Artificial
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
Artificial

"The Social Network" für das ChatGPT-Zeitalter

Von Selina Sondermann

Erst vor knapp einem Monat zeigte Luca Guadagnino bei den Filmfestspielen von Venedig seine siebenstündige Dokumentation „Joie de Vivre“ über Regie-Legende Bernardo Bertolucci („1900“), nun präsentiert er mit „Artificial“ bereits seinen neuesten Spielfilm. Dieser hatte bereits vorab für mächtig Schlagzeilen gesorgt, da er wie der Großteil von Guadagninos Regiearbeiten seit „Suspiria“ (2018) in Zusammenarbeit mit Amazon MGM entstand, das Studio den Film nach dessen Fertigstellung aber nicht länger vertreiben wollte.

Die Ursache wurde mit Amazons kurz zuvor geschlossener Partnerschaft mit OpenAI in Verbindung gebracht – eine offizielle Bestätigung für diesen Interessenkonflikt gibt es jedoch nicht. Mit dem Independent-Verleih Neon fand sich aber ohnehin schnell ein neuer Partner für die Veröffentlichung der Unternehmens-Satire, die auch abseits der Kontroversen hinter den Kulissen nicht nur auf Begeisterung stoßen dürfte: Guadagnino punktet zwar mit inszenatorischer Brillanz, macht es seinem Publikum darüber hinaus aber nicht immer leicht.

Ilya Sutskever (Yura Borisov) und Sam Altman (Andrew Garfield) gehören zu den Gründern von OpenAI – doch die Zusammenarbeit ist nicht frei von Machtspielen und Interessenkonflikten. NEON
Ilya Sutskever (Yura Borisov) und Sam Altman (Andrew Garfield) gehören zu den Gründern von OpenAI – doch die Zusammenarbeit ist nicht frei von Machtspielen und Interessenkonflikten.

Nachdem Ex-Spider-Man Andrew Garfield in Luca Guadagninos Thriller „After The Hunt“ erst im vergangenen Jahr als Universitätsprofessor zu sehen war, der mit Vorwürfen sexueller Übergriffe konfrontiert wird, spielt er in „Artificial“ nun erneut eine zentrale Rolle: Sam Altman, den Mitbegründer des Software-Unternehmens OpenAI, das vor allem für seinen KI-Chatbot ChatGPT bekannt ist. Der Film setzt aber schon früher ein – und beginnt zunächst nicht mit Altman, sondern dem Studenten Ilya Sutskever (Yura Borisov, „Anora“), der sich mit künstlichen Nervensystemen beschäftigt und dem Informatik-Professor Geoffrey Hinton (Mark Rylance, der schon in Guadagninos „Bones And All“ mitspielte) an der Universität in Toronto förmlich die Bude einrennt.

Schnell beginnen die beiden zusammenzuarbeiten und entwickeln ein neuronales Netzwerk, das speziell auf die Verarbeitung visueller Daten ausgelegt ist. Auch wenn sie dafür anderswo deutlich mehr Geld hätten bekommen können, verkaufen sie ihre Entwicklung an Google – nicht zuletzt, weil sie verhindern wollen, dass die Technologie für militärische Zwecke wie den Einsatz von Kampfdrohnen genutzt wird. Aufgrund ähnlicher Interessen kreuzen sich Sutskevers Wege allerdings bald mit denen der Tech-Entrepreneure Elon Musk (Ike Barinholtz, „Bad Neighbors“) und Sam Altman, und da er sich von seinem Mentor ohnehin ausgebremst fühlt, wendet er sich von ihm ab. Die ungeduldigen jungen Männer wollen nicht länger auf die Zukunft warten, sondern diese selbst einläuten. Mit der Gründung von OpenAI öffnen sie die Büchse der Pandora – und der Film nimmt Fahrt auf.

Auch die Figuren wirken "artifiziell"

Wie eine unheilvolle moderne Version der Ritter der Tafelrunde sitzen die Akteure zusammen und schwelgen in ihrer Macht – wobei Sutskever ihr Interesse an seiner Forschung zunächst noch für aufrichtige Bewunderung seiner Fähigkeiten hält. Borisovs Spiel erinnert dabei zunächst an Sheldon Cooper aus „The Big Bang Theory“, da es von derselben Form von Starrköpfigkeit und sozialer Inkompetenz lebt. Von der ikonischen Sitcom-Figur unterscheidet ihn vor allem ein starker russisch-israelischer Akzent, der übrigens mit einem der fantastischsten Details des Films einhergeht – so subtil, dass es Zuschauer*innen kaum anhand einer einzelnen Szene auffallen würde: Mit jedem Jahr, das der Informatiker in Kanada und den USA verbringt, wird auch seine Aussprache deutlicher. Bei Elon Musk, der abseits der Leinwand offen über sein Asperger-Syndrom spricht, stehen ebenfalls die unkonventionelle Gestik und Sprechweise im Vordergrund. Ike Barinholtz imitiert diese so punktgenau und zugleich überspitzt, dass seine Darstellung auch einem „Saturday Night Live“-Sketch entstammen könnte.

