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    Puncture - David gegen Goliath
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Puncture - David gegen Goliath
    Von Lars-Christian Daniels
    Nein – als facettenreicher Charakterdarsteller ist der US-Amerikaner Chris Evans bisher nicht gerade in Erscheinung getreten. Nach ersten größeren Rollen in der Teenie-Klamotte „Nicht noch ein Teenie-Film" oder dem soliden Thriller „Final Call" stieg sein internationaler Bekanntheitsgrad vor allem dank des zweifachen Auftritts als feuriger Superheld Johnny Storm in „The Fantastic Four" und in der Fortsetzung „Fantastic Four - Rise Of The Silver Surfer". Mit „Captain America - The First Avenger" stieg er zuletzt zwar endgültig in die erste Starriege Hollywoods auf, aber er blieb in der Marvel-Verfilmung weniger aufgrund seiner schauspielerischen Qualitäten als vielmehr aufgrund seiner eindrucksvollen Muskelpakete im Gedächtnis. Dass Evans als Darsteller mehr zu leisten vermag, stellt er nun im Independentfilm „Puncture - David gegen Goliath" unter Beweis. Die Brüder Mark und Adam Kassen widmen sich in ihrem Justizdrama einem medizinischen Thema mit hohem Zündstoffpotential: der großen Infektionsgefahr, die in Krankenhäusern von benutzen Spritzen ausgeht. Die auf einer wahren Begebenheit beruhende Low-Budget-Produktion liefert interessante Einblicke hinter die Kulissen der Pharmaindustrie, ist bis zu einem Ausrufezeichen auf der Zielgeraden aber wenig spannend.

    Der drogensüchtige Anwalt Mike Weiss (Chris Evans) betreibt gemeinsam mit seinem Freund und Kollegen Paul Danziger (Mark Kassen) eine Kanzlei, die sich mit kleineren Versicherungsfällen mehr schlecht als recht über Wasser hält. Während Mike sich zu größeren Aufgaben berufen fühlt und das Rampenlicht sucht, muss Paul den Laden zusammenhalten und sich um einen Großteil des Tagesgeschäfts kümmern. Mike, der sich mit seinen Drogen-Eskapaden immer wieder selbst im Weg steht, wittert eine einmalige Chance, als ihm der Fall der Krankenschwester Vicky (Vinessa Shaw) zugetragen wird: Diese hat sich bei ihrer Arbeit auf der Station an einer kontaminierten Nadel gestochen und dadurch mit dem HI-Virus infiziert. Von ihr erfährt Mike, dass der kauzige Jeffrey Dancort (Marshall Bell) schon vor Jahren eine Sicherheitsspritze erfunden hat, die diese häufig auftretenden Infektionen verhindern könnte. Warum wird deren Markteinführung aber von der Pharmaindustrie boykottiert? Mike und Paul vertreten Vicky in einem „David-gegen-Goliath"-Prozess – und sehen sich vor Gericht mit skrupellosen Geschäftemachern und Lobbyisten konfrontiert...

    Allein in den Vereinigten Staaten infizieren sich jedes Jahr mehrere Tausend Krankenschwestern bei der Arbeit im Hospital mit HIV, Hepatitis C oder anderen gefährlichen Krankheiten. Noch deutlich erschreckender ist der Blick in die Entwicklungsländer: In Afrika und Asien sterben jährlich weit über eine Million Menschen, weil sie sich an einer wiederverwendeten Spritze tödlich infiziert haben. Die Geschichte von „Puncture – David gegen Goliath" rückt ein Thema ins Blickfeld, das nicht nur aufgrund der viel zu hohen Anzahl an AIDS-Toten weltweit Relevanz genießen sollte, bisher aber kaum den Weg in die Öffentlichkeit gefunden hat. Dass der Independent-Film der Kassen-Brüder trotz seines prominenten Hauptdarstellers in den USA nur in wenigen Lichtspielhäusern anlief und in Deutschland gar direkt in den Videotheken landet, ist angesichts der Brisanz des Stoffes nur schwer nachzuvollziehen.

    Nicht nur die thematische Relevanz, auch die darstellerische Qualität hätte einen Kinostart durchaus gerechtfertigt: Chris Evans liefert in seiner ungewohnt ernsten Rolle eine überzeugende Leistung ab. Sein Anwalt entspricht so gar nicht dem Klischee vom Armani tragenden Winkeladvokaten. Mike hält sich im Planschbecken einen Alligator, besorgt sich anstelle feinen italienischen Zwirns schon mal einen Billig-Anzug auf dem Wochenmarkt und brütet nach Feierabend nicht etwa fleißig über Gesetzestexten, sondern veranstaltet ausufernde Partys mit wilden Drogenexzessen. Die durch seinen Lebenswandel unweigerlich auftretenden Probleme mit seiner aufbrausenden Ehefrau und seinem konservativen Kanzleipartner Paul sorgen einleitend für die amüsanten Momente des Films und böten für sich genommen reichlich Stoff für eine amüsante Justiz-Variante von „Hancock". Doch die privaten Probleme des abgehalfterten Anwalts stehen in „Puncture" stets hinter der Haupthandlung um den Prozess gegen die Pharma-Bosse zurück.

    Dabei erreicht das Drehbuch aus der Feder von Chris Lopata leider nicht die Klasse von Steven Soderberghs „Erin Brockovich" oder von Sydney Pollacks spannender John-Grisham-Verfilmung „Die Firma", in denen ähnliche Auseinandersetzungen einzelner mit mächtigen Korporationen im Mittelpunkt stehen. Überhaupt spielen nur wenige Minuten des Films im Gerichtssaal – und dort wird dem Zuschauer kaum mehr geboten als die bekannten Versatzstücke des klassischen Justizthrillers. Ein verbohrter, schlecht gelaunter Richter, die Anfängerfehler und reihenweise abgelehnte Anträge eines engagierten Junganwalts - und schließlich die obligatorischen Drohungen der übermächtigen Gegenseite, nachdem der einsame Kampf des Nachwuchsjuristen erste Früchte trägt: Nichts, was man nicht schon oft besser gesehen hätte. Letztlich hält vor allem die gelungene Figurenzeichnung das Interesse am Geschehen wach, die im überraschenden Schlussakt zur vollen Wirkung kommt, wenn Mikes Freund Paul eine Schlüsselrolle übernimmt.

    Die brisante Thematik um die Infektionsgefahr von wiederverwendeten Nadeln liefert reichlich Diskussionsstoff, wird letztlich aber doch ein wenig zu oberflächlich abgehandelt. Erst nach einer guten Stunde nimmt „Puncture" spürbar an Fahrt auf. Bis dahin herrscht trotz der Zwischensequenzen um den bis zur Bewusstlosigkeit koksenden Anwalt immer wieder Leerlauf. Auch die Existenzängste des werdenden Vaters Paul, der die Kanzlei den Bach runtergehen sieht und sich um seine schwangere Frau sorgt, bergen zwar reichlich Potential, werden aber nicht wirklich überzeugend ausgespielt. Da ist es umso erfreulicher, dass die Kassen-Brüder gegen Ende doch noch die ausgetretenen Pfade des Genres verlassen und uns abschließend ein paar wirkliche Denkanstöße mit auf den Weg geben.

    Fazit: „Captain America" einmal anders - Chris Evans überzeugt als drogensüchtiger Anwalt in einem über weite Strecken konventionellen Justizdrama mit brisanter Thematik, dessen unerwartetes und überzeugendes Ende über manche vorangegangene Durststrecke hinwegtröstet.
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