Sisu: Road To Revenge
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Sisu: Road To Revenge

Der ultimative Actionfilm für alle, denen "Mad Max: Fury Road" nicht brutal genug ist

Von Julius Vietzen

Sisu: Road To Revenge“ wirkt auf den ersten Blick wie eine Fortsetzung nach Schema F, bei der einfach eine Bösewichtgruppe durch eine andere ersetzt wurde: Nachdem er sich in „Sisu“ noch im Alleingang durch ganze Horden von Nazi-Schergen geschnetzelt hat, bekommt es der rüstige Einzelgänger Aatami (Jorma Tommila) dieses Mal mit sowjetischen Soldaten zu tun. Doch dieser Eindruck täuscht. Denn nachdem Autor und Regisseur Jalmari Helander bei Teil 1 gewissermaßen noch seine deutlich brutalere und weniger mythologisch unterfütterte Variante von „John Wick“ auf das Publikum losließ, hat er mit der Fortsetzung nun quasi seine Version von „Mad Max: Fury Road“ gedreht (wie ja auch schon im Untertitel „Road To Revenge“ angedeutet wird).

An den unvergleichlichen Adrenalinrausch von George Millers Action-Meilenstein kommt „Sisu: Road To Revenge“ zwar nicht heran. Dafür begeistert Helander bei der Fortsetzung jedoch mit einem herrlich hassenswerten Bösewicht, hervorragenden, handgemachten Actionszenen und haufenweise „Das machen sie doch jetzt nicht wirklich!“-Momenten.

Aatami (Jorma Tommila) ist zurück – und klemmt sich dieses Mal hinters Steuer eines Trucks. Sony Pictures
Aatami (Jorma Tommila) ist zurück – und klemmt sich dieses Mal hinters Steuer eines Trucks.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs muss Finnland zahlreiche Gebiete an die Sowjetunion abtreten – darunter auch das Fleckchen Erde, auf dem Aatami einst mit seiner Familie gelebt hat, bevor diese von den Sowjets ermordet wurde. Also fährt er mit einem Laster über die Grenze, um sein Haus Holzbalken für Holzbalken auseinanderzunehmen, zu verladen und an anderer Stelle wieder aufzubauen.

Doch das bleibt natürlich nicht unbemerkt, weswegen ein KGB-Offizier (Richard Brake) ausgerechnet den Mann aus einem sibirischen Gefängnis freilässt, der einst Aatamis Frau und Kinder getötet hat: Yeagor Dragunov (Stephen Lang). Nachdem Aatami die ersten Soldaten, die sich ihm entgegenstellen, noch mit Leichtigkeit ausschaltet, setzt Dragunov bald Himmel und Hölle in Bewegung um seinen Widersacher auszuschalten, während dieser verzweifelt versucht, in seinem mit den Holzbalken beladenen Truck zur finnischen Grenze zu gelangen...

"Mad Max: Fury Road" lässt grüßen

In der obigen Synopsis klingt es bereits an: „Sisu: Road To Revenge“ ist über weite Strecken im Grunde genommen ein Roadmovie, wenn auch eines, das immer wieder von wilden Schießereien und gewaltigen Explosionen unterbrochen wird. Nach einem ruhigen, beinahe wortlosen und erstaunlich gefühlvollen Auftakt in Aatamis altem Haus bricht so dann auch schon im zweiten von insgesamt sieben Kapiteln des Films die Hölle los – und „Sisu: Road To Revenge“ bleibt fortan in ständiger Bewegung, mit nur wenigen kurzen Atempausen zwischendurch.