Die Figuren treten derart befremdlich auf, dass der Filmtitel schon bald eine Doppeldeutigkeit bekommt. Diese Männer wirken selbst artifiziell – stets scheinen sie bestrebt, das Verhalten ihrer Mitmenschen zu imitieren. Selbstverständlich sind sie es, die eine Maschine lenken, die aus menschlicher Interaktion lernt und diese nachahmt. Greg Brockman (Cooper Hoffman, „The Long Walk“), der Sutskever als „der wohl amerikanischste Typ, den er je treffen werde“ vorgestellt wird und mit doppelter Lautstärke spricht und lacht, wirkt dabei ausgerechnet am menschlichsten. Zu diesem Eindruck des Künstlichen trägt auch die äußere Gestaltung der Figuren bei. Anders als in vielen anderen Produktionen stören die farbigen Kontaktlinsen, die Andrew Garfield zu Altmans blauen Augen verhelfen, hier keineswegs. Der dadurch erzielte Verfremdungseffekt, der ihm etwas Unwirkliches verleiht, scheint vielmehr gewollt. Auch die Gesichts- und Zahnprothesen sind so unauffällig, dass man als Zuschauer*in zwar instinktiv bemerkt, dass etwas an den Gesichtern der Darsteller*innen anders ist, es aber nicht genau bestimmen kann.

Zwischen Pinocchio und Peter Pan

Auch Sutskevers Unfähigkeit zu lügen lässt sich als Hinweis auf eine mögliche Neurodivergenz lesen. Lieber bricht er einen Vortrag in Montreal vorzeitig ab, anstatt sich eine Antwort zurechtzubiegen. Direkt zu Beginn des Films zieht Hinton einen Vergleich zum holzgeschnitzten Pinocchio. Um ein echter Junge werden zu können, müsse der Hampelmann mutig, ehrlich und uneigennützig sein. Während Sutskever sich dies fortan zum Leitfaden nimmt, wird er wie in Carlo Collodis Geschichte Manipulationen und Verführungen ausgesetzt, die ihn von seinem Weg abbringen sollen. Am deutlichsten wird dies in einer Restaurantszene mit einem potenziellen Investor, in der Altman und die spätere OpenAI-Technologiechefin Mira Murati (Monica Barbaro, „One Night Only“) wie Fuchs und Katze aus der „Pinocchio“-Geschichte versuchen, Sutskever mit dem Versprechen auf schnellen, mühelosen Reichtum um den Finger zu wickeln.

Sam Altman wirkt wie eine Fabelfigur für sich. Nicht nur seine eigenwillige Kleidung und Laufart, die an das ausgelassene Hopsen und Hüpfen eines Vorpubertären erinnert, zeugen davon. Wie das ewige Kind Peter Pan hat er kein Interesse daran, erwachsen zu werden und verdreht jede Geschichte so, dass er selbst als Held (oder Opfer) dasteht. Als vom Vorstand erste Bedenken zu seiner Führungsweise geäußert werden, resultiert dies in einem patzigen Anruf bei seinen Eltern. Es fallen buchstäblich die Worte: „Die sind gemein zu mir!“ Vieles an dieser Darstellung ist aktiv überzogen – aber um den Film geradeheraus als Komödie zu bezeichnen, ist die Thematik einfach viel zu bitter. Auf erschreckende Art und Weise zeigt „Artificial“, dass durch die Traumata und Eitelkeiten einzelner Männer unsere Welt nun vor dem Abgrund steht. Im Gegensatz zu den meisten Menschen werden die Verantwortlichen in ihren Überlebensbunkern aber vor persönlichen Konsequenzen sicher sein.

Der bessere "The Social Reckoning", aber ...

Bereits in „The Social Network“ (2010) mimte Andrew Garfield als Facebook-Mitbegründer Eduardo Saverin eine real-historische Figur im Clinch um die Gründung eines Milliardenkonzerns, der Vergleich zu David Finchers gefeiertem satirischen Drama liegt also nicht fern. Während es der von Drehbuchautor Aaron Sorkin inszenierte Nachfolger „The Social Reckoning“ unlängst an Elan und Biss vermissen ließ, sehen viele Kritiker*innen in „Artificial“ sogar die bessere Fortsetzung. Doch während es Sorkin an den kinetischen Regiefähigkeiten eines Fincher mangelt, fehlt Guadagnino das Drehbuch eines Wortzauberers wie Sorkin.

