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    Tatort: Tanzmariechen
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,5
    durchschnittlich
    Tatort: Tanzmariechen
    Von Lars-Christian Daniels
    Eingefleischte „Tatort“-Fans wissen: Die Begeisterung für die sprichwörtliche „fünfte Jahreszeit“ beschränkt sich im Polizeipräsidium der Karnevalshochburg Köln lediglich auf eine Hälfte des altgedienten Ermittlerduos. Während Publikumsliebling Freddy Schenk (Dietmar Bär) keine jecke Feier auslässt, outete sich sein zugezogener Kollege Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) schon 1999 im „Tatort: Restrisiko“ als Kostümmuffel – und musste sich ein Jahr später in der tollen Crossover-Folge „Tatort: Quartett in Leipzig“ trotzdem von seinem ostdeutschen Kollegen Bruno Ehrlicher (Peter Sodann) als vermeintlicher Karnevalist veralbern lassen. Auch Thomas Jauchs „Tatort: Tanzmariechen“ steht ganz im Zeichen des närrischen Trubels, dem Ballauf sich diesmal nicht entziehen kann, denn die Kölner Kommissare ermitteln kurz vorm 11.11. in einem Karnevalsverein. Trotz des ausgeprägten Lokalkolorits ist der 69. Einsatz von Ballauf und Schenk aber ein allenfalls durchschnittlicher Krimi: Drehbuchautor Jürgen Werner, der für sein mutiges Dortmunder „Tatort“-Konzept 2015 eine Grimme-Preis-Nominierung erhielt, verrichtet mit klischeebeladenen Figuren und einer überraschungsarmen Geschichte diesmal lediglich Dienst nach Vorschrift.

    Im Karnevalsverein „De Jecke Aape“ wird wenige Tage vor dem Start in die neue Saison die Tanztrainerin Elke Schetter (Katja Heinrich) tot aufgefunden. Die Kölner Hauptkommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär), die bei ihren Ermittlungen von ihrem Assistenten Tobias Reisser (Patrick Abozen) und vom Gerichtsmediziner Dr. Roth (Joe Bausch) unterstützt werden, finden zwar keine Tatwaffe, dafür aber reichlich Verdächtige: Zwischen den beiden Tänzerinnen Saskia Unger (Sinja Dieks) und Annika Lobinger (Natalia Rudziewicz) herrschte ein erbitterter Wettstreit um die Gunst der nun toten Trainerin, weil beide die Truppe als „Tanzmariechen“ anführen wollten. Außerdem hatte sich bereits zwei Monate zuvor ein weiteres talentiertes Mitglied der Tanztruppe, die junge Evelyn Pösel (Stella Holzapfel), das Leben genommen. Deren Vater Rainer (Tristan Seith) scheint den Selbstmord seiner Tochter besser zu verwinden als seine Frau Martina (Milena Dreissig), aber dafür richtet der Zorn des nach wie vor begeisterten Karnevalisten gegen den wohlhabenden Vereinspräsidenten Günter Kowatsch (Herbert Knauf), der mit Tradition wenig am Hut hat und seine Truppe auf Teufel komm raus ins Fernsehen bringen will...

    +++ Küsse im Polizei-Präsidium sorgen für Aufregung +++

    ... titelt die ARD auf ihrer „Tatort“-Homepage, dabei sind die Kölner Ermittler doch sichtbar um Deeskalation bemüht: Der konservative Freddy Schenk, bei dem schon der Kostümwunsch seiner offenbar namenlosen Enkeltochter („Zombie!“) eine mittelschwere Sinnkrise auslöst, kann gar nicht oft genug betonen, dass er mit küssenden Männern auf der Dienststelle überhaupt kein Problem hat. Das ewige Schwingen der Toleranzkeule mündet aber in den gegenteiligen Effekt: Je häufiger Schenk sich nach dem flüchtigen Wangenküsschen von Assistent Tobias Reisser und dessen Freund David Mühlberger (Marc Rissmann) entspannt und verständnisvoll gibt, desto verkrampfter wirkt die ganze Sache. Für die letzte Filmminute schmeißt sich der Oldtimer-Freund Schenk schließlich in ein Vampirkostüm, während Ballauf sich widerwillig die rote Pappnase aufsetzen lässt – eine deutlich gelungenere Sequenz als die ganzen Kuss-Kapriolen und vielleicht schon jetzt das amüsanteste Bild des gesamten „Tatort“-Jahres.

    Ähnlich wie 2016 im „Tatort: Ein Fuß kommt selten allein“, in dem die westfälischen Kollegen Frank Thiel (Axel Prahl) und Professor Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) im Tanzverein ermittelten, suchen Ballauf und Schenk im Umfeld des Clubs nach dem Mörder der strengen Tanzlehrerin. Die Tote bleibt leider nicht die einzige Klischeefigur: Da gibt es noch den großkotzigen Vereinsmäzen Günther Kowatsch (souverän: Herbert Knaup, „Das Leben der Anderen“), der mit der viel zu jungen Annika (Natalia Rudziewicz, „Schuld sind immer die Anderen“) anbandelt, die zickige Tänzerin Saskia (Sinja Dieks, „Matula“), die beim knallharten Konkurrenzkampf keine Verwandten kennt, und schließlich den realitätsverleugnenden Karnevalsfreak Rainer Pösel (Tristan Seith, „Unter Gaunern“), der seinen bedauernswerten Sohn Paul (Luke Piplies) zum Herunterstammeln einer Büttenrede nötigt. In diesem „Tatort“ machen alle genau das, was man von ihnen erwartet. Tristan Seith und Milena Dreissig („Stromberg“-Kennern als „Schirmchen“ bekannt) müssen sich dazu auch noch wenig überzeugend mit dem kölschen Dialekt herumschlagen, der ihre vermeintliche Karnevalsbegeisterung fast schon konterkariert.

    Im Zickenkrieg fließen nicht nur nach bester „Germany’s Next Topmodel“-Manier bald erste Tränen in der Umkleidekabine, auch der Griff zur Medikamentenschachtel – dieses Thema wurde auch im letzten Wiener „Tatort: Schock“ aufgearbeitet – ist an der Tagesordnung. Dazu verheddern sich die Filmemacher in einer halbgaren Cybermobbing-Geschichte, ansonsten hält sich Drehbuchautor Jürgen Werner („Zivilcourage“) bei seinem schon 22. „Tatort“ strikt an die ungeschriebenen Gesetze der Krimireihe (einzig der obligatorische Besuch an der Currywurstbude am Rheinufer fällt diesmal ins Wasser) und Regisseur Thomas Jauch („Notruf Hafenkante“), der es seinerseits auf 21 „Tatort“-Folgen bringt, setzt das Ganze routiniert und ohne handwerkliche Spielereien in Szene. Echte Spannung vermögen die Filmemacher mit den vielfach bewährten Elementen aber diesmal kaum zu erzeugen, dafür ist das Ganze zu behäbig und dialoglastig – erst in den allerletzten Minuten wird es ein bisschen dramatisch, wenngleich die vorhersehbare Auflösung erfahrenen Zuschauern kaum mehr als ein müdes Lächeln abringen dürfte.

    Fazit: Thomas Jauchs „Tatort: Tanzmariechen“ ist ein mittelprächtiger Karnevalskrimi aus Köln, der spätestens am Aschermittwoch schon wieder in Vergessenheit geraten sein dürfte.

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