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    Gringo
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Gringo
    Von Christoph Petersen

    Nicht alle Mexikaner sind froh, dass „Gringo“ existiert. Schließlich wird in der Action-Komödie auch wieder das Bild der Mexikaner als drogenhandelnde Kartell-Gangster gezeichnet. Damit kommen sie im Vergleich zu ihren nördlichen Nachbarn allerdings noch ziemlich glimpflich davon – immerhin wird einem in Mexiko zumindest noch ehrlich in die Fresse geschossen, während einen die Firmenlenker der USA lieber von hinten das Messer in den Rücken rammen. Regisseur Nash Edgerton („The Square – Ein tödlicher Plan“) rechnet in seiner dunkelschwarzen Thriller-Groteske nämlich zuallererst mal mit den Arschlöchern in der Chefetage ab – und die werden von Charlize Theron und Joel Edgerton mit einer solch impertinenten Ruchlosigkeit verkörpert, dass es schon lange nicht mehr so viel Spaß gemacht hat, zwei Figuren aus vollem Herzen so zu hassen wie diese beiden rücksichtlosen Karrierekletterer.

    Als der für ein Werk in Mexiko zuständige Harold Soyinka (David Oyelowo) mitbekommt, dass seine Vorgesetzten Richard Rusk (Joel Edgerton) und Elaine Markinson (Charlize Theron) ihn nach einem anstehenden Firmenverkauf abservieren wollen, beschließt der Manager eines auf medizinische Marihuana-Produkte spezialisierten US-Konzerns, seine eigene Entführung vorzutäuschen und fünf Millionen Dollar von seinen Chefs zu fordern. Dumm nur, dass seine Bosse, die sich lieber die Prämien sparen wollten, die Entführungsversicherung gekündigt haben. Statt das Lösegeld zu überweisen, schickt Richard deshalb seinen Söldner-Bruder Mitch (Sharlto Copley) nach Mexiko, um das vermeintliche Entführungsopfer rauszuhauen. Unterdessen gerät Harold allerdings tatsächlich mit dem örtlichen Kartellboss (Carlos Corona) aneinander; und auch die in Mexiko urlaubmachende Gitarrenverkäuferin Sunny (Amanda Seyfried) sowie Harolds Frau Bonny (Thandie Newton) werden mit in das sich unkontrollierbar ausweitende Schlamassel hineingezogen…

    Auch wenn herausragende Shootout-Szenen fehlen, ist die Action in „Gringo“ gerade für eine Komödie solide inszeniert. Die schön böse Story, in der mit Ausnahme der herzensguten – und deshalb auch ein wenig langweiligen - Sunny wirklich jede Figur ihr Fett wegbekommt, erinnert zwar entfernt an solche schwarzhumorige Ensemble-Thriller wie „Jackie Brown“, „True Romance“ oder verschiedene Filme der Coen-Brüder wie „Burn After Reading“, ist letztendlich aber nicht so clever wie die Vorbilder. Die schiere Masse an Figuren suggeriert vielmehr eine Komplexität, die tatsächlich nur bedingt vorhanden ist. Deshalb sollte man den Plot auch lieber Plot sein lassen und sich besser ganz auf die oft wunderbar garstigen Gags konzentrieren.

    Nun hört man ja gerade von Sitcoms immer mal wieder Hinter-den-Kulissen-Gerüchte, dass die Stammschauspieler dort nicht nur um die Höhe der Gagen, sondern auch fleißig um die besten Gags feilschen würden. Da wird dann gerade in Ensemble-Serien wie „Friends“ mitunter penibel genau auf eine ausgewogene Witz-Verteilung zwischen den Castmitgliedern geachtet. Sollte es bei „Gringo“ auch so ein Ringen um die krachendsten Pointen gegeben haben, ist dies allerdings nicht mit einem Gleiches-Recht-für-alle-Remis ausgegangen, sondern mit einem glasklaren K.O.-Sieg für Charlize Theron („Mad Max: Fury Road“), die hier mit ihren Co-Stars regelrecht den Boden aufwischt.

    Ihre Elaine Markinson ist eine herrlich abgewichste und herrlich herablassende Badass-Bossin. Nachdem sie den Firmenkäufer Jerry (Alan Ruck) die ganzen Fusionsverhandlungen hindurch bewusst heißgemacht hat, will der nun endlich auch zum Schuss kommen. Also macht Elaine ihm abends im Restaurant ein Angebot: Er solle hier und jetzt seinen Penis rausholen – und wenn der sie beeindruckt, darf er sie mit zu sich nehmen; wenn nicht, dann wird fortan nur noch über das Geschäft gesprochen. Man muss wohl gar nicht extra erwähnen, dass der Penis natürlich in der Hose bleibt und der gerade noch so frohgemut-forsche Firmenlenker kleinlaut-winselnd einen Rückzieher macht.

    Würden wir in der Haut etwa von Amanda Seyfried („Mamma Mia 2“) stecken, würden wir uns schon fragen, was zum Teufel da eigentlich passiert ist, dass Theron so sehr vom Leder ziehen darf, während man selbst nicht eine einzige nennenswerte Szene abbekommt. Aber wir stecken nun mal nicht in ihrer Haut – und als Zuschauer ist es uns ehrlich gesagt ziemlich schnuppe, ob die Ensemblemitglieder nun alle ihren gleichen Beitrag liefern (dürfen), oder ob sich eben eine einzelne Schauspielerin wie hier Theron den Film krallt und ihn dann quasi im Alleingang rockt.

    Wobei das so ganz natürlich auch wieder nicht stimmt – denn selbst wenn der Oscargewinnerin (für „Monster“) hier niemand das Wasser reichen kann, gibt es schon auch eine ganze Reihe amüsanter Momente ohne sie: So darf Sharlto Copley („District 9“, „Elysium“) auch in der ambivalenten Rolle eines Söldners, der den Lohn für seine Auftragsmorde direkt wieder in humanitäre Projekte in Afrika investiert, wieder seinen ganzen Wahnsinn rauslassen. Und Joel Edgerton („Loving“, „Red Sparrow“) macht als Corporate-Arschloch eigentlich auch eine ziemlich gute Figur, wenn nur eben Theron nicht immer noch einen draufsetzen würde.

    Fazit: „Gringo“ ist eine kurzweilig-schwarzhumorige Ensemble-Action-Komödie mit einer Charlize Theron, die ihren Co-Stars gnadenlos die Show stiehlt.

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