Das ist neben einigen kleineren Anspielungen und Bildzitaten auch die vielleicht deutlichste Parallele zu „Mad Max: Fury Road“, wo es schließlich ebenfalls „nur“ um einen von zahlreichen Verfolgern gejagten Truck ging – auch wenn Aatami anders als Tom Hardy und Charlize Theron nur in Begleitung seines Hundes (der für den Film allerdings kaum eine Rolle spielt) hinterm Steuer sitzt. Außerdem dreht Jalmari Helander wie bei dem offensichtlichen Vorbild den Action-Wahnsinn-Regler mit jeder verstreichenden Minute immer höher:

Im zweiten Kapitel wird so ein sowjetischer Soldat unter den Rädern von Aatamis Laster eingeklemmt und beim Anfahren dann durch die Windschutzscheibe eines Verfolgerautos geschleudert. In Kapitel 3 kommt es dann schon zu einer wilden Hatz mit Motorrädern, bei der Köpfe abgerissen und gleich zwei Soldaten in Blutfontänen zermantscht werden. Dass Helander bei dieser Verfolgungsjagd hier und da mal die Übersicht verliert und sie nicht ganz an die kinetische Wucht von „Fury Road“ herankommt, ist dabei spätestens beim nächsten von vielen gelungenen Gags verziehen – etwa wenn Dragunov seinen mit den Überresten eines Soldaten dekorierten Wagen nonchalant mit dem Scheibenwischer säubert.

„Sisu: Road To Revenge“ ist Action-Wahnsinn pur! Sony Pictures
„Sisu: Road To Revenge“ ist Action-Wahnsinn pur!

Sowieso ist „Sisu: Road To Revenge“ ein nochmal etwas spaßigerer Film als „Sisu“, obwohl es ja auch schon dort von überhöht-brutalen Gags wimmelte. Die Fortsetzung ist zwar weit davon entfernt, eine Komödie zu sein, aber dennoch haben die Kills und wahnwitzigen Einfälle in unserer Pressevorführung immer wieder für lautstarkes Johlen und jede Menge Heiterkeit gesorgt. Zum Beispiel, wenn Aatami in Kapitel 4 seine Holzbalken als Schutzschild gegen ein abstürzendes Flugzeug verwendet oder in Kapitel 5 sogar den ikonischen Truck Flip aus „The Dark Knight“ in puncto Irrsinn übertrifft (Stichwort: Tank Flip).

All das wird dann aber auch nochmals vom völligen Action-Exzess des sechsten Kapitels in den Schatten gestellt, für das nicht nur das Fortbewegungsmittel gewechselt wird und Aatami endgültig zum unaufhaltsamen Rachegott mutiert, sondern in dem es auch noch verrückter, blutiger und oft auch witziger als zuvor zugeht. Mehr wollen wir an dieser Stelle nicht verraten, daher nur so viel: Auf so kreative und gleichzeitig schmerzhafte Weise wie in „Sisu: Road To Revenge“ wurde wohl noch nie ein Messer versteckt!

Yeagor Dragunov (Stephen Lang) ist ein würdiger Gegner für Aatami. Sony Pictures
Yeagor Dragunov (Stephen Lang) ist ein würdiger Gegner für Aatami.

Neben dem ganzen Action-Irrsinn sollen aber auch zwei weitere Stärken von „Sisu: Road To Revenge“ nicht unerwähnt bleiben: Stephen Lang, der später im Jahr 2025 auch noch als Bösewicht in „Avatar 3: Fire And Ash“ zu sehen sein wird, spielt seinen Yeagor Dragunov als richtig schön verabscheuungswürdigen Psychopathen mit (in der Originalfassung) genüsslich-übertriebenem russischen Akzent, der Aatami in Sachen Abgebrühtheit mehr als ebenbürtig ist.

Und die Filmmusik von Juri Seppä und Tuomas Wäinölä, die auch schon für „Sisu“ verantwortlich zeichneten, ist ebenfalls exzellent. Der Score des finnischen Komponisten-Duos erinnert mal an Ennio Morricone, mal treibt er die Actionszenen mit hartem Heavy-Metal-Sound voran und schwingt sich auch immer wieder zu epischen Orchesterklängen auf, die vielen Momenten eine überraschende Emotionalität verleihen.

Fazit: Mit seiner ultrabrutalen Variante von „Mad Max: Fury Road“ ist Regisseur Jalmari Helander eine womöglich sogar noch unterhaltsamere Fortsetzung des ohnehin schon sehr guten „Sisu“ gelungen.

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