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    Die Bücherdiebin
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Die Bücherdiebin
    Von Carsten Baumgardt

    Wenn ein Kinofilm mit einem spezifisch deutschen Thema im Ausland für Aufsehen sorgt, dann geht es bis heute meistens um die Zeit des Nationalsozialismus – das gilt für einheimische Produktionen wie „Das Boot“ und „Der Untergang“ ebenso wie für Hollywood-Werke mit Deutschland-Bezug wie „Schindlers Liste“ und für Co-Produktionen wie „Operation Walküre“ und „Der Vorleser“. Eine solche ist nun auch die deutsch-amerikanische Zusammenarbeit „Die Bücherdiebin“, die in Deutschland mit internationaler Besetzung auf Englisch gedreht wurde. Der britische TV-Regisseur Brian Percival („Downton Abbey“) verfilmt Markus Zusaks Jugendbuchbestseller als Münchner Kriegsgeschichte mit kosmopolitischem Flair, die vor allem durch die herausragende Ausstattung, sorgfältige Kameraarbeit und  überzeugende Schauspielleistungen besticht.  Allerdings gerät das Drama vor allem durch die märchenhafte Überhöhung der fiktiven Geschichte vor historischem Hintergrund gelegentlich an den Rand des Edelkitsches.

    Februar 1938: Die neunjährige Liesel Meminger (Sophie Nélisse) wird gemeinsam mit ihrem kleinen Bruder (Julian Lehmann) von ihrer leiblichen Mutter (Heike Makatsch), die in einer Notlage keine andere Wahl sieht, zu einer Pflegefamilie gegeben. Der Junge überlebt die strapaziöse Reise nach München in die Himmelstraße zu Hans (Geoffrey Rush) und Rosa Hubermann (Emily Watson) nicht, während Liesel dort starke Eingewöhnungsprobleme hat. Zwar mag sie Hans, doch zu der garstigen Rosa findet das Mädchen zunächst keinen Draht. Erst ihre Freundschaft zum Nachbarsjungen Rudy (Nico Liersch) verschafft der Analphabetin Liesel Zugang zum Leben in ihrem Viertel. Unterstützt von ihrem Pflegevater holt sie das Lesenlernen mit Riesenschritten nach. Als Hans eine alte Schuld einlösen muss und den von den Nazis verfolgten Juden Max (Ben Schnetzer) in seinem Haus aufnimmt, gerät die ganze Familie in große Gefahr. Davon unbeeindruckt freundet sich Liesel mit dem Flüchtling Max an… und verschafft sich auf nicht ganz legale Weise beim Bürgermeister Hermann (Rainer Bock) und dessen Frau Ilsa (Barbara Auer) Lesefutter für ihre frisch entfachte Lust am geschriebenen Wort.

    Acht Millionen Exemplare hat der Deutsch-Australier Markus Zusak von seinem Roman „Die Bücherdiebin“, der in mehr als 30 Sprachen übersetzt wurde, weltweit verkauft. Der 1975 in Sydney geborene und auch dort aufgewachsene Zusak schöpft sein Wissen um die dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte hauptsächlich aus den Zeitzeugenberichten seiner deutschen Mutter und seines österreichischen Vaters, die ihm von ihren eigenen Erfahrungen im Dritten Reich erzählten, von der Judenverfolgung und den Bombennächten in München. Diese Schilderungen nutzte Zusak als eher grobe Grundlage für seine ansonsten frei erfundene Erzählung von der „Bücherdiebin“ - und Drehbuchautor Michael Petroni („Die Chroniken von Narnia – Die Reise auf der Morgenröte“) folgt ihm auf diesem Weg. Anders als bei vielen berühmten Filmen über Holocaust und Nazizeit handelt es sich hier also nicht um die Nacherzählung konkreter, historisch verbürgter Einzelschicksale wie etwa bei Steven Spielbergs „Schindlers Liste“ oder Roman Polanskis „Der Pianist“, die ihre so intensive und schockierende Wirkung zumindest zum Teil dem Wissen des Zuschauers um diesen Tatsachengehalt schulden. In „Die Bücherdiebin“ werden allerdings nur einzelne Versatzstücke aus der Zusakschen Familiengeschichte in eine ansonsten weitgehend fiktive Erzählung über ein fiktives Mädchen eingewoben und das erweist sich als Vor- und Nachteil zugleich.

    Zusak hat die erzählerische Freiheit einer erfundenen Hauptfigur für ein ungewöhnlich sensibles und zugleich beispielhaftes Porträt des Erwachsenwerdens unter schwierigsten Bedingungen genutzt, das Brian Percival und die bemerkenswerte Jungdarstellerin Sophie Nélisse einfühlsam und in feinen Facetten auf die Leinwand bringen. Zugleich wird die Geschichte des Mädchens aber auch immer wieder mit sanftem Druck auf die Tränendrüse märchenhaft überhöht und bei diesem Versuch, der Erzählung einen archetypischen Anstrich zu geben, gleitet der Film zuweilen in Richtung kitschiger Klischees ab, während die Realität von Weltkrieg und Verfolgung aus dem Fokus gerät. Das wiederum ist geradezu paradox, denn die Detailtreue der Bauten, die Regisseur Brian Percival im Studio Babelsberg, in Berlin und in Görlitz errichten ließ, ist beeindruckend und dazu werden die Rituale der Nazis mit beängstigender Inbrunst zelebriert: von der Bücherverbrennung über das martialische Schmettern des Deutschland-Liedes bis zu den indoktrinierten Kindern, die Judenhass und Kriegslust verbreiten.

    Die Schrecken der Zeit werden also im Großen wie im Kleinen (so sieht man auch rekordverdächtig viele Nazi-Flaggen durch den Film wehen) mit viel Mühe und Aufwand dargestellt, das Klima der Angst und der Anpassungsdruck wird durchaus immer wieder lebendig, aber vor allem wird „Die Bücherdiebin“ durch eine Stimmung von menschlicher Wärme geprägt. Denn im Kern ist der Film ähnlich wie „Der Vorleser“ weniger eine Kriegsgeschichte als eine Coming-Of-Age-Erzählung vor historischem Hintergrund. Dieser Spagat gelingt Percival, der sich im Übrigen recht eng an die Vorlage hält (wobei etwa die Stimme des Todes/Erzählers im Film weniger präsent ist als im Buch), nicht immer perfekt, dafür findet Kameramann Florian Ballhaus („Der Teufel trägt Prada“, „R.E.D.“) Bilder von rau-düsterer Poesie, während John Williams eine tolle majestätische Filmmusik beisteuert, für die er seine 49. (!) Oscar-Nominierung erhielt. Der Geist des Romans bleibt im Film spürbar, was auch ein Verdienst der Schauspieler ist.

    Zu der oft schon fast märchenhaften Erzählweise passt auch die Anlage der Figuren. So könnte der Kontrast zwischen Liesels Pflegeeltern, zwischen der Derbheit der wie ein Kesselflicker fluchenden „Mutter“ Hubermann und dem sanft-gutmütigen „Vater“ Hubermann, kaum größer sein, doch der Gegensatz wird durch die Darsteller auf ein menschliches Maß zurechtgestutzt: Emily Watson („Geliebte Lügen“, „Gefährten“) spielt eben kein keifendes Klischee-Weib, sondern enthüllt nach und nach ungeahnte Nuancen weiter, bis irgendwann das Herz der Figur offenliegt, während Geoffrey Rush („Shine“, „Fluch der Karibik“) eine stille Studie tiefer Menschlichkeit beisteuert. Die wahren Stars sind aber die Kanadierin Sophie Nélisse („Monsieur Lazhar“) in der Hauptrolle und ihr deutscher Co-Star Nico Liersch („Kokowääh 2“), der mit großer Natürlichkeit beeindruckt. Nélisse wiederum besitzt eine erstaunliche Leinwandpräsenz, die ihr erlaubt, den Film tatsächlich auf ihren schmalen Schultern zu tragen. Ihre Liesel ist eine spannende Mischung aus Rebellin und Behüterin, aus Streberin und Göre  - eine perfekte Bücherdiebin also.

    Fazit: Internationales Kino made in Germany: Regisseur Brian Percival legt mit „Die Bücherdiebin“ eine gediegen-gefühlvolle Verfilmung von Markus Zusaks Jugendbuch-Bestseller vor.

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