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    Free Guy
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Free Guy

    "Die Truman Show" für die "GTA"-Generation

    Von Christoph Petersen
    Ein Blockbuster voll bunt-blinkender Computereffekte, der in einer Welt spielt, die offensichtlich vom Videospiel-Jahrhunderthit „GTA 5“ inspiriert ist – und dann tauchen auch noch reale Twitch-Megastars wie Ninja oder Pokimane darin auf. Alles an „Free Guy“ klingt zunächst mal nach einem zynisch durchkalkulierten Konzernprodukt beziehungsweise dem feuchten Traum einer Marketingabteilung, die sich mit allen Mitteln an die ach so hippe Gamer-Zielgruppe anzubiedern versucht. Selbst wenn man Supernerd Ryan Reynolds seine unbedingte Leidenschaft für das Sujet abnimmt, muss ja auch das nicht zwingend etwas heißen – vor „Deadpool“ kamen schließlich auch erst mal die Comic-Flops „Blade: Trinity“ und „Green Lantern“.

    Alle Befürchtungen waren umsonst


    Aber Pustekuchen: Regisseur Shawn Levy, der in seiner Karriere – von der supernervigen Familien-Komödie „Im Dutzend billiger“ bis zur verschleierten Google-Werbung „Prakti.com“ – schon haufenweise seelenlose Studioproduktionen abgedreht hat, liefert mit „Free Guy“ den Wohlfühl-Blockbuster der Saison! Die in einer Videospielstadt angesiedelte Fantasy-Action-Komödie ist im doppelbödigen Spiel mit Games-Konventionen nicht nur verdammt clever …

    … sie hat auch ein erstaunlich großes Herz, das sich trotz all der Bits & Bytes so viel echter anfühlt als das ganze Familien-Gelaber von Dom in „Fast & Furious 9“. Ist es zu hoch gegriffen, „Free Guy“ deshalb gleich als „Die Truman Show“ für die MMO-Generation zu kategorisieren? Natürlich ist es das! Aber er ist trotzdem viel näher dran, als die allermeisten von uns wohl je für möglich gehalten hätten…

    Ein supersympathisches Duo: Guy (Ryan Reynolds) und sein bester Kumpel Buddy (Lel Rel Howery).


    Guy (Ryan Reynolds) ist einfach nur ein Typ mit einem Goldfisch, der jeden Tag im gleichen blauen Hemd zur Arbeit als Kassierer in eine Bank geht. Auffällig ist dabei eigentlich nur, dass die Bank in jeder einzelnen Schicht dutzende Male überfallen wird – und dass es in Free City allgemein zum Stadtbild gehört, dass schwerbewaffnete Helikopter durch die Häuserschluchten sausen und sonnenbebrillte „Helden“ arglosen Passanten einfach ins Gesicht schlagen, ohne dass es diese groß jucken würde.

    Guy ist nämlich ein NPC (= nicht spielbarer Charakter) in einem Videospiel – und so macht er einfach nur das, was sein Code ihm vorschreibt. Zumindest bis er eines Tages dem mysteriösen Molotov Girl (Jodie Comer) auf der Straße begegnet. Fortan kriegt er sie einfach nicht mehr aus dem Kopf – und weicht immer mehr von seinen algorithmisch bestimmten Verhaltensweisen ab. Als er eines Morgens auf dem Weg zur Arbeit nicht den üblichen Kaffee, sondern einen Cappuccino bestellt, löst er damit eine kolossale Kettenreaktion aus…

    Nichts für Noobs


    Wenn Hollywoodfilme auf die Ästhetik von Videogames anspielen wollen, dann wird oft einfach nur ein Punktestand oder ein Lebensbalken in der oberen rechten Ecke eingeblendet – ganz egal, ob es in dem Moment gerade Sinn ergibt oder nicht. Aber „Free Guy“ ist in jeder einzelnen Minute vollgestopft mit Videogamereferenzen, die nicht nur stimmig mit den Konventionen des Genres spielen, sondern sie immer wieder auch mit satirischem Biss unterlaufen. In dem vermeintlich vogelwilden Treiben stecken unglaublich viele clevere, oft sogar subversive Ideen – nur werden sie einem nicht erklärt. Wer sich in der Welt von „GTA“ und Twitch so gar nicht auskennt, dürfte sich abgesehen von einer einsamen „Jeopardy!“-Anspielung schnell verloren fühlen.

    … und mittendrin zwischen all den Health Packs, Skins und Level Ups hat Ryan Reynolds offensichtlich die Zeit seines Lebens. Als – weit überdurchschnittlich attraktiver – Jedermann mit einer Vorliebe für Kaugummieis ist seine Begeisterung für Free City einfach nur hochgradig ansteckend (ein wenig erinnert er mit seiner naiven, aber einnehmenden Gutmütigkeit an Emmet aus „The LEGO Movie“). Außerdem ist es wohl vor allem der Popkultur-Leidenschaft (sowie den Branchen-Beziehungen) des Superstars zu verdanken, dass wir im Finale zumindest kurzzeitig ein Franchise-Crossover bekommen, dem Fans in der „Realität“ wahrscheinlich noch lange erfolglos entgegenfiebern werden. Auch seine Zweitrolle als muskelbepackter DUDE, der andauernd Platzhalterbegriffe wie „Catchphrase“ oder „Adjektiv“ verwendet, weil sein Charakter noch nicht fertig programmiert ist, erweist sich als selbstironisches Comedy-Gold.

    Die Entdeckung des Films: Nach den TV-Schirmen rockt Jodie Comer jetzt auch die Leinwand!


    Noch mehr als Ryan Reynolds ist allerdings Jodie Comer die eigentliche schauspielerische Überraschung des Films: Nachdem die Britin als auftragsmordende Soziopathin in „Killing Eve“ schon seit Jahren die Serienlandschaft aufmischt (und nebenbei Reys Mutter in „Star Wars 9“ verkörpert hat), gelingt ihr nun auf Anhieb der Sprung zum Leinwandstar. Ihre Rolle als Badass-Amazone reichert sie dabei mit einem ganz eigenen Vibe an (wobei das auch eh nur die Hälfte ihres Parts ausmacht, aber die andere wird hier aus Spoilergründen nicht enthüllt). Auch die Chemie zwischen Comer und Reynolds stimmt – was es nur noch erfreulicher macht, dass die Romanze zwischen den Hauptfiguren in „Free Guy“ am Ende nicht den klassischen Weg geht, sondern noch mal einen stimmigen kleinen Haken schlägt.

    Apropos Chemie: „Free Guy” steckt zwar voller Videospielaction – aber am Ende bleiben eben doch vor allem die sympathischen Momente im Gedächtnis: Guy will zwar möglichst schnell aufleveln, um Molotov Girl bei ihrer Mission helfen zu können – allerdings weigert er sich, dafür Gewalt anzuwenden, womit er als Blue Shirt Guy eine regelrechte (realweltliche) Revolution anstößt. Auch das mag sich im ersten Moment wieder wie belehrender Studio-Schmarrn anhören: Hollywood will den Gamern also erklären, dass es auch ohne Gewalt (sogar noch viel besser) geht. Doch auch hier gilt wieder: In „Free Guy“ ist das am Ende alles so clever und aufrichtig erzählt, dass man der geballten Herzlichkeit des Films eigentlich kaum widerstehen kann…

    Fazit: „Free Guy“ ist der Wohlfühl-Blockbuster des Sommers – nicht nur extrem unterhaltsam, sondern zudem auch noch supersympathisch. Ryan Reynolds und Jodie Comer rocken – und das Drehbuch ist so viel cleverer, als man es von Videospielfilmen aus Hollywood gewöhnt ist. Wer in seinem Leben noch nie „Grand Theft Auto“ oder ein vergleichbares Spiel gezockt hat, wird allerdings große Probleme haben, dem bunten Treiben auf der Leinwand zu folgen – „Free Guy“ hat zwar ein sehr großes Herz, aber nicht für Noobs.

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