The Toxic Avenger
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
The Toxic Avenger

Troma für Einsteiger

Von Christoph Petersen

Erst himmelhoch jauchzend, dann zu Tode betrübt: So in etwa muss sich auch „Blue Ruin“-Star Macon Blair gefühlt haben, als seine zweite Regiearbeit „The Toxic Avenger“ 2023 als Eröffnungsfilm des Fantastic Fest von den Fans frenetisch gefeiert wurde, sich dann aber trotzdem lange Zeit kein Verleih fand, der bereit war, das Remake des in Deutschland unter dem Titel „Atomic Hero“ veröffentlichten Videotheken-Klassikers der legendären Troma-Trash-Schmiede auch regulär in die Kinos zu bringen. Aber so eine Zeit im Giftschrank kann ja auch seine guten Seiten haben, speziell wenn irgendwann das Gerücht die Runde macht, dass der Film einfach viel zu extrem sei, um ihn auf ein breites Publikum loszulassen.

Zu dieser Erzählung passte dann auch, dass am Ende ausgerechnet Cineverse, also das Studio hinter den Extrem-Splatter-Megahits „Terrifier 2“ und „Terrifier 3“, für den Wischmopp-schwingenden Anti-Superhelden in die Bresche sprang. Aber wenig wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird – und tatsächlich: Der mit Easter Eggs gespickte „The Toxic Avenger“ hat sich seine FSK-18-Freigabe zwar redlich verdient, immerhin wurde für den zentralen Effekt einer Szene, in der jemandem seine gesammelten Gedärme durch ein aufgerissenes Arschloch herausquellen, sogar eine spezielle „Butt Guts Unit“ eingerichtet. Aber an die absolut gnadenlose Fuck-All-Attitüde der Troma-Hochzeit kommt die erstaunlich warmherzige Toxie-Neuauflage nicht heran.

Winston (Peter Dinklage) würde wirklich alles tun, um seinem Stiefsohn eine bessere Zukunft zu ermöglichen – Tutu tragen inklusive. Capelight Pictures
Winston (Peter Dinklage) würde wirklich alles tun, um seinem Stiefsohn eine bessere Zukunft zu ermöglichen – Tutu tragen inklusive.

Obwohl er nicht der leibliche Vater ist, kümmert sich Putzmann Winston (Peter Dinklage) seit dem Tod seiner Frau liebevoll um seinen Stiefsohn Wade (Jacob Tremblay). Aber die toxischen Abfälle an seinem Arbeitsplatz in der Chemiefabrik des örtlichen Großindustriellen Bob Garbiger (Kevin Bacon) fordern ihren Tribut: Wegen krebsartiger Wucherungen bleiben Winston nur noch wenige Monate – und dann deckt seine Krankenversicherung noch nicht mal die Behandlungskosten ab.

Doch zum ersten Mal in seinem Leben lässt Winston etwas nicht einfach auf sich sitzen. Stattdessen tunkt er seinen Wischmopp in eine radioaktive Substanz, um so den Safe seines Chefs zu knacken. Aber er wird entdeckt – und von Garbigers Schergen kurzerhand in ein Becken voller toxischer Chemikalien geworfen. Eigentlich sollte sich der Körper darin auflösen und keinerlei Spuren hinterlassen. Aber stattdessen mutiert Winston. Fortan besitzt er Selbstheilungskräfte und eine übermenschliche Stärke. Zugleich ist er aber auch völlig deformiert. Der Toxic Avenger (aka Toxie) ist geboren…

Das waren noch räudige Zeiten

Weil sich der Toxic Avenger zu ihrem mit Abstand größten Kassenschlager entwickelt hatte, achtete Troma selbst in den Fortsetzungen „Atomic Hero 2“ und „Toxie's letzte Schlacht“ zumindest auf ein gewisses Maß an Massentauglichkeit. Und mit „Toxic Crusaders“ erschien 1991 sogar eine 13-teilige Zeichentrickserie, die – flankiert von Videospielen und Comicheften – im Kinderprogramm ausgestrahlt wurde. Nach diesem Siegeszug durch die Popkultur kann man leicht vergessen, wie räudig die Anfänge des Kulthelden wirklich waren:

