alzheimer erkrankte Frau erdrosselt, zum anderen eine Frau ihren Mann im Schlaf erstochen, nachdem sie 15 Jahre lang seine Folter ertragen hat. Und dann bricht auch noch Marianos Pferd zusammen – und der Staatspräsident muss entscheiden, ob es auf dem Boden der Reithalle über Tage hinweg qualvoll verenden oder doch einen Gnadenschuss bekommen soll. Da muss man schon sehr katholisch sein, um sich in seine Dilemmata vollends hineinfühlen zu können…
Fazit: Paolo Sorrentino versteht offensichtlich mehr von alten Männern als jungen Frauen – und so ist „La Grazia“ nach dem Fehlschlag „Parthenope“ definitiv ein Schritt zurück in die richtige Richtung. An seine zwei herausragenden Meisterwerke „La Grande Bellezza – Die große Schönheit“ (dafür fehlt die inszenatorische Wucht) und „Il Divo – Der Göttliche“ (dafür mangelt es an politischem Biss) reicht der neueste Wurf des „The Young Pope“-Schöpfers aber dennoch nicht heran.
Wir haben „La Grazia“ im Rahmen des Filmfest Venedig 2025 gesehen, wo er als Eröffnungsfilm als Teil des offiziellen Wettbewerbs seine Weltpremiere gefeiert hat.