Das Skript für „Artificial“ stammt aus der Feder von „Saturday Night Live“-Schreiber Simon Rich und kann in erster Linie damit punkten, dass es die vielen technischen Entwicklungen für Laien verständlich aufbereitet. Zugleich muss vieles erst mühsam etabliert werden, bevor die eigentliche Geschichte um die Problematik Künstlicher Intelligenz wirklich beginnt. Obwohl der Film viel erklärt, ist ein wenig Vorwissen zudem von Vorteil. Das von Mira Murati in einem Gespräch scheinbar spontan angeführte Beispiel dafür, wie fehlende Sicherheitsvorschriften Menschenleben kosten könnten („Was, wenn ein suizidales Mädchen ChatGPT um Hilfe bei ihrem Suizid bittet?“), ist etwa keineswegs aus der Luft gegriffen: Ein vergleichbarer Fall ist Gegenstand des laufenden Rechtsstreits Raine gegen OpenAI.

Die Zukunft der Künstlichen Intelligenz liegt in den Händen einer kleinen Gruppe von Tech-Enthusiasten – mit potenziell gewaltigen Folgen für die ganze Welt. NEON
Die Zukunft der Künstlichen Intelligenz liegt in den Händen einer kleinen Gruppe von Tech-Enthusiasten – mit potenziell gewaltigen Folgen für die ganze Welt.

Malik Hassan Sayeed, der bereits für die kühlen, kalkulierten Bilder von „After The Hunt“ verantwortlich war, darf in „Artificial“ erneut die Bildgestaltung übernehmen. Sein Stil bildet praktisch das genaue Gegenteil zu den intimen, gefühlvollen Einstellungen von Guadagninos Stammkameramann Sayombhu Mukdeeprom („Call Me By Your Name“). Das Verhältnis der Charaktere zu den Orten und Räumen, die sie einnehmen, scheint beinahe mathematisch akkurat ausgerechnet worden zu sein. Alles wirkt extrem präzise, aber auch durchgehend distanziert und unnahbar.

Einzelne Bilder brennen sich aber ein – etwa wenn ein Algorithmus direkt auf die Kameralinse geschrieben wird. Oder wenn, in Zeitlupe verlangsamt, in den Büroräumen ein Erfolg gefeiert wird, während sich Sutskever und Altman im Vordergrund in anderem Tempo bewegen. Obwohl sich die Frage stellt, ob es dramaturgisch wirklich nötig ist, Sutskevers Werdegang zwischen 2003 und 2023 derart akribisch nachzuzeichnen: Die Vielzahl an ausgefeilten Sets und Locations für jede noch so kleine Szene ist beeindruckend. Gerade weil sich viele moderne Produktionen gerne auf an einer Hand abzählbare Figuren und Schauplätze beschränken, stechen die gestalterische Bandbreite und Hingabe zum Detail in „Artificial“ umso deutlicher hervor – und zeigen, wie viel lebhafter sich ein tiefenscharf gezeigter Raum mit minutiös eingefangenen Feinheiten wie sichtbaren Essensrückständen, vollen Mülleimern und Bücherregalen anfühlt. Auch der Schnitt von Marco Costa ist brillant getaktet.

Viel Personal, wenig Tiefe

Ebenso lang wie die Aufzählung der Drehorte ist die Besetzungsliste: Im Minutentakt folgen neue Auftritte bekannter Gesichter, sodass man kurz davor steht, den Überblick zu verlieren. Zum bereits genannten Kern-Cast gesellen sich unter anderem „Star Wars“-Star Billie Lourd, Zosia Mamet („Girls“) und Cooper Koch („Monsters: The Lyle and Erik Menendez Story“). Auch Laura Dern („Blue Velvet“) ist als Stimme einer Künstlichen Intelligenz zu hören. Der Regisseur und sein Kostümbildner Jonathan Anderson haben zudem selbst Cameo-Auftritte als Kameramänner, die ein Interview Altmans begleiten.

Doch bei all dem Personal bleibt die psychologische, tiefergehende Ausarbeitung der Charaktere auf der Strecke. Dabei ist Guadagnino gerade dafür bekannt, menschliche Komplexität und Gefühlswelten meisterhaft zu visualisieren. Die Art und Weise, wie er Begehren in all seinen Facetten inszeniert, bleibt unerreicht. In „Artificial“ beraubt er sich durch seine offensichtliche Abneigung gegenüber einigen der Akteure jedoch seiner Geheimwaffe: der Empathie.

Fazit: „Artificial“ besticht in erster Linie durch technische Fertigkeiten wie eine ausgeklügelte Bildsprache und berauschenden Schnitt. Der Film landet seine Wirkungstreffer bezüglich der unberechenbaren Risiken Künstlicher Intelligenz mit voller Härte, allerdings müssen diese erst langwierig erarbeitet werden. Gelegenheitszuschauer*innen dürften bereits abgeschaltet haben, bevor es überhaupt dazu kommt.

Wir haben „Artificial“ beim BFI London Film Festival 2026 gesehen, wo der Film seine internationale Premiere gefeiert hat.

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