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    Das unerwartete Glück der Familie Payan
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Das unerwartete Glück der Familie Payan
    Von Thomas Vorwerk

    Eine bewährte Strategie lässt junge Regisseure ihre eigenen Kurzfilme zu abendfüllenden Spielfilmen „ausweiten“, so basieren etwa „Whiplash“, „Der Babadook“, „A Girl Walks Home Alone At Night“ und die beiden Neill-Blomkamp-Filme „District 9“ und „Chappie“ auf früheren kurzen Arbeiten ihrer Macher. In diese Kategorie fällt nun auch „Das unerwartete Glück der Familie Payan“, das Langfilmdebüt der Französin Nadège Loiseau. Die quirlige Familienkomödie um eine späte Schwangerschaft hieß als Kurzfilm 2013 „Le locataire“, der Originaltitel der 100-Minuten-Version lautet nun jedoch witzigerweise „Le petit locataire“, also „Der kleine Mieter“. Die „Verlängerung“ tut dem Stoff in diesem Fall allerdings nicht uneingeschränkt gut, der amüsante und gut gespielte Film ist überfrachtet und auf die Dauer nicht gerade tiefschürfend.

    Nicole Payan (Karin Viard) arbeitet hauptberuflich als Kassiererin in einem Mauthäuschen und ist mit 49 eigentlich in einem Alter, wo sich das Leben langsam „eingefahren“ hat. Aber schon der Umstand, dass ihre umtriebige Tochter Arielle (Manon Kneusé) trotz längst erreichter Volljährigkeit noch im Jugendzimmer bei der Mama wohnt – zusammen mit ihrer eigenen kleinen Tochter Zoé (Stella Fenoillet) übrigens - , sorgt für einigen Alltagstumult. Und dann sind da noch Nicoles leicht verwirrte Mutter (Hélène Vincent), die von allen Mamilette genannt wird, und ihr seit zwei Jahren arbeitsloser Ehemann Jean-Pierre (Philippe Rebbot), der eine größere Stütze für den Haushalt sein könnte. Schließlich kommt es zum familiären Super-GAU und die eigentlich schon auf die Wechseljahre eingestellte Nicole wird schwanger …

    Gleich zu Beginn zeigt Regisseurin Nadège Loiseau, dass der Vier-Generationen-Haushalt schon mit sehr viel bescheideneren Herausforderungen als einer Schwangerschaft hoffnungslos überfordert ist: Vincent (Raphael Ferret), der ältere Sohn von Nicole und Jean-Pierre, der als Koch auf einem U-Boot der französischen Marine arbeitet, soll für einen Kurzbesuch im Hafen getroffen werden, doch schon das Verstauen der fünf Familienmitglieder im Kleinwagen erweist sich als fast unüberwindliches Problem und als die Sippe endlich am Ziel eintrifft, ist nur noch in der Ferne ein Periskop zu sehen. Nicole macht sich Vorwürfe, dass sie nie genug Zeit für ihre Kinder hatte. Das soll sich beim neuen Anlauf auf jeden Fall ändern …

    Die selten nach Plan laufende Betreuung der Jüngsten und Ältesten im Haus sorgt sowieso schon für reichlich Familientrubel, aber durch die Schwangerschaft wird natürlich alles noch chaotischer. Dabei klingen ziemlich ernsthafte Probleme an und die Zweifel am unfreiwillig veränderten Lebensentwurf erscheinen durchaus berechtigt, doch „Das unerwartete Glück der Familie Payan“ ist kein Sozialdrama, sondern funktioniert eher wie eine Sitcom: Hier werden selbst Ohrfeigen und die halb ausgesprochenen Abtreibungswünsche des überforderten Jean-Pierre für ein paar lockere Pointen genutzt. Wenn die kleine Zoé keine Schlüpfer mehr hat, soll sie den saubersten umkrempeln und wenn die nicht mehr taufrische Schwangere wegen Stress wieder in Ohnmacht fallen könnte, gibt ein Pulsmesser akustischen Alarm, was aber niemand in der Familie ernstnimmt.

    Beizeiten übertreibt es die Regisseurin mit der überdrehten Komik etwas, wie auch mit den zahlreichen Nebenhandlungen, die den einzelnen Familienmitgliedern wohl mehr Kontur verschaffen sollen, die aber den Film überladen wirken lassen. Dass etwa Nicole von seltsamen Fantasien geplagt wird, die ihren Frauenarzt involvieren, oder dass Jean-Pierre davon träumt, seine Karriere als Turntrainer wiederzubeleben, bringt den Film ebenso wenig voran wie der aus Kindertagen gerettete Code, den Arielle benutzt, wenn sie ihren großen Bruder in Postkarten über die neuesten Entwicklungen in der Familie unterrichtet – zumal bei all dem auch längst nicht alle Pointen zünden. Überdies bleiben insbesondere die Nebenfiguren (Kollegen und ein fast schon zur Familie gehörender Pfleger aus Quebec) reine Stereotypen.

    Das ist schade, denn hier und da gibt es wirklich hübsche Ideen, die aber im erzählerischen „Alles wird ausprobiert“-Modus untergehen. Wenn Nicole mal wie in einer Halluzination über eine Weide stapft, wenn die Verbreitung froher Nachrichten nur an den Reaktionen abzulesen ist oder wenn die Szene am Hafen zum Schluss wiederaufgegriffen wird, dann spürt man das Potenzial des Stoffes. Und auch die Darsteller zeigen über den lockeren Spaß hinausgehende Ambitionen, allen voran Hauptdarstellerin Karin Viard aus „Delicatessen“ oder „Verstehen Sie die Béliers?“ und „Omilein“ Hélène Laurent, die einst für „Das Leben ist ein langer ruhiger Fluss“ mit dem César ausgezeichnet wurde. Aber das (Zuschauer-)„Glück“ aus dem Filmtitel will sich nicht ganz einstellen.

    Fazit: „Das unerwartete Glück der Familie Payan“ wirkt so, als hätte man drei Episoden einer Familiensitcom zu einem dramaturgisch unausgereiften Spielfilm montiert: Das ist kurzweilig und abwechslungsreich, bleibt aber auch in jeder Hinsicht oberflächlich.

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