In „Atomic Hero“ liefern sich die bösen Bully-Teens einen Fahrerflucht-Wettstreit, bei dem es für totgefahrene Kinder und Senioren eine besonders hohe Punktzahl gibt – Nahaufnahme eines unter dem Reifen zerquetschten Kinderschädels inklusive. Außerdem ist Melvin Ferd (Mark Torgl) vor seiner Mutation alles andere als ein Sympathieträger, sondern ein notgeiler Nerd-Freak, der eher an den verschollenen dritten Kumpel von Beavis und Butt-Head erinnert. Auch die – erstaunlich gut gealterten, weil handgemachten – Gore-Effekte tun selbst heutzutage noch richtig weh, etwa wenn einem Kleinkriminellen die Hand in der Fritten-Fritteuse ordentlich durchgegart wird.

Unter dem Toxie-Kostüm steckt gar nicht Peter Dinklage, sondern die Schauspielerin Luisa Guerreiro. Capelight Pictures
Unter dem Toxie-Kostüm steckt gar nicht Peter Dinklage, sondern die Schauspielerin Luisa Guerreiro.

Aber all das geht heutzutage wohl wirklich nicht mehr. Stattdessen setzt Macon Blair von Anfang an alles daran, dass wir Winston mit seinen treu-traurigen Dackelaugen direkt ins Herz schließen. „Game Of Thrones“-Star Peter Dinklage spielt die tragische Figur des überforderten Alleinerziehers mit einer konsequenten Ernsthaftigkeit, die sich ganz wunderbar mit der überzeichneten Cartoonhaftigkeit der Giftmüll-Welthauptstadt Tromaville beißt. Aber irgendwann geht diese Suche nach einem emotionalen Kern auch auf Kosten des Tempos: Speziell Sohn Wade, verkörpert von Ex-Kinderstar Jacob Tremblay („Raum“, „Wunder“), bekommt angesichts der Tatsache, dass der Charakter kaum zum Unterhaltungswert des Films beiträgt, viel Platz eingeräumt.

Das Monsterkostüm selbst wirkt zwar, als sei es vor allem den knalligen Toxie-Actionfiguren zur Zeichentrickserie nachempfunden – aber dafür sieht man sofort, dass es tatsächlich handgemacht ist und nicht aus dem Computer stammt. (Einen Trick gibt es aber trotzdem, denn obwohl die Stimme weiter von Peter Dinklage stammt, verbirgt sich darunter in Wahrheit die Schauspielerin Luisa Guerreiro.) Ebenfalls handgemacht sind auch viele der Gore-Effekte – weshalb noch unverständlicher wird, warum Macon Blair die fraglichen Szenen regelmäßig mit CGI-Splatter anreichert.

Hier gilt das klassische Troma-Motto „Mehr ist mehr“ ausnahmsweise mal nicht: Das zusätzliche Pixel-Blut verstärkt nämlich nur die Künstlichkeit einzelner Szenen, selbst wenn der Gore zum allergrößten Teil handgemacht ist. Aber dafür sind die herrlich selbstironischen Auftritte von Kevin Bacon („Hollow Man“) und Elijah Wood („Maniac“) ein ziemlich wirkungsvolles Trostpflaster…

Fazit: Ein Remake von Fans für Fans, das lieber mit allerlei (Gast-)Stars auf der Toxie-Nostalgiewelle reitet, statt sich an die wahrhaft räudigen Seiten des Originals heranzuwagen. Das Ergebnis ist ein kurzweiliger Cartoon-Splatter, in dem einem Bösewicht zwar buchstäblich der Arsch aufgerissen wird, dem weniger CGI-Blutschwälle und mehr echte Grenzüberschreitungen aber trotzdem gutgetan hätten, um das subversive Schlechte-Geschmack-Versprechen hinter dem Namen Troma vollumfänglich einzulösen.

Wir haben „The Toxic Avenger“ beim Fantasy Filmfest 2025 gesehen.

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