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    Ausgerechnet Sibirien
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,0
    lau
    Ausgerechnet Sibirien
    Von Sascha Westphal
    Ein Mann um die 50 absolviert sein morgendliches Joggingpensum. Sein Weg führt ihn zwischen Bäumen und Wiesen am Rhein entlang und schließlich wieder zurück in eine typische deutsche Reihenhaussiedlung irgendwo am Rand von Leverkusen. Während er läuft, trägt er etwas überdimensionierte Kopfhörer und lauscht einer sonoren Männerstimme, die einen ziemlich schwülstigen Fantasy-Roman vorliest. Von Schamanen und Tiergeistern ist dabei die Rede, von großen Abenteuern und mystischen Begebenheiten, also von einer Welt und einem Leben, die kaum weiter von der Wirklichkeit des einsamen Joggers entfernt sein könnten. So beginnt „Ausgerechnet Sibirien", Ralf Huettners Culture-Clash-Komödie über einen mittleren Angestellten aus Deutschland, der sich während einer Dienstreise nach Sibirien in einen anderen Menschen verwandelt. Allerdings ist mit diesen ersten Momenten auch schon alles gesagt. Im Folgenden wird Huettner immer wieder mit diesem Gegensatz von schnöder Realität und magischer Imagination spielen. Aber letzten Endes ist das auch genau das große Thema unserer Zeit, oder anders gefragt: Wer fühlt sich nicht – wenigstens gelegentlich – als Geisel seines Alltags?

    Matthias Bleuel (Joachim Król), der Cheflogistiker einer rheinischen Modefirma, die noch fest in familiärer Hand ist, vereint so ziemlich alle Eigenschaften in sich, die rund um den Globus als typisch deutsch gelten. Er ist enorm pedantisch und allem Anschein nach gänzlich fantasielos. Allem Fremden steht er misstrauisch gegenüber und erwartet zugleich, dass sich jeder an seine Direktiven hält. Zudem ist er extrem spießig, was schon eine kurze Begegnung mit einem schwulen Paar offenbart, ungeheuer rechthaberisch, davon weiß seine Ex-Frau Ilka (Katja Riemann) ein Lied zu singen, und natürlich auch noch äußerst unflexibel. Kurz gesagt, es gibt kaum einen schlechteren Kandidaten für eine Geschäftsreise ins südsibirische Kemerovo. Trotzdem wird er von seinem Chef dort hingeschickt. Er soll die lokale Zweigstelle auf Vordermann bringen. Das gelingt ihm natürlich nicht. Aber dafür begegnet er der schorischen Sängerin Sajana (Yulya Men) und wird mit seinen verdrängten Sehnsüchten konfrontiert.

    Früher einmal war es die Begegnung mit dem Leben in Italien oder Spanien, die – so versprachen es zumindest Romane und Filme – den deutschen Spießer in einen gelösten Weltbürger oder wenigstens in einen entspannteren Europäer verwandeln sollte. Mittlerweile haben sich die südeuropäischen Länder allerdings eher Deutschland angenähert. Insofern muss es nun wohl die äußerste sibirische Provinz sein, in der ein Mann wie Matthias Bleuel dann endlich zu seinem wahren Ich finden kann. Ansonsten hat sich aber kaum etwas geändert. Michael Ebmeyer, von dem auch schon die Romanvorlage „Der Neuling" stammt, und sein Co-Autor Minu Barati bemühen in ihrem Drehbuch so ziemlich alle nur denkbaren Klischees; und die meisten davon waren schon vor 50 Jahren nicht mehr neu. Nur wäre der von Armin Rohde („Der bewegte Mann") gespielte Holger, der seinem ehemaligen Klassenkameraden Matthias gleich mehrmals hilft, damals ein typischer Gewinner des deutschen Wirtschaftswunders gewesen. Heute tritt er in der Rolle des so dubiosen wie schmierigen Geschäftsmanns auf, der im Wilden Osten zu Geld und einer deutlich jüngeren Frau gekommen ist.

    Selbst Ralf Huettner („Vincent will meer", „Die Musterknaben"), der vor allem in den 90er Jahren mit Genreproduktionen wie „Babylon" und „Der kalte Finger" sowie mit der Fernsehserie „Um die 30" zu den mutigsten und innovativsten Filmemachern gehörte, ergibt sich mehr oder weniger kampflos den Klischees. Von Anfang an lässt sich zwar erahnen, dass ihn die Sehnsucht seines Protagonisten nach einem anderen Leben gereizt haben muss. Schließlich hat er schon in „Um die 30" und in seiner überaus einfallsreichen romantischen Komödie „Mondscheintarif" Funken aus den Widersprüchen zwischen Wunsch und Realität geschlagen. Doch weder die Geschichte noch die Figuren in „Ausgerechnet Sibirien" lassen Huettner einen großen Spielraum. Alles verläuft ohne jegliche Überraschungen in den erwartbaren Bahnen. Selbst Joachim Król („Lautlos", „Wir können auch anders...") wirkt ein wenig unbeteiligt, Matthias Bleuels Macken sind einfach zu banal. Die sibirische Landschaft verleiht seiner Geschichte zwar noch ein gewisses Flair. Aber selbst die Natur und ihre Weite wirken hier längst nicht so eindrucksvoll wie noch in der Dokumentation „Russland - Im Reich der Tiger, Bären und Vulkane".

    Ein einziges Mal gelingt es Huettner und Król, in die psychologischen und spirituellen Tiefen vorzudringen, die sich eigentlich schon in den ersten Bildern der Komödie andeuten. Durch die Musikerin Sajana hat Matthias die Chance, an einem alten schamanistischen Ritual der Schoren teilzunehmen. Er, der immer betont hat, dass er nicht tanzt, beginnt plötzlich, sich rhythmisch zu bewegen. Zunächst sind es nur die Füße, dann verliert er mehr und mehr die Kontrolle, wird vom Zuschauer zum Tänzer und irritiert damit nicht nur Sajana. Was in diesem Moment wirklich geschieht, bleibt offen. Matthias selbst spielt es herunter. Aber Joachim Króls Performance, der selbstvergessene Ausdruck auf Matthias' Gesicht, die überraschenden Tanzbewegungen, in denen sich Unsicherheit und Anmut untrennbar verbinden, deuten nachdrücklich auf eine spirituelle Erfahrung hin. Zudem scheinen auch die Bilder selbst auf einer Frequenz zu schwingen, die eine Welt von Geistern und Schamanen durchaus real erscheinen lässt.

    Fazit: Es gibt sie durchaus, die Momente, in denen Ralf Huettner und sein Star Joachim Król aus dem biederen Komödien-Einerlei ausbrechen, das die beiden Drehbuchautoren Michael Ebmeyer und Minu Barati ihnen angerührt haben. Doch nicht einmal gelegentliche Anflüge eines schamanistischen Kinos können letztlich all die hier versammelten Klischees über pedantische Deutsche und den sibirischen Schlendrian überwinden. Dafür ist die Geschichte des wackeren Logistik-Spezialisten einfach zu einfallslos